Franz-Stefan Gady

15. Mai 2012, 12:49
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Sheridan ist ein kleines Cowboynest im Norden von Wyoming, an der die Interstate 90 in Richtung Montana vorbeizieht. Von hier aus, ist die Hauptstadt Washington DC in östlicher Richtung beinahe 2000 Meilen entfernt , mehr als die doppelte Distanz der Strecke Wien-Bruessel. Dennoch sind die Konsequenzen der amerikanischen Außenpolitik auch hier spürbar: " Zwei Freunde von mir sind in Afghanistan gefallen. Wie können wir einem gescheiterten Staat helfen und warum sollten wir?", fragte mich Brittany, ein 22-jähriges Cowgirl, die mit ihrem Verlobten für ihre Hochzeit in der Stadt ist, und mit einer Gruppe von Freudinnen ihren Junggesellinnennabschied feiert. Nichts verdeutlicht ein abstraktes Konzept der Außenpolitik eindringlicher als ein Zinksarg und eine sorgfältig darauf gefaltete amerikanische Flagge.

Wenn Washington hustet, bekommt nicht nur Amerika, sondern der Rest der Welt eine Erkältung. Die Vereinigten Staaten sind, trotz Wirtschaftskrise und eines sinkenden Verteidigungsetats die mächtigste Nation der Welt und gleichzeitig die kontroversiellste. Die amerikanische Außenpolitik geht uns alle an.
Diese fünf-teilige Serie ist ein Versuch, einige der größten außenpolitischen Herausforderungen der Vereinigten Staaten in den nächsten fünf Jahren zu durchleuchten. Der erste Teil der Serie wird sich mit Washington DC und dem außenpolitischen Prozess (Wie kommt Außenpolitik in den USA zustande?) auseinandersetzen. Darauf folgt eine kurze Analyse der US-China Konkurrenz in Asien - von einigen Kommentatoren als die wichtigste bilaterale Beziehung des einundzwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet. Die ‘kleinen Kriege' im Irak, Afghanistan und an der Grenze zu Pakistan sind das Hauptaugenmerk des nächsten Artikels. Abgeschlossen wird die Serie mit einer Reportage über die oft schwierigen und in der westlichen Welt einzigartigen Verflechtung von Militär und Politik in den außenpolitischen Aktivitäten Amerikas.

Die USA, die unabkömmliche Weltmacht, wählt im November ihren 45. Präsidenten. Präsident Barack Obama verfolgt einen vorsichtigen, teilweise verzagten außenpolitischen Kurs, während der republikanische Gegenkandidat, Mitt Romney , das 21. Jahrhundert in ein ‘amerikanisches Jahrhundert' verwandeln will. Die Rhetorik hinkt jedoch der Realität hinterher: Beide Kandidaten unterscheiden sich kaum in ihren außenpolitischen Ambitionen. Beide sind von Sanktionen gegen den Iran überzeugt, unterstützen Israel, setzen sich für einen ´ehrenvollen' Frieden in Afghanistan ein, und sehen China als die größte Herausforderung für die USA in den nächsten Jahrzehnten. Ihr Spielraum in Zeiten der Wirtschaftskrise und aufstrebenden Mächten in Asien ist gering.

Diese einfache, von einer Person dominierte Darstellung verzerrt jedoch die wahre Komplexität der amerikanischen Außenpolitik. Der Kongress, das Weiße Haus, die verschiedenen Ministerien, das Militär, und die Geheimdienste verfolgen verschiedene Agenden, oft ohne Koordination. Revierkämpfe wie zwischen dem State Department und dem Verteidigungsministerium vor der 2003 Invasion des Iraks, sind Alltag. Die Bürokratie Washingtons hat öfter als ein Präsident einen Strich durch verwegene außenpolitische Projekte gezogen. ‘Wir sind auf den Feind gestoßen; es ist unsere eigene Bürokratie!" verlautbarte der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat New Gingrich vor ein paar Jahren.

Die amerikanische Außenpolitik kann, laut dem Politikwissenschaftler Walter Russel Mead, grob in vier Ströme unterteilt werden, die oft im Widerspruch zu einander stehen.

Die erste Schule ist die der ‘Hamiltonians', benannt nach dem Gründungsvater und ersten Finanzminister der USA, Alexander Hamilton. Hamiltonians sind überzeugt, dass die wirtschaftliche Entwicklung, daheim und im Ausland, gepaart mit einer kompromisslosen Unterstützung der Globalisierung, das Primat der amerikanischen Außenpolitik darstellen. George Bush Senior gilt als einer der Verfechter dieses Glaubensgutes. Ironischerweise wurden seine außenpolitischen Erfolge (z.B. die deutsche Wiedervereinigung, der erste Golfkrieg etc.) von Bill Clinton im Wahlkampf von 1992 marginalisiert ("It's the economy stupid.").
Die zweite Schule, und die vielleicht kontroversiellste und am meisten missverstandene - ist die ‘Wilsonian School', benannt nach dem amerikanischen Präsidenten, Woodrow Wilson. Wilsonians sehen es als die Pflicht der amerikanischen Außenpolitik an, "amerikanische Werte", wie Demokratie, nationale Selbstbestimmung, und Menschenrechte, zu verbreiten. Diese Schule, gepaart mit einem Glauben an die militärische Allmacht der USA, wurde vor allem von dem Neokonservativen, unter George W. Bush, adoptiert.

Die Wilsonian Schule steht im krassen Konflikt zum dritten Lager-den Jeffersonians, benannt nach Thomas Jefferson Gründungsvater und Autor der Unabhängigkeitserklärung, dem das fragile Experiment der amerikanischen Demokratie bewusst war und der die amerikanische Außenpolitik rund um die Erhaltung der Demokratie auf dem nordamerikanischen Kontinent fokussierte. Gleichzeitig versuchte er die Rolle der USA in der internationalen Politik zu minimieren und versuchte, keinem anderen Land, amerikanische Werte und Institutionen aufzubürden. George Kennan, der große amerikanische Diplomat und Architekt der "Eindämmerungstrategie" des Kalten Krieges gilt als einer der großen Verfechter dieser Schule.

Die letzte Schule, den Europäern mit Sicherheit am Fremdesten, ist die Jacksonian School, benannt nach dem Präsidenten und General Andrew Jackson. Jacksonians fördern ein tiefsitzendes, populistisches Gedankengut, gepaart mit einem starken Glauben an die Militärmacht der USA, unterstützt durch einen unerschütterlichen Glauben an das abstrakte Konzept amerikanischer "Freiheit" und einem anti-intellektuellen Einschnitt. Theodore Roosevelt, John McCain, Sarah Palin und die Vertreter der Tea Party finden sich alle in diesem Lager wieder.

Diese vier, grob skizzierten, außenpolitischen Schulen sollen helfen, die oft widersprüchlichen politischen Signale aus Washington besser zu deuten und einzuordnen. Freilich ist es moeglich, dass ein Präsident und seine Regierung eine Komposition verschiedener Schulen sind-Obama wäre am ehesten als eine Mischung aus Hamiltonian und Wilsonian zu beschreiben, während Mitt Romney die populistische und militärische Seite der Jacksonians und die anti-Bundesregierungsagenda der Jeffersonians unterstützt.

Übrigens, das letzte Mal das Nordwyoming und die Montana Bedeutung in der amerikanischen ‘Außenpolitik' hatten war in den 1870er Jahren, während der Indianerkriege. 30 Minuten von Wyoming liegt das Schlachtfeld von Little Big Horn, wo die Prärieindianer ein Regiment der US Kavallerie besiegten und beinahe 300 Soldaten töteten. Es stürzte die damalige Regierung unter Präsident Ulysses Grant in eine tiefe Krise - das Land bereitete sich gerade auf die Feier zum hundertjährigen Bestehen der Vereinigten Staaten vor. Die damaligen Auswirkungen sind mit denen des 11. Septembers zu vergleichen. Der Ruf nach Rache wurde laut, die Armee vergrößert und die Indianer systematisch in die Reservate getrieben. Die vielleicht größte amerikanische außenpolitische Tradition ist die des temporären Exzesses.

 

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