Das Drama des vernachlässigten Kindes

18. Mai 2012, 19:14
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Vernachlässigung von Kindern reicht von unzureichender Ernährung bis zu völliger Ignoranz gegenüber ihrem Bedürfnis nach Zuwendung. Die Zahl vernachlässigter Kinder steigt, die Jugendämter versuchen mit Elterntraining gegenzusteuern.

Es gibt Kinder, die auf die Frage, woran sie sich gern erinnern, antworten: "Einmal hat meine Mama zu Weihnachten mit mir 'Mensch ärgere Dich nicht' gespielt." Es gibt Jugendliche, die als Reaktion auf ihre Ansage, die Schule schmeißen zu wollen, nicht mehr zu hören bekommen als: "Wenn du meinst." Und es gibt Eltern, die einfach ein tiefgekühltes Fertiggericht auf den Tisch stellen - wenn es halbwegs aufgetaut ist, können die Kinder zu Mittag essen.

Vernachlässigung hat viele Facetten - vom schlichten Nichterkennen der Bedürfnisse von Kindern (siehe "Maslow'sche Bedürfnispyramide") bis hin zur wissentlichen Verweigerung von Zuwendung etwa als Strafmaßnahme, wenn das Kind wieder einmal frech war. Ob die elementaren Bedürfnisse nach Fürsorge, Ansprache oder einfach Nahrung bewusst oder unbewusst vernachlässigt werden - für die Kinder macht es keinen Unterschied. Die Folgen reichen von Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen bis hin zu körperlichen Schäden.

Kein urbanes Phänomen

Das Desinteresse an Kindern geht manchmal so weit, "dass nicht einmal mehr geschimpft wird", erzählt Hedwig Wölfl, die fachliche Leiterin des Kinderschutzzentrums Möwe. Nicht auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen sei "eine stille Form der Vernachlässigung, die oft übersehen wird". Darunter fielen auch jene Kinder, die statt Zuwendung 200 Euro in die Hand gedrückt bekommen. Dabei handle es sich aber keinesfalls um ein urbanes Phänomen, betont Wölfl, auch auf dem Land gebe es immer häufiger diese besondere Form des Alleinlassens mit dem riesigen Flatscreen im Kinderzimmer. Doch auch, wenn Kinder zum Partnerersatz würden, widerspreche dies den kindlichen Bedürfnissen.

10.500 Gefährdungsmeldungen erreichten das Wiener Jugendamt im Vorjahr - mehr als die Hälfte betraf Fälle von Vernachlässigung. Bei der Innsbrucker Jugendwohlfahrt sind diese Meldungen 2011 um 54 Prozent gestiegen. Gabriele Herlitschka, die stellvertretende Leiterin, sieht einen Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise, viele Eltern seien ausgelaugt. "Die Kinder werden dadurch viel zu früh sich selbst überlassen." Kindergartenpädagoginnen und Lehrer berichten, dass manche Kinder nie eine Jause mitbekämen und sich beim Mittagessen oft zeige, wie ausgehungert die Kleinen seien.

Im Rahmen einer Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung gaben 23,8 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer an, als Kinder körperlicher oder seelisch vernachlässigt worden zu sein. 27,9 Prozent der Frauen wurden mit Liebesentzug bestraft, bei den Männern waren es 17,8 Prozent.

Spirale der Erschöpfung

Vernachlässigung kommt in allen gesellschaftlichen Gruppen vor. Finanzielle Sorgen, Probleme in der Partnerschaft oder Misshandlungen in der eigenen Kindheit sind Risikofaktoren. In der Spirale der Erschöpfung entsteht oft Teilnahmslosigkeit gegenüber dem eigenen Kind. "Viele überspielen den Druck und reden sich ein, die Kinder sollen sich selbst durchschlagen", schildert Christian Tesar von den Grünen im 15. Bezirk - jenem Bezirk mit dem geringsten Durchschnittseinkommen Wiens. Oft ist der Wohnraum so beengt, dass die Kinder in Parks ausweichen müssen. Zu sagen, "den Eltern ist alles wurscht", greife zu kurz, sagt Tesar. Viele lebten in "Working poor"-Situationen. Für die Kinder bleibt im Überlebenskampf kaum Zeit.

Doch auch Gutverdienende, die sich vermeintlich Zeit für die Kinder nähmen, ignorierten deren Bedürfnisse oft, sagt Möwe-Expertin Wölfl. "Nur zu fragen, wie war dein Tag?, reicht nicht - wenn bereits keiner mehr zuhört, sobald das Kind zu erzählen beginnt." (Bettina Fernsebner-Kokert, Julia Herrnböck, DER STANDARD, 19./20.5.2012)

Wissen: Bedürfnisse
Kinder benötigen zuverlässige und berechenbare Beziehungen. Werden grundlegende Bedürfnisse ignoriert, kommt es zu Störungen auf den nächsten Ebenen - etwa bei der Ausbildung von Empathie oder Konfliktfähigkeit. Wirtschaftliche und psychische Krisen in der Familie erhöhen die Gefahr von Vernachlässigung ebenso wie Unerwünschtheit oder Behinderung des Kindes. In Österreich regelt der § 199 im Strafgesetzbuch Vernachlässigung: Wer seine Aufsichts-, Pflege- oder Erziehungspflicht vernachlässigt, kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu sechs Monate bestraft werden. 2011 wurden 51 Fälle zur Anzeige gebracht. (juh)

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    Gemeinsames Spielen und ein offenes Ohr für ihre Wünsche und Ängste ist für viele Kinder nicht selbstverständlich. Laut Experten überlassen Eltern ihre Kinder oft viel zu früh sich selbst.

  • Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow.
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    Bedürfnispyramide nach Abraham Maslow.

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