Ungedeckte Schecks im Sozialstaat

14. Mai 2012, 17:52
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Der neue Chef des Instituts für Höhere Studien, Christian Keuschnigg, sieht Finanzierungslücken im heimischen Pensionssystem

Der neue Chef des Instituts für Höhere Studien, Christian Keuschnigg, sieht Finanzierungslücken im heimischen Pensionssystem. Den Griechen rät er, sich rasch für oder gegen einen Euro-Austritt zu entscheiden.

 

Wien - Das Schrauben an dem einen oder anderen Rädchen im Pensionssystem war in den vergangene zehn Jahren eine der Hauptbeschäftigungen der heimischen Politiker. Geht es nach Christian Keuschnigg, wird auch in den kommenden Jahren weiter geschraubt werden müssen. Für die künftigen Belastungen, die sich aus der Alterssicherung ergebe, sei nämlich noch " nicht ausreichend Vorsorge" getroffen worden, sagte der neue Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS) am Montag bei seiner offiziellen Vorstellung. Keuschnigg löst am 1. Juni den langjährigen IHS-Chef Bernhard Felderer ab.

Angesichts der Alternativen - niedrigere Pensionen oder höhere Beiträge - hält der 53-Jährige eine Anhebung des Pensionsalters für sinnvoll. Im Sinne der Umverteilung zwischen den Generationen sei das die gerechteste Lösung, meinte Keuschnigg. "Da sehe ich großen Handlungsbedarf."

In eine bestimmte Schublade will sich der als liberal geltende Ökonom nicht stecken lassen. "Ich bin ein Anhänger der sozialen Marktwirtschaft, mehr will ich dazu nicht sagen." Es gehe nicht darum, " selber Politik zu machen", sondern darum, der Politik Konsequenzen möglicher Entscheidungen und Optionen aufzuzeigen.

Von der Schweiz könne sich Österreich einiges abschauen, meinte der gebürtige Tiroler, der seit 2000 an der Universität St. Gallen lehrt (und das auch weiter machen wird). Sympathie ließ er beispielsweise für Steuerwettbewerb zwischen den Bundesländern erkennen.

Mit der finanziellen Lage des Instituts zeigten sich Keuschnigg und IHS-Kuratoriumsvorsitzender Heinrich Neisser nicht zufrieden. Eine mittelfristige Planung sei schwierig. Subventionen bekommt das IHS vom Finanz- und Wissenschaftsministerium, der Notenbank und der Stadt Wien. Abgesehen vom Finanzressort gebe es aber immer nur kurzfristige Geldzusagen, so Neisser, der auch ankündigte, dass demnächst einer neuer Standort für das Haus präsentiert werde.

In der griechischen Schuldendebatte zeigte sich Keuschnigg um eine vorsichtige Wortwahl bemüht. In ersten Interviews hatte er Hellas einen Austritt aus der Eurozone nahegelegt.

"Fast schon Ironie"

"Man sollte den Griechen die Wahl lassen", sagt er nun. Klar sei, dass die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden müsse: entweder durch eine neue Währung, oder durch niedrigere Lohnkosten bzw. eine gesteigerte Produktivität. Dass gerade jetzt über einen Austritt spekuliert werde, sei "fast schon Ironie". Das Land habe schon einen "weiten Weg zurückgelegt". Offenbar sei es in Griechenland aber innenpolitisch kaum möglich, diesen Weg noch ein, zwei Jahre "zu Ende zu gehen". Sein Rat: Entscheide man sich für den Euro-Austritt, sollte man das rasch machen. Sonst drohe eine weitere Kapitalflucht. (go, DER STANDARD, 15.5.2012)

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    Christian Keuschnigg (53) übernimmt ab 1. Juni das Ruder am Institut für Höhere Studien. Er löst Bernhard Felderer ab.

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