Burma: Wo HIV noch ein Todesurteil sein kann

19. Juni 2012, 05:30
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20.000 Menschen sterben im Land pro Jahr an Aids - Doch selbst bei Erhalt der lebensrettenden Tabletten werden sie von der Gesellschaft ausgeschlossen

Der zwölfjährige Phoe Lone will Matrose werden, wenn er groß ist. Vor zehn Jahren konnte sich allerdings noch niemand vorstellen, dass Phoe überhaupt zwölf Jahre alt wird. Im Alter von zwei Jahren wurde festgestellt, dass er HIV-positiv ist. In seiner Heimat Burma kann das noch immer einem Todesurteil gleichkommen.

Doch Phoe hatte Glück: Er wurde behandelt und kann durch die Medikamente ein normales Leben führen. Trotzdem fühlt er sich einsam. "Einer meiner Freunde hat gesehen, als ich die Tablette genommen habe. Dann hat er es allen meinen Klassenkameraden erzählt", sagt Phoe. Spielen will nun niemand mehr mit ihm. In seinem Land herrscht eine vergessene Krise, auf die nicht nur anlässlich des internationalen Flüchtlingstages der UNO aufmerksam gemacht werden soll.

20.000 Aids-Tote jährlich

Burma wurde seit 1962 von einer Militärdiktatur beherrscht. Erst mit dem im vergangenen Jahr neu eingesetzten Präsidenten Thein Sein begann sich das Land aus der internationalen Isolation zu lösen. Dennoch sterben noch immer bis zu 20.000 Menschen jährlich an Aids. Und das, obwohl Burma im weltweiten Vergleich nur auf Platz 63 der HIV/AIDS-Rate bei Erwachsenen liegt. 

Insgesamt 120.000 Burmesen leben mit dem Virus, doch nur 30.000 von ihnen erhalten die lebensrettende antiretrovirale Therapie. Dabei müssen die Patienten Kapseln und Tabletten regelmäßig einnehmen, die ein Schlüsselenzym der HIV-Vermehrung in den befallenen Zellen blockieren.

Mann infizierte wahrscheinlich gesamte Familie

Doch nicht alle Patienten halten sich an die strikten Vorgaben der Therapie, weiß der Tiroler Krankenpfleger Georg Obereder, der für Ärzte ohne Grenzen von Juni 2009 bis März 2010 in Burma war. Während eines Kontrollgangs besuchte er damals auch eine Mutter in ihrer Hütte, weil sie die Tabletten nicht mehr regelmäßig in der Klinik abgeholt hatte. "Die HIV-positive Frau saß dort mit ihren vier Kindern, von denen ebenfalls zwei den HI-Virus hatten, wobei die anderen beiden Kinder noch gar nicht getestet waren", sagt Obereder zu derStandard.at. 

Der Vater arbeitete wie so viele Männer im benachbarten Thailand als Gastarbeiter und erkrankte am Virus durch sexuelle Kontakte in dieser Zeit, so die Vermutung des Krankenpflegers. "Bei solchen Schicksalen musste ich immer wieder schlucken", sagt der Tiroler.

Auf 27 Kilogramm abgemagert

Aufgrund der Ausbreitung der Krankheit in Burma ist es laut Ärzte ohne Grenzen nicht immer möglich, alle Menschen, die eine Therapie benötigen würden, auch tatsächlich zu behandeln. Ginge es strikt nach den Richtlinien der Gesundheitsorganisation, dann müsste jede Person, deren CD4-Wert unter 350 liegt, die lebenswichtigen Tabletten bekommen. 

Der CD4-Wert ist ein Indikator um die Zerstörung des Immunsystems zu messen. Je niedriger dieser Wert ist, umso fortgeschrittener ist die HIV-Infektion. Der alleinerziehende Vater Ma Khin Win weiß bereits seit vier Jahren von seiner Infektion. Trotzdem brach auch er seine Therapie ab. Als er schließlich mit seiner Tochter wieder in die Klinik kam, hatte er einen CD4-Wert von 20. Er war auf 27 Kilogramm abgemagert und zu schwach, um für seine Tochter und sich zu sorgen.

Finanzierung gestrichen

Bereits seit dem Jahr 1992 ist Ärzte ohne Grenzen im Land tätig und betreibt Klinken und medizinische Programme, um der Bevölkerung zu helfen. Als nach dem Tsunami 2004 in Thailand binnen einer Woche 1,6 Millionen Euro an Spendengeldern alleine an die Österreichische Organisation gegangen waren, wurde ein Spendenstopp ausgerufen. Für den zeitlich begrenzten Noteinsatz in dem Katastrophengebiet wurden nur 244.000 Euro benötigt. Der Rest wurde, mit Zustimmung der SpenderInnen, auf andere Notgebiete aufgeteilt. Der Einsatz in Burma erhielt damals eine zusätzliche Finanzspritze von 156.000 Euro. Doch seitdem fließt nur noch wenig Geld.

Eine gesamte Finanzierungsrunde für die Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria aus den Mitteln des globalen Fonds, der von der UNO zur Erreichung der Milleniumsziele gegründet wurde, wurde gestrichen. Das hat zur Folge, dass bis 2014 keine Gelder für die Ausweitung von HIV- und Tuberkulose-Therapien mehr fließen werden.

Der fehlende Tourismus und die fehlende wirtschaftliche Bedeutung des Landes, lassen diese Krise in der öffentlichen Wahrnehmung in Vergessenheit geraten. Alleine Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi schafft es mit ihrem Kampf gegen die Militärdiktatur auch in westliche Medien - die HIV-positiven Menschen Burmas oft nicht einmal mehr ins Krankenhaus. (Bianca Blei, derStandard.at, 19.6.2012)

  • Oft kommen die Patienten bereits schwer krank und abgemagert in die Kliniken.
    foto: msf/greg constantine

    Oft kommen die Patienten bereits schwer krank und abgemagert in die Kliniken.

  • Auch Kinder sind von dem HI-Virus immer öfter betroffen.
    foto: msf/greg constantine

    Auch Kinder sind von dem HI-Virus immer öfter betroffen.

  • Nicht alle Personen, die in die Kliniken kommen, können die lebensrettende Therapie erhalten.
    foto: msf/greg constantine

    Nicht alle Personen, die in die Kliniken kommen, können die lebensrettende Therapie erhalten.

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