Scheinheilig

Leserkommentar10. Mai 2012, 11:46
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Von einer wirklichen Problemlösung ist diese Symptombekämpfung weit entfernt

Das "Alkoholverbot" in der Grazer Innenstadt ist an Scheinheiligkeit nicht zu übertreffen. Offensichtlich wollen die Verantwortlichen im Gemeinderat nur eine bestimmte Gruppe "sozial schwieriger Leute" aus ihrer persönlichen Alltagszone weg haben.

Oder worum geht es wirklich? Dass manche Stadtpolitiker auf ihrem Weg vom Rathaus zu ihrem weißen Spritzer beim Mittagsitaliener am Hauptplatz nicht um 50 Cent anbettelt werden wollen? Warum spricht niemand über das eigentliche Problem?

Von einer wirklichen Problemlösung ist diese Symptombekämpfung jedenfalls weit entfernt. Da reicht es auch nicht, sich in diversen parteinahen Stadtzeitungen darauf rauszureden, "eh schon alles versucht" zu haben.

Aus Bettlern wurden Musikanten

Ähnliches war bei der Einführung des Bettelverbotes letztes Jahr zu beobachten, dessen Durchsetzung nur dazu geführt hat, dass mittlerweile jeder der früheren Bettler ein Musikinstrument in der Hand hat.

Nicht sehr flächendeckend, das flächendeckende Verbot

Die Krönung der Bigotterie ist aber eigentlich, dass die Stadt Graz jährlich eine "Lange Tafel der Genuss-Hauptstadt" veranstaltet, ein von Securitys bewachtes und abgesperrtes Essen für Land- und Stadtparteifunktionäre sowie sich zeigen wollendes Bürgertum, das direkt auf dem Hauptplatz stattfindet und genau fünf Meter von der eben angesprochenen Problemzone "Billa-Eck" entfernt liegt.

So viel zum Thema "flächendeckendes Verbot". Man mag gespannt sein, ob an der Tafel dieses Jahr auf den Schilcher verzichtet wird. (Leserkommentar, Martin Kenda, derStandard.at, 10.5.2012)

Autor

Martin Kenda lebt in Graz.

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