"Schutzschild, um ungehörige Fragen zu stellen"

Interview9. Mai 2012, 17:33
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Als kecke Manu Stangl versohlt sie Wolfgang Schüssel: Bei "Demokratie - die Show" denkt Pia Hierzegger an Schlingensief

STANDARD: In "Demokratie, die Show" dürfen Politiker nur telefonieren. Die Idee dahinter?

Hierzegger: In der Show wählen wir Themen, die uns beschäftigen, und gehen darauf nicht mit vorgefertigter Meinung zu, sondern laden Experten ein. Dass Politiker nur über das Telefon in die Show kommen, hat damit zu tun, dass Michael Ostrowski bereits früher an Abenden vor Wahlen so eine Art Wahlgala veranstaltete und dabei mit Spitzenkandidaten telefonierte. Das ist geblieben.

STANDARD: Ostrowski ist Ostrowski, Sie spielen die vorlaute Manu Stangl. Warum die Figur?

Hierzegger: Michael Ostrowski hat sich so etwas wie eine Kunstfigur geschaffen: Auch wenn er der Ostrowski ist, ist er ja nicht ganz er. Manu Stangl ist übriggeblieben aus Reich und arm, einer improvisierten Familiensaga. Der Sinn dieser Figur ist, dass ich mich mit ihr vortrauen kann. Ihre Naivität ist ein Schutzschild, um ungehörige Fragen zu stellen.

STANDARD: Wie viel ist spontan?

Hierzegger: Eigentlich alles. Puls 4 erklärte uns anfangs, wir müssten ein Drehbuch abgeben. Wir erklärten, dass wir es bis jetzt immer ohne gemacht hätten, weil die Spannung genau darin besteht, vor dem Publikum die Show entstehen zu lassen. Das ist vielleicht interessant fürs Publikum, weil wir oft nicht wissen, wo's hingeht.

STANDARD: Ein als Wolfgang Schüssel Verkleideter lässt die Hose runter und sich von Manu Stangl mit einem Palmzweig den Hintern versohlen. Reagieren Politiker da?

Hierzegger: Ich nehme an, Wolfgang Schüssel wird dazu schweigen. Bis jetzt war ja die Show nur im Theater und den meisten wahrscheinlich zu klein.

STANDARD: Politiker würden sich vielleicht schwertun in der Zuordnung: Kabarett ist das ja nicht?

Hierzegger: Politisches Kabarett nimmt Politiker viel mehr auf die Schaufel. Wir suchen immer wieder die Verwandtschaft zu Christoph Schlingensief und gehen von einer anderen Situation aus: Wir wissen bei einem Thema nicht genau, was stimmt, und können nur versuchen, andere Zugänge zu finden. Es geht nicht darum, Gäste fertigzumachen, sondern die Gelegenheit zu nutzen, ein interessantes Gespräch zu führen.

STANDARD: In Österreich ist Humor fast historisch gewachsen großteils Männersache. Woran liegt das?

Hierzegger: Ich kann nur schwer sagen, woran es liegt, dass Männer sich im Lustigsein leichter tun. Wobei ich nicht sagen will, dass alle lustig sind. Das Problem liegt oft darin, dass Frauen vieles in der Comedy nicht dürfen. Wenn es zu tief wird, verzeiht man das Männern eher. Vielleicht liegt's auch daran, dass Frauen aus einer immer noch defensiveren Position heraus mitmachen.

STANDARD: Wie bewegt man sich in diesem engen Spielraum?

Hierzegger: Mit dieser Figur ist das etwas anderes. Manu Stangl macht es mir leichter, weil ich mir sonst ständig überlegen müsste, ob ich das noch sagen kann oder ob es schon heißt, ich sei dumm. Was mir übrigens auch bei Manu nicht recht wäre. Sie ist eine, die viel weiß und gut vorbereitet ist, sich aber viel erlauben kann.

STANDARD: Welcher Politiker steht noch auf der Telefonliste?

Hierzegger: Wir haben immer wieder versucht, Frau Fekter ans Telefon zu kriegen. Aber wenn nicht, macht das auch nichts: Wir kümmern uns ja wie bei Wolfgang Schüssel auch um Menschen, die alle schon vergessen haben. (Doris Priesching, DER STANDARD, 10.5.2012)

Pia Hierzegger ist Autorin ("Schweinehunde"), Regisseurin ("Jochen Rindt. Ich möchte auch ein Ehrengrab"), Schauspielerin ("Nacktschnecken" ) und Ensemblemitglied im Grazer Theater im Bahnhof. Puls 4 zeigt vorerst zwei Folgen von "Demokratie - die Show".

Hinweis
"Demokratie - Die Show": "Es gilt die Unschuldsvermutung" am 10. Mai um 21.20 Uhr

Nachlese
"Demokratie - Die Show" startet am Donnerstag
- Michael Ostrowski und Pia Hierzegger führen durch einen Abend "voller politisch-poetischer Anarchie

  • Vorlaut und schusselig: Rollenverteilung zwischen Pia Hierzegger und Michael Ostrowski in der Politshow.
    foto: puls 4/nick albert

    Vorlaut und schusselig: Rollenverteilung zwischen Pia Hierzegger und Michael Ostrowski in der Politshow.

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