Von wirklichen und korrespondierenden Mitgliedern

8. Mai 2012, 19:31
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Freud oder Einstein fanden keine ÖAW-Aufnahme - wohl aber Mengeles Lehrer Otmar Freiherr von Verschuer 1959

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften ist in gleich mehrfacher Hinsicht eine Zweiklassengesellschaft. Sie hat nämlich eine mathematisch-naturwissenschaftliche und eine philosophisch-historische Klasse. Auf die wiederum verteilen sich die "zwei Klassen" von insgesamt mehr als 600 Mitgliedern: die wirklichen (w.) und die bloß korrespondierenden (k.) Mitglieder (M.) im In- und Ausland. Hinzu kommen Ehrenmitglieder und seit wenigen Jahren die Mitglieder der "Jungen Kurie" im Alter von unter 45 Jahren.

Blickt man zurück auf die Geschichte, dann gab wohl nicht nur die wissenschaftliche Exzellenz den Ausschlag, wer als w. M. oder k. M. in die ÖAW aufgenommen wurde. Prominente Nichtmitglieder waren unter anderem Sigmund Freud, der 63 Jahre alt werden musste, ehe er eine ordentliche Professur an der Universität Wien erhielt. Nicht viel besser ging es Albert Einstein, der als Ordinarius an der Deutschen Universität in Prag 1911/12 sogar Österreicher war. Auch ihm blieb die ÖAW-Mitgliedschaft verwehrt.

Das ist lange her. Wie aber schaute die "Zuwahlpolitik" nach 1945 aus? Dieser Frage ging der Innsbrucker Wissenschaftshistoriker Gerhard Oberkofler in einem kritischen Aufsatz nach, der dem Standard exklusiv vorliegt und der demnächst von der Leibniz-Sozietät veröffentlicht wird.

Gelehrtengesellschaft in schlechtem Licht

Der umtriebige Universitätsprofessor in Rente machte bei seinen Recherchen einige Entdeckungen, die gar kein gutes Licht auf die Gelehrtengesellschaft werfen. Den vielleicht spektakulärsten Missgriff, den Oberkofler rekonstruierte, tat die ÖAW 1959: Damals wurde nämlich der an der Uni Münster lehrende Humangenetiker Otmar Freiherr von Verschuer zum k. M. der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse im Auslande gewählt.

Oberkoflers Kommentar: "Bei solcher Wertschätzung durch die ÖAW wird es wahrscheinlich unhöflich sein, daran zu erinnern, dass Verschuer über , rassische, d. h. erbliche Eigenschaften' des Judentums referiert und - zumal ,die geschichtlichen Lösungsversuche der Judenfrage' gescheitert seien - die ,Endlösung' propagiert hat." Verschuer war zudem Nutznießer von aus Auschwitz geliefertem "Material" menschlicher Organe. Den Zugang dazu hatte er durch seinen prominentesten Schüler, Josef Mengele, der in den 1940er-Jahren auch sein Assistent war.

Auch in der philosophisch-historischen Klasse gab es nach 1945 die eine oder andere seltsame Zuwahl, so Oberkofler: 1975 etwa wurde der durch rassistische Geschichtsbetrachtungen berüchtigte Historiker Günther Franz zum k. M. im Auslande gewählt. Der Wahlvorschlag war vom w. M. Franz Huter eingebracht worden, der seinen Lehrer Harold Steinacker - laut Oberkofler "wüster Herold der Nazis der ersten Stunde" - 1964 erfolgreich als Ehrenmitglied vorschlug.

"Minderbelasteter" in der ÖAW

Eine besondere Rolle in der Geschichte der ÖAW nach 1945 spielte der Botaniker Fritz Knoll: Er war seit 1934 k. M. und wurde von der NSDAP im März 1938 als Rektor der Uni Wien eingesetzt. Die ÖAW machte Knoll 1939 zum w. M., drei Jahre später schrieb der Botaniker: "Nach der Reinigung der Lehre und Forschung von rassefremden und volksfremden Wissenschaftern ist es nun erst möglich geworden, dass der deutsche Lehrer und Forscher in jeder Hinsicht ein Vorbild für die deutsche Jugend sein kann."

Nach 1945 wurde Knoll von der ÖAW als w. M. vorübergehend aus der Liste gestrichen, als sogenannter "Minderbelasteter" lebte seine vollberechtigte w. Mitgliedschaft in der Akademie 1947 wieder auf, wie Oberkofler ausführt. Doch damit nicht genug: 1957 bis 1959 war Knoll Sekretär der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse, 1958 bis 1964 sogar mächtiger Generalsekretär der Akademie.

Aber auch die Uni Wien, deren Wunsch nach Umbenennung des Lueger-Rings kürzlich stattgegeben wurde, erwies ihrem Nazi-Rektor einen späten Dank: 1961 erhielt w. M. Knoll vom Akademischen Senat wegen seiner "ehrenvollen und mutigen Amtsführung in schwerer Zeit" das Rektorserinnerungszeichen. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 9.5.2012)

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    ÖAW-Mitglied ab 1959: Rassenhygieniker von Verschuer.

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