Eine Absage an die Verklärung

8. Mai 2012, 17:12
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Constanza Macras über ihr Festwochen-Stück "Open for everything"

Wien - Constanza Macras staunte nicht schlecht, als sie nach Ungarn kam, um unter den dort lebenden Roma Performer für ihr Tanzstück Open for everything zu finden, das am kommenden Donnerstag bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wird. Alle Mitglieder einer, wie sie sagt, sehr talentierten Volkstanzgruppe stellten sich ihr in Budapest nacheinander mit Namen und den immer selben Worten vor: "I'm open for everything." Macras begann zu begreifen: "Sie gingen von einem Castings für das Fernsehen aus."

Und sie lernte, "dass Roma über sich und über ihre Probleme überhaupt nicht gerne sprechen. Meist werden sie unter dem Vorzeichen ,politisches Theater' als Opfer angesprochen oder unter einer verklärenden Perspektive, wie etwa die schönen, farbenfrohen Volkstänze. Also glauben viele von ihnen, dass sie vor allem Letzteres verkaufen müssen. Wir konnten die Diskriminierung in Ungarn richtig spüren", erinnert sich die 42-jährige argentinische Choreografin: "Da gab es einen Jobbik-Aufmarsch, die Uniformen der Leute - wie ein Nazifest. Mit dabei war ein Typ, der NS-Magazine aus den 1930er-Jahren verkauft hat!"

Constanza Macras stammt aus einer Migrantenfamilie. Ihr Großvater, erzählt sie, sei einst aus Griechenland nach Argentinien ausgewandert. " Ich bin die dritte Generation und schon wieder in Europa." Die griechischen Wurzeln sind nicht vergessen: Ihr dreijähriger Sohn hört auf den Namen Costas.

Die Roma seien sesshafter als ihre Familie, sagt sie, die Vorstellung vom fahrenden Volk sei falsch: "Sie sind von Indien weg. Und dann wurden sie überall rausgeschmissen. Aber alle, die ich kennengelernt habe, wohnen schon seit vier Generationen an ein und demselben Ort."

Die temperamentvolle Künstlerin, deren atemberaubendes Sprechtempo an die Dynamik ihrer Stücke erinnert, lebt und arbeitet seit dem Jahre 1995 in Berlin. Bekannt wurde sie mit ihrer Company Dorky Park. Im Wiener Schauspielhaus zeigte sie 2005 bis 2007 drei markante Arbeiten: Big in Bombay, MIR - A Love Story und I'm not the Only One.

Mittlerweile zählt Macras zu den renommiertesten Choreografinnen Deutschlands, hatte eine Residency am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und wurde für ihr Stück Hell On Earth vom deutschen Goethe-Institut ausgezeichnet. Von diesem erhielt sie auch die Einladung, ein Projekt mit Roma zu realisieren. Macras sagte zu. Dann ereigneten sich die Deportationen von Roma aus Frankreich und die Morde an Roma in Ungarn.

Nach drei Monaten Probearbeit ist Open for everything jetzt fertiggestellt. Ist das nun also ein dokumentarisches Stück geworden? Macras relativiert: "Open for everything bewegt sich zwischen Fiktion und Dokumentation. Beim Dokumentartheater heißt es ja oft: Du gibst mir ein Thema, und ich zeige das, ohne eine gemeinsame Basis mit dir zu haben. Und eine gemeinsame Basis mit den am Stück beteiligten Menschen, die gibt es bei mir sehr wohl." (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 9.5.2012)

  • Constanza Macras.
    foto: thomas aurin

    Constanza Macras.

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