Feiertage streichen?

20. Juni 2003, 13:06
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In Deutschland ist die Debatte voll entbrannt - Auch hierzulande gibt es Handlungsbedarf - Kolumne von Hans Rauscher

Dieser Mai/Juni war wieder eine ideale Gelegenheit für so genannte "Ferienbrücken". Der 1. Mai war diesmal ein Donnerstag, der 29. (Christi Himmelfahrt) und jetzt Fronleichnam sind es immer - ideal für den kurzen Städteflug oder sonst eine Freizeitaktivität über drei extrem verlängerte Wochenenden. Dazu noch Pfingsten mit einem Montag-Feiertag: Dieser auch wettermäßig ideale Spätfrühling/ Frühsommer lud zu ausgiebigen Unterbrechungen des normalen Arbeitsflusses ein.

Das ist jetzt auch dem Wirtschaftsminister sauer aufgestoßen (dem deutschen). Wolfgang Clement dachte in einem Interview mit dem Stern laut über eine Kürzung der Feiertage nach: "Wir sind, was Urlaubszeit, Feiertage und Arbeitszeit angeht, zweifelsohne an der Grenze angelangt. Wer unseren Feiertagskalender mit dem anderer Staaten vergleicht, kann schon ins Grübeln kommen."

Und das kam so ...

Das mit dem Feiertagskalender stimmt. Deutschland ist ein Land mit vielen kirchlichen Feiertagen - fast so vielen wie Österreich. Diese wurden seinerzeit von der Kirche forciert, um a) dem Jahresablauf und dem Leben überhaupt eine kirchlich dominierte Struktur zu geben und b) den unfreien Bauern, die für die Grundherrschaft schuften mussten, ein paar Atempausen zu gönnen.

Diese Begründungen fallen jetzt weg, aber trotzdem hat Österreich jede Menge kirchlicher Feiertage - Weihnachten, Neujahr, Hl. Drei Könige, Ostern, Christi Himmelfahrt, Fronleichnam, Maria Himmelfahrt, Allerheiligen, Mariä Empfängnis, die zum Großteil auf Wochentage fallen (können). Dazu noch zwei Staatsfeiertage (1. Mai und 26. Oktober).

Abknappen?

Könnte man da nicht zum Nutzen der Volkswirtschaft hie und da etwas abknappen? Klar, sagt das deutsche Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Die Streichung eines bezahlten Feiertages würde rund 3,5 Milliarden Euro bringen.

Quatsch, sagt hingegen der Leiter der Konjunkturabteilung des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das sei eine "Milchmädchenrechnung". Nur in Boomzeiten mache mehr arbeiten Sinn, heute, wo es vor allem an Nachfrage und auch an Arbeit fehlt, lasse sich schwache Nachfrage nicht durch mehr Arbeitszeit wettmachen. "Wenn Sie eine totale Flaute haben, nützt auch ein zusätzliches Segel nichts."

Zu viel des Guten

Da müsste man wohl eher anderswo ansetzen: mehr Geld in den Taschen der Konsumenten (Achtung, Bundeskanzler Schüssel: der Finanzminister Grasser, hinter dem Sie "voll stehen", hat mit seiner Steuererhöhungspolitik reale Einkommensverluste der Bevölkerung zustande gebracht). Oder, beziehungsweise gleichzeitig, einen neuen Angebotsschub in Gestalt von Konsumgütern, die die Menschen auch kaufen wollen, etwa das Handy mit einer wirklich überzeugenden Zusatzfunktion.

Feiertage streichen in der Flaute ist also ein umstrittenes Erfolgsrezept (abgesehen davon, dass auch sie ein Teil unseres traditionellen Erbes sind, das zu kappen man sich zumindest kurz überlegen sollte). Aber in einem Bereich ist es inzwischen schon zu viel des Guten: im Bildungswesen.

Wildwuchs

Auf den Universitäten, aber ganz besonders in der Schule drängt sich viel zu viel in einer viel zu kurzen Nutzungszeit zusammen. Der Schulunterricht besteht bald nur noch aus Fenstertagen zwischen normalen Feiertagen, Direktorstagen, schulautonomen Freitagen, Energieferien und Ähnlichem. Hier sollte man wirklich streichen - nicht Feiertage, sondern den Wildwuchs an schul-und universitätsspezifischen Frei-Tagen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 20.6.2003)

hans.rauscher@derStandard.at

Hintergrund

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