"Schulreform per Rasenmäher"

18. Juni 2003, 11:19
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Lehrer, Galeristen und Museumsdirektoren fordern Verbesserung statt Kürzung des Kunstunterrichts und Bildungskonzept

Wien - Einen "Alarmschrei aus der Kunst" senden angesichts der geplanten Kürzung des Kunstunterrichts prominente Vertreter österreichischer Museen und Galerien sowie Lehrer und Universitätslehrer. Bei einer Pressekonferenz in der Wiener Universität für angewandte Kunst forderten sie eine Verbesserung des Kunstunterrichts und ein Konzept für kulturelle Bildung, das im Dialog zwischen der Politik und Kunstexperten zu erstellen sei. "Die Krise des Kunstunterrichts ist die Krise der Kulturnation", so der Tenor der vom Künstler Erwin Wurm initiierten Veranstaltung.

Bast: "Krasse politische Fehleinschätzung einer bereits alarmierende Situation"

Die geplante Kürzung der Stundenanzahl für die sechste AHS-Klasse von zwei auf eine Wochenstunde sei "nicht der Auslöser der Krise, sondern ein Symptom für die krasse politische Fehleinschätzung einer bereits alarmierenden Situation", betonte Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst. So wurde etwa die Unterqualifikation von Lehrkräften oder der starre, dem Prozesshaften des künstlerischen Unterrichts nicht gemäße 50-Minuten-Raster kritisiert.

Jüngste Schulreform "ohne Konzept und Perspektive"

Stellenwert und Qualität des Kunstunterrichts hätten entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung sowohl von künftigen Kulturschaffenden als auch von Kultur- und Kunstkonsumenten und damit auf die Existenz von Museen, Galerien, Konzerthäusern oder Kultursponsoring, heißt es in einer Unterstützungserklärung, die laut Wurm u.a. fast alle österreichischen Museumsdirektoren unterzeichnet haben. Die jüngste Schulreform sei hingegen "ohne Konzept und Perspektive, mit dem Rasenmäher" erfolgt, wurde auf der Pressekonferenz kritisiert.

Aggression vieler Galeriebesucher gegenüber moderner Kunst sei schon jetzt schockierend

So führe die Reduktion auf 50 Minuten pro Woche zu verstärkter Verschulung und Faktenwissen, Museumsbesuche von Schulklassen beispielsweise wären in der knappen Zeit nicht mehr unterzubringen. Wurm warnte vor daraus resultierenden massiven Einbrüchen bei Museums-Besucherzahlen, mit denen sich wiederum Subventionskürzungen von Museen argumentieren ließen, MAK-Direktor Peter Noever vor einer in Kunst-Feindlichkeit mündenden Kunst-Ignoranz. Schon jetzt sei das Unverständnis, ja die Aggression vieler Galeriebesucher moderner Kunst gegenüber schockierend, ortete der Vorsitzende des österreichischen Galerienverbands, Hans Knoll, dringenden Handlungsbedarf.

Matt: Schule darf keine "verlängerte Werkbank der Wirtschaft" werden

Kunsthallen-Leiter Gerald Matt, der seinen Diskussionsbeitrag in Form einer Art Rede an die Nation auf Video eingereicht hatte, kritisierte die Tendenz der Regierung, Schule zu einer "verlängerten Werkbank der Wirtschaft" zu machen. Barbara Plutz-Plecko von der "Angewandten" erläuterte die Bedeutung des Kunstunterrichts für alle Lebensbereiche, weil dabei Grundsätzliches wie etwa Beweglichkeit zwischen verschiedenen Denkmodellen und Perspektiven vermittelt werde. Studien hätten zudem längst belegt, wie wichtig Kreativität und vernetztes Denken gerade auch für die Ökonomie seien, betonte Franz Niermann von der Wiener Musikuniversität.

Niermann: "Wenn diese Fächer wegfallen, wird Schule schwer"

Auch an Hand der Pisa-Studie werde deutlich, dass etwa die skandinavischen Länder nicht so gut abgeschnitten hätten, weil die Schüler dort mehr gelesen und geschrieben hätten, sondern weil sie eine kulturelle Basis hätten, so Niermann. Und die Kürzung des Kunstunterrichts führe nicht zu einer Ent- sondern zu einer Belastung: "Wenn diese Fächer wegfallen, wird Schule schwer." Niermanns Resümee: "Dass sich die Kulturnation Österreich so eine Blöße gibt, ist unverständlich." (APA)

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