Anschlagsserie vor der Fußball-EM

27. April 2012, 18:38
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Mindestens 29 Verletzte in Großstadt im Osten des Landes - Bomben explodierten an belebten Orten - Hintergrund noch unklar

Mehrere Bombenanschläge in der Ukraine versetzen das Land in Schockzustand. Die Polizei fährt schwere Technik auf, die Regierung verspricht den Fans bei der bevorstehenden Fußball-EM völlige Sicherheit.

 

Kiew/Moskau - Die erste Bombe ging um die Mittagszeit im Zentrum der Millionenstadt Dnjepropetrowsk hoch. Der in einem Abfallbehälter einer Haltestelle abgelegte Sprengsatz detonierte, als eine Straßenbahn vorüberfuhr. 13 Personen mussten verletzt ins Krankenhaus gebracht werden.

Die Explosion war nur der blutige Beginn einer ganzen Anschlagsserie in der Stadt. Innerhalb kurzer Zeit gingen offiziellen Angaben nach vier Bomben nach ähnlichem Muster hoch. Ukrainische Medien berichten von sogar insgesamt zehn Explosionen. Mindestens 29 Menschen wurden bei den Attentaten verletzt, unter ihnen auch zehn Kinder.

Die Bürger von Dnjepropetrowsk stehen unter Schock: Als nach einer anonymen Bombendrohung der Bahnhof geräumt werden sollte, entstand Panik unter den Passagieren. Der Zugverkehr wurde eingestellt, auch der öffentliche Nahverkehr stand still, Geschäfte wurden geschlossen. Kinder wurden von den Schulen nach Hause geschickt.

Die Polizei legte den Mobilfunk in der ganzen Stadt lahm. Sie vermutet, dass die Bomben so ferngezündet wurden. Auf den Straßen patrouillierten Einheiten der Spezialtruppe Berkut in Schützenpanzern. Beamte durchsuchen alle Abfallbehälter der Stadt.

Opposition fürchtet Notstand

Innenminister Alexander Lawrinowitsch hat die Tat bereits als Terroranschlag einer organisierten Gruppe eingestuft: "Wenn das nur ein Irrer gewesen wäre oder wenn es sich um irgendeinen Racheakt gehandelt hätte, dann wären es nicht so viele Explosionen, sie wären nicht so koordiniert innerhalb einer kurzen Zeit und an solchen Plätzen abgelaufen", sagte er. Es handle sich um eine gut vorbereitete Aktion, fügte er hinzu. Präsident Wiktor Janukowitsch bezeichnete die Anschläge als "weitere Herausforderung für das ganze Land" und kündigte eine entsprechende Reaktion der Behörden auf die Gewalt an. In Kiew trat das Parlament, die Werchowna Rada, zu einer Sondersitzung zusammen.

 

Die Opposition befürchtet unterdessen, dass die ukrainische Führung die Anschläge als Vorwand nutzen könnte, um noch schärfer gegen sie vorzugehen. Es sei nicht auszuschließen, dass die Regierung den Notstand ausrufe, sagte der Rada-Abgeordnete Andrej Schkil von der Timoschenko-Partei BJuT. Damit hätte sie die Möglichkeit, Demonstrationen zu verbieten und die Bürgerrechte einzuschränken. "Im Grunde genommen würde sie die absolute Kontrolle über die Gesellschaft übernehmen", sagte Schkil. Der Vizechef des ukrainischen Geheimdienstes SBU, Wladimir Rokitski dementierte hingegen, dass es Pläne gebe, den Notstand zu verhängen. Bei seinem Auftritt vor der Rada versprach er eine schnelle Aufklärung des Falls.

Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft kommt der neue Skandal der ukrainischen Führung reichlich ungelegen. Bereits jetzt steht das Regime wegen des als politisch motiviert eingeschätzten Vorgehens gegen Julia Timoschenko unter Druck - so hat zuletzt Deutschlands Bundespräsident Joachim Gauck einen Staatsbesuch in der Ukraine abgesagt (siehe Artikel rechts). Dnjepropetrowsk ist die Geburtsstadt Timoschenkos.

Sicherheitsbedenken für die Europameisterschaft gab es bisher allerdings nicht. Die Uefa erklärte nach den Anschlägen in Dnjepropetrowsk, dass sie die Lage weiter beobachten werde. Es gebe keinen direkten Grund zur Verschärfung der EM-Sicherheitsmaßnahmen. "Wir unternehmen alle Maßnahmen, um die Sicherheit von Teilnehmern und Gästen der Fußball-EM zu garantieren", teilte unterdessen die ukrainische Regierung mit. (André Ballin /DER STANDARD, 28.4.2012)

  • Dnjepropetrowsk nach den Detonationen.
    foto: russia today

    Dnjepropetrowsk nach den Detonationen.

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    grafik: derstandard.at/stepmap
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    An einer Straßenbahnhaltestelle explodierte die erste Bombe.

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    Abtransport der Verletzten.

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