Revolution in Zeitlupe

Analyse26. April 2012, 07:42
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Seit mehr als einem Jahr gehen Mauretanier gegen ihre Regierung auf die Straße - bisher ohne Erfolg

"Wir sind bereit, Aziz zu stürzen", skandierten aufgebrachte Demonstranten Anfang dieser Woche in Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott. Großteils unbeachtet vom Rest der Welt wächst die Anzahl der Gegner von Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz in dem westafrikanischen Staat von Woche zu Woche. Dabei ist die Protestbewegung nicht neu: Ermutigt durch die Volksaufstände in Ägypten und Tunesien gingen bereits Anfang 2011 Tausende auf die Straße.

Auslöser damals war unter anderem der Geschäftsmann Yacoub Ould Dahoud, der sich am 17. Jänner vor dem Präsidentenpalast in Nouakchott aus Protest gegen die Regierung selbst verbrannte. Großdemonstrationen waren die Folge, die ihren ersten Höhepunkt am 25. Februar 2011 hatten - das Datum wurde zum Namen einer neuen Oppositionsbewegung. Doch der Protest ebbte im Laufe des Jahres ab - einerseits durch geschicktes Taktieren der Regierung, andererseits durch Konflikte innerhalb der Bewegung des 25. Februar, die schließlich zur Spaltung führten.

2012 flammten die Demonstrationen erneut auf und erreichten bei einer Kundgebung mit 40.000 Menschen im März einen neuen Höhepunkt. Hassobjekt ist vor allem Präsident Abdel Aziz. Der Ex-General putschte sich 2008 an die Macht, legte seine Uniform ab und ließ sich ein Jahr später zum Präsidenten wählen. Im Oktober 2011 hätten Parlamentswahlen stattfinden sollen. Diese wurden jedoch bereits dreimal verschoben, und auch der geplante Termin im Mai ist alles andere als sicher.

Bürokratisches Chaos

Nicht nur deswegen bekam die Protestbewegung neuen Aufschwung: Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden. Die Landbevölkerung beklagt die unzureichende Infrastruktur - Trinkwasser und eine funktionierende Stromversorgung sind in vielen Teilen des Landes Luxus. Nach einer Dürrewelle, Sturzfluten im März und steigenden Lebensmittelpreisen droht eine Hungerkatastrophe. Das Hilfsprogramm "Hope 2012" der Regierung versank im bürokratischen Chaos und Korruption.

Für Zorn und Empörung sorgen neben Vetternwirtschaft auch umstrittene Rohstoffabkommen wie jenes mit der Kinross Gold Corporation. Die Vereinbarung sieht laut Opposition vor, dass Mauretanien nur vier Prozent der Erlöse der nachgewiesenen Goldvorkommen in der Tastiast-Mine erhält.

Trotz zahlreicher Differenzen gelang es neun verschiedenen Oppositionsgruppen, eine gemeinsame Koalition bilden. In einer 42-seitigen Erklärung prangern sie Korruption, die systematische Ausbeutung natürlicher Ressourcen, soziale Ungerechtigkeit und die Dominanz des Militärs an. Gefordert werden eine Regierung der nationalen Einheit, die Auflösung des Parlaments und möglichst rasche Neuwahlen.

Auch moderate Islamisten der Partei Tawassoul wittern angesichts des immer größer werdenden Unmuts in der Bevölkerung ihre Chance. Mohamed Fadel, Mitorganisator der jüngsten Proteste, spielt sich gekonnt in den Vordergrund. Weniger moderate Kräfte versuchen ebenfalls, auf den Revolutionszug aufzuspringen. So forderte eine kleine Gruppe von Frauen, deren Ehemänner als mutmaßliche Al-Kaida-Mitglieder vom Regime festgenommen wurden, bei einer Demonstration Ende März neben der Freilassung ihrer Männer auch das Ende der Demokratie. (Stefan Binder, derStandard.at, 26.4.2012)

 

Mauretanien - Das Armenhaus der Arabischen Welt

Die Islamische Republik Mauretanien gilt als eines der obskursten Mitglieder der Arabischen Liga. Diesen Ruf verdankt die ehemalige französische Kolonie unter anderem der Tatsache, dass das Land - gemessen an der Bevölkerung - den weltweit höchsten Anteil an Sklaven hat. Die mehr als drei Millionen Einwohner leben großteils in Armut. Die einzigen nennenswerten Einkünfte stammen aus der Landwirtschaft, der Fischerei und dem Abbau von Bodenschätzen. Seit seiner Unabhängigkeit 1960 macht das Land fast ausschließlich durch Staatsstreiche und zuletzt durch den Kampf gegen Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQIM) international Schlagzeilen.

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    Mohamed Ould Abdel Aziz, Mauretaniens bedrängter Präsident.

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