Rundschau: Das trekige Dutzend

    Ansichtssache2. Juni 2012, 10:13
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    Gleich zwei Leviathane, dazu Bücher unter anderem von James Corey, Peter Nathschläger, Richard Calder, Joan Slonczewski und Alex Bledsoe

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    coverfoto: aavaa

    Peter Nathschläger: "Wo die verlorenen Worte sind"

    Broschiert, 272 Seiten, € 11,95, AAVAA 2011

    Wieder ist ein Rundschau-Intervall verstrichen, ohne dass der nächste Band der James Tiptree Jr.-Reihe rechtzeitig erschienen wäre - da öffnet sich wenigstens der Platz für eine andere Story-Sammlung, die schon ein bisschen länger heraußen ist ... und sich beim Lesen als würdiger Ersatz entpuppt hat. Neben dem später noch kommenden Roman von Joan Slonczewski ist "Wo die verlorenen Worte sind" des österreichischen Autors Peter Nathschläger das beste Buch dieser Rundschau! Erschienen ist es bei einem Kleinverlag mit recht buntem Programm - davor hatte Nathschläger hauptsächlich bei einem Verlag veröffentlicht, der nicht auf Phantastik, sondern auf schwule Literatur spezialisiert ist. Seine Liebe zum Genre demonstrierte er bereits im Roman "Die Legende vom heiligen Dimitrij", einer düsteren und von sehr viel Gewalt geprägten Erzählung aus dem Russland unserer Tage, das durch einen Meteor verheert wird. Dimitrij, der aus Sibirien in die große Stadt gezogen ist, um der erfolgreichste Strichjunge aller Zeiten zu werden, begibt sich in die Zone, in der nach der Katastrophe veränderte Naturgesetze gelten, und findet zu einem Transzendenz-Erlebnis à la J. G. Ballard - zumindest auf einer Realitätsebene des Romans.

    Auch in dieser Sammlung sind einige Geschichten enthalten, die jeder deutschsprachigen SF-Anthologie zur Zier gereichen würden. Zum Beispiel "Erinnerungen auf die Welt werfen", der Report eines Überlebenden einer anderen Art von Katastrophe. Aliens haben die Erde erobert; dass ihre Raumschiffe ebenso wunderschön anzusehen sind wie der "goldene Regen" aus ihren Waffen, macht den wie beiläufig durchgeführten Vernichtungsfeldzug nur umso grausamer. Eine Familie konnte sich in die Berge retten und erlebt dort in stiller Verzweiflung die letzten Tage der Menschheit mit - die Erzählung lässt an Thomas M. Dischs "The Genocides" oder Ray Bradburys "The Last Night of the World" denken. Letzterer könnte auch für "Nibis Amida blickt zur Erde" Pate gestanden haben, auch weil es darin um die realitätsschaffende Bedeutung von Büchern geht. Ein Asteroidenschwarm zieht durchs Sonnensystem - als man entdeckt, dass die einzelnen Brocken durch Taue miteinander verbunden sind, startet man von der Erde eine Forschungsexpedition. Was die AstronautInnen dann in den Hinterlassenschaften einer verblüffend erdähnlichen Welt entdecken, stellt ihr Verständnis der Wirklichkeit auf den Kopf.

    Fast als Antwort auf diese Erzählung präsentiert uns die Titelgeschichte als surrealen Höhepunkt der Sammlung ein Paar, das beim Frühstück sitzt und die Welt um sich herum verliert. Für die beiden existiert nichts außer der unmittelbaren Gegenwart, und auch die bricht Stück für Stück weg, erst in Worten, dann in Werken - beeindruckend. Acht Geschichten, drei davon in knapper Novellenlänge, sind es insgesamt. Die Hälfte davon ließen sich der Phantastik zuordnen, zumindest wenn man die beiden Slipstream-Erzählungen "Der Pan" und "Mistah Zumbee" mitrechnet, die  - je nach persönlicher Vorliebe - als irreal oder auch nicht betrachtet werden können. "Der Pan" dreht sich um die Begegnung eines Zivildieners mit einem ins Krankenhaus eingelieferten Junkie, der behauptet Peter Pan zu sein. "Mistah Zumbee" ist der dunkle Zwilling von "Pan". Es könnte ein Dämon sein, der die beiden Teenager Piero und Tim in sexuell aufgeladene Gewaltexzesse treibt, vielleicht ist der in der Erzählung auftretende "Schatten" aber auch nur das Albtraumsymbol, mit dem der erwachsen gewordene Piero seine Erinnerungen verschlüsselt hat.

    Die Gewalt in "Mistah Zumbee" wird früh angedeutet und kommt in ihrer Heftigkeit dann doch wie ein Schock - wie schon im Roman "Dimitrij", wie auch in der Geschichte "Das Gefühl, es würden einem Flügel wachsen". Zwei jugendliche Stricher ("Wir nannten das so: Unsere Schicht. Und wenn wir drei Freier erledigt hatten, machten wir unsere Gewerkschaftspause, so nannten wir das.") ziehen sich auf einem U-Bahn-Klo Joints rein und schweben für einen Moment in der Möglichkeit perfekter Harmonie, als sie zu Zeugen eines beginnenden Massakers werden. Hier gibt es keinen Trost mehr, nicht einmal in Form der bittersüßen Melancholie und rohen Schönheit, die Nathschläger auch in seine blutgetränktesten Erzählungen einbringt. Ähnlich wie in der auf Kuba angesiedelten Geschichte "Der Radfahrer" um den Jungen Franco, der aber wenigstens "nur" seine Illusionen verliert.

    "Der Radfahrer", "Das Gefühl, es würden einem Flügel wachsen" und die einleitende Erzählung "Paterson" sind Realweltgeschichten - auch wenn in letzterer eine Art Legende den Anstoß zur Handlung gibt: Zwei Jungen aus Jersey begeben sich auf die Suche nach einem Teenager, der vor Jahren Richtung New York verschwunden und in seinem heimatlichen Kaff zum Mythos geworden ist. Was sie auf seinen Spuren schließlich entdecken, ist unerwartet ... und im Vergleich zur Mehrzahl der hier versammelten Erzählungen sogar tröstlich. - Insgesamt lässt sich die inhaltliche Mischung der Sammlung in keine Schublade stecken. Die Lektüre ähnelt durchaus der alter Taschenbücher von Ray Bradbury, Robert Bloch oder Stephen King (auf den Nathschläger mehrfach Bezug nimmt): Mal ist's Phantastik, mal nicht - spielt aber keine Rolle, da es sich einfach um einen hervorragenden Erzähler handelt.

    "Wortgewaltig" steht im Klappentext und wurde auch schon mehrfach in Rezensionen zitiert. Bin mir gar nicht so sicher, ob das in die richtige Richtung führt, impliziert es doch einen schreiberischen Furor, der immer auch ein gewisses Maß an Theaterdonner enthält. Scheint mir eher so, dass sich Nathschläger gerade im kurzen Format seiner persönlichen Variante dessen annähert, was der Autor und Kritiker Jeffrey Ford als "Stil-der-kein-Stil-ist" bezeichnet hat: Ein nur auf den ersten Blick paradox klingendes schriftstellerisches Ideal, bei dem alles so auf den Punkt gebracht ist, dass jeder Satz die Erzählung ideal transportiert und den Autor dahinter zurücktreten lässt. In seinen besten Momenten wie der Titelgeschichte "Wo die verlorenen Worte sind" kommt Nathschläger diesem Ideal jedenfalls verdammt nahe.

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