Rundschau: Das trekige Dutzend

    Ansichtssache2. Juni 2012, 10:13
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    Gleich zwei Leviathane, dazu Bücher unter anderem von James Corey, Peter Nathschläger, Richard Calder, Joan Slonczewski und Alex Bledsoe

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    coverfoto: ps publishing

    Brendan Connell: "The Architect"

    Gebundene Ausgabe, 124 Seiten, PS Publishing 2012

    Wenn sich ein Buch in so gar keine Schublade stecken lassen will, wird's meistens spannend. So auch hier. Brendan Connell, ein US-amerikanischer Autor kürzerer Erzählungen, entfesselt in der Novelle "The Architect" eskalierenden Irrsinn, als wollte er das Sprichwort "Gut gemeint ist das Gegenteil von gut" in besonders drastischer Weise illustrieren. Apropos Illustration: Die Handlung hätte sich ja eher eine Synthese aus dem "Turmbau zu Babel" und Hieronymus Boschs höllischen Wimmelbildern verdient ... das Scheusälchen von einem Coverbild, das der Verlag stattdessen gewählt hat, ist aber auch schon der einzige Minuspunkt an dem Ganzen.

    Die Novelle dreht sich um ein architektonisches Projekt, das mit der Prämisse eines seiner PlanerInnen - "Practicality dirties the principle essence" - einen unheilschwangeren Ausgang nimmt und in der Folge alle Beteiligten auffrisst. Teilweise im wörtlichen Sinne. Dabei wäre doch alles so schön humanistisch angedacht gewesen: Auf einem planierten Berggipfel im schweizerisch-italienischen Grenzgebiet soll der neue Meeting Place einer "Society" errichtet werden, die sich der spirituellen Philosophie des Dr. Maxwell Körn verschrieben hat. Einer ziemlich eklektizistischen Weltsicht, wie Zitate aus Körns Lehren zeigen: Inklusive der Verheißung eines Lebens nach dem Tod als ätherische Wesen, die mit vielfacher Lichtgeschwindigkeit zu fernen Welten aufbrechen und in höhere spirituelle Dimensionen aufsteigen. Klingt nach einem Gebräu aus den Ideen L. Ron Hubbards, als er noch pulpige SF-Geschichten schrieb, und einem Zufallseinkauf im esoterischen Supermarkt.

    Aber wie lässt sich Körns Lehre architektonisch manifestieren? Die reichen Gesellschaftsmitglieder sind sich uneins, bis der junge Peter de la Tour mit der richtigen Idee ankommt. Peter ließe sich kurz zusammengefasst als Architektur-Geek bezeichnen - welch wunderbar hehre Worte hingegen Connell dafür findet, ist ein stilistischer Genuss. Kein Wunder, dass Paul di Filippo, ein anderer Vertreter des wortgewaltig geschilderten Absonderlichen, einen Blurb auf der Buchrückseite beigesteuert hat. Peter bringt eine Mappe des visionären Architekten Alexius Nachtman an; ihr Staunen machender Inhalt ist zugleich ein Appetitwecker für diejenigen, die die Novelle aus einer Phantastik-Perspektive lesen wollen: Huge edifices, megastructures, poured from the leaves. Bridges which spanned oceans, towers which stretched into the clouds, huge fortresses which looked as if they could withstand the destructive force of an Armageddon. Vertical cities rose up from desert plains in startling anaxometrics, while spatial cities, cities built fifteen or twenty meters above their counterparts, stood forth as visions of utopian architecture, only to be outdone on subsequent pages by floating cities, vast nests of hexagonal pods resting atop lakes and oceans.

    Nachtman wird engagiert und erweist sich als pompös auftretendes Bündel von Allüren, überzeugt davon, dass der einzig wahre Begriff von Architektur mit Atlantis versunken ist und seitdem nur mehr Inferiores die Erdoberfläche besudelt hat. Durch sein Charisma reißt er das Projekt sukzessive an sich. Während das Gebäude immer größer und extravaganter wird, braucht es sämtliche Ressourcen der Society auf, erst die finanziellen und dann - als die professionellen Arbeiter vergrault und durch Freiwillige aus den Reihen der Körn-AnhängerInnen ersetzt werden - auch die menschlichen. Am Fuße des Gebäudes entwickelt sich eine albtraumartige Mikro-Zivilisation, die selbst die hydraulischen Gesellschaften der Antike in den Schatten stellt: It was a mass monomania, where the community, the Society, swallowed up all individual will, and, converted into a single superorganism, moved in concert. Spätestens wenn Nachtman das Eisen für die Eingangstore aus dem Blut der KörnianerInnen raffinieren will, wird klar, zu was für einem allesverschlingenden Moloch das Projekt mutiert ist. Und das ist noch lange nicht das Ende.

    "The Architect" ist eine hochgradig allegorische Erzählung - anwenden lässt sie sich bei engerer Interpretation auf alles, was Erlösung im Jenseits verheißt und dafür unerträgliche Kosten im Diesseits verlangt; im weiteren Sinne aber auf jede Idee, die zu unkontrollierter weltlicher Macht gelangt. Erzählt wird das Ganze in einem mythologisierenden Tonfall, wie die Geschichtsschreibung aus einem weniger nüchternen Zeitalter. Connell wahrt dadurch eine gewisse Distanz und unterstreicht dies noch durch ironische Passagen, die beinahe unpassend komisch daherkommen. Einmal fügt er dem Stichwort "Geräusch der Bohrer" die "erklärende" Fußnote ggggggggggggggggg bei ... Ein seltsames Ding, und ein erschreckend gutes. Viel entsetzlicher als so einiges, was der eigentlichen Kategorie "Horror" zufällt.

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