Rundschau: Das trekige Dutzend

    Ansichtssache2. Juni 2012, 10:13
    52 Postings

    Gleich zwei Leviathane, dazu Bücher unter anderem von James Corey, Peter Nathschläger, Richard Calder, Joan Slonczewski und Alex Bledsoe

    Bild 2 von 12
    coverfoto: heyne

    James Corey: "Leviathan erwacht"

    Broschiert, 655 Seiten, € 15,50, Heyne 2012 (Original: "Leviathan Wakes", 2011)

    Na das ist ja schnell gegangen - da steht das Buch noch auf meiner Liste der Vielleicht-Bestellungen bei den Originalerscheinungen, und schon ist es übersetzt. Bei einem bislang unbekannten Autor wäre ein solches Tempo noch verwunderlicher, aber hinter "James Corey" verbirgt sich ja der spätestens seit seinem Fantasy-Zyklus "The Long Price Quartet" (auf Deutsch: "Die magischen Städte") etablierte US-Autor Daniel Abraham. Für seinen Ausflug ins Genre Space Opera hat er sich mit Ty Franck, dem laut Eigenaussage "office monkey" von George R. R. Martin, einen Ko-Autor angelacht, der ebenfalls in New Mexico lebt, und für beide ein gemeinsames Pseudonym geschaffen.

    Fangen wir mal reiseführermäßig an: Zwei- oder dreihundert Jahre in der Zukunft stehen sich auf der Erde 30 Milliarden Menschen auf den Füßen, eine nicht näher genannte Zahl bewohnt den Mars, zig Millionen zudem den Asteroidengürtel und andere kleinere Himmelskörper. Die großgewachsenen, unter verringerter Schwerkraft lebenden Gürtler unterscheiden sich nicht nur körperlich von den Menschen, die "in der Schwerkraftsenke" (also auf den beiden Planeten) leben; auch ideologisch trennen sie Welten. Zwischen den drei Mächten Erde, Mars und Gürtel hat sich ein brisantes Gleichgewicht etabliert, das immer nur einen kleinen Schritt vom nächsten Krieg entfernt ist. Nur das Bewusstsein, wie fragil sowohl Weltraumhabitate als auch Planeten sind (Stichwort: auf Kollisionskurs gebrachte Asteroiden ...), hält den Frieden aufrecht. Zumindest solange, bis die schwelenden Konflikte von unbekannter Seite geschürt werden. Was als Polit-Krimi beginnt, nimmt dann eine neue Dimension an.

    Vielleicht ist es Zufall, dass der Roman aus den USA stammt, vielleicht auch nicht - auf jeden Fall unterscheidet er sich im Ton spürbar von denen bekannter Vertreter der New Space Opera, einer britischen Domäne. Bei Autoren wie Paul McAuley oder Alastair Reynolds schwingt stets eine gehörige Portion kindliche Begeisterung über die Wunder der Technik mit, selbst wenn sich diese destruktiv auswirken - im Grunde eine optimistische Haltung. Hingegen sind die Raumschiffe, die durch Coreys Sonnensystem ziehen, in geradezu symbolischer Weise allesamt hässliche Klötze, die technische Entwicklung stagniert. Alles ist hier einen Tick dreckiger, pessimistischer und zynischer - die Kolonisierung des Sonnensystems wird wie die Ausbreitung einer Krankheit beschrieben, versetzt mit einer zusätzlichen Spitze: Dann hatte Solomon Epstein einen leicht veränderten Fusionsantrieb konstruiert, auf seine Dreimannjacht gepflanzt und ihn eingeschaltet. Mit einem guten Teleskop konnte man sein Schiff immer noch mit einem Bruchteil der Lichtgeschwindigkeit in die große Leere fliegen sehen. Die beste und längste Beerdigung in der Geschichte der Menschheit. Glücklicherweise hatte er die Pläne daheim in seinem Computer hinterlassen. Der Epsteinantrieb hatte der Menschheit zwar nicht die Sterne geschenkt, ihr jedoch die Planeten ausgeliefert.

    Auf den Punkt gebrachte Passagen wie diese gibt es von Beginn weg. Der Prolog setzt damit ein, dass die junge Julie Mao in einem Spind hockt, während in ihrem von Unbekannten geenterten Raumschiff bedrohliche Vorgänge ablaufen. Er endet mit einem Wiedersehen in schockierender Form, Stichwort Grey Goo. In der Folge wird die idealistische Tochter reicher Eltern indirekt das Leben der beiden Hauptfiguren des Romans umkrempeln. Einer davon ist Jim Holden, Executive Officer eines Eistransporters, der den Notruf von Julies Schiff empfängt und bei der Rettungsmission abgeschossen wird. Jim und eine Handvoll Besatzungsmitglieder, die sich zum Zeitpunkt des Angriffs auf einem Shuttle befanden, schwören Rache.

    Derweil wird auf der fernen Ceres-Station der Sicherheitsbeamte Miller damit beauftragt, das Verschwinden Julies aufzuklären. Es ist kein Zufall, dass wir Millers Vornamen erst ganz am Ende erfahren - der Autor unterstreicht damit den Distanzraum, den der seelisch vernarbte Detective um sich herum aufbaut. Dennoch hält er sich für einen guten Polizisten - bis er nach dem ersten Drittel zu seiner (und unserer) Überraschung erfährt, dass er allgemein für eine Niete gehalten wird. Diese Eröffnung ist der letzte Schlag, der noch gefehlt hat, um sein bisheriges Leben aus der Bahn zu werfen. Mit wachsender Verbissenheit widmet er sich fortan der Aufklärung von Julies Schicksal - und immer mehr verklärt er die ihm eigentlich völlig unbekannte Frau zur Verkörperung all dessen, was er verloren hat.

    "Leviathan erwacht" lebt vom Gegensatz der beiden Hauptfiguren. Hier der junge Erdenmensch Holden, der mit seiner multikulturellen Crew einen positiven Gegenentwurf zum konfliktären Trio Erde-Mars-Gürtel lebt, dort der 20 Jahre ältere Gürtler Miller, abgebrüht, zynisch und vor notwendiger(?) Gewalt nie zurückschreckend. Damit verkörpern die beiden auch unterschiedliche Moralvorstellungen: Holden empfindet Abscheu vor Millers Skrupellosigkeit, was das Töten anbelangt - doch muss er sich nicht den Vorwurf gefallen lassen, dass sein naives Bemühen, das Verbrechen an Julie Mao öffentlich aufzuklären, im heraufziehenden Krieg instrumentalisiert wird ... und er damit letztlich viele, viele Leichen mehr auf seinem Konto hat als Miller? Die LeserInnen müssen selbst entscheiden, welcher Seite des verhinderten Buddy-Paars sie sich eher zugehörig fühlen. Bis sie sich dazu durchgerungen haben, konnten sie jedenfalls einen spannenden Roman genießen, dessen Fortsetzung "Caliban's War" im Juni erscheint und hoffentlich ebenfalls zu einer deutschen Übersetzung findet.

    weiter ›
    Share if you care.