Rundschau: Das trekige Dutzend

    Ansichtssache2. Juni 2012, 10:13
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    Gleich zwei Leviathane, dazu Bücher unter anderem von James Corey, Peter Nathschläger, Richard Calder, Joan Slonczewski und Alex Bledsoe

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    coverfoto: 2000 ad

    Ian Edginton & D'Israeli: "Leviathan"

    Graphic Novel, broschiert, 112 Seiten, 2000 AD 2012

    Also an dem Cover kann man doch einfach nicht vorbeisehen. Darunter lauert einer der schrägeren Beiträge zum 100. Jahrestag des "Titanic"-Unglücks: Zufall war es bestimmt nicht, dass die ursprünglich ab 2003 erschienene Comic-Reihe zusammen mit ergänzendem Material just im April 2012 als Sammelband neuaufgelegt wurde. Das Motto des britischen Autoren Ian Edginton, dem laut eigenen Worten eine Art "'The Shining' auf hoher See" vorschwebte, lautete dabei: Noch grässlicher ... und vor allem noch größer. Ursprünglich dachte er an ein Passagierschiff von zehn Meilen Länge, bis die ersten Entwürfe von Zeichner D'Israeli Probleme mit der Perspektive offenbarten. Aber eine Meile tut's ja auch.

    Imposant wie nichts davor und nichts danach stach 1928 mit der "Leviathan" der White Hart Lines das größte Passagierschiff der Welt in See: Eine schwimmende Stadt mit 30.000 BewohnerInnen, ein Zoo und eine Inuit-Jazzkapelle inklusive. Doch als die Handlung einsetzt, sind seitdem bereits 20 Jahre vergangen und die "Leviathan" hat ihr Ziel New York nie erreicht. Seit zwei Jahrzehnten dümpelt sie auf einem toten Meer unter einem sternenlosen Himmel dahin, gefangen in einem Limbus, der niemanden entkommen lässt. Das Bordleben ist jedoch weitgehend intakt geblieben: Auf dem Erste-Klasse-Deck hält die Oberschicht an ihren Privilegien fest, während die Billigpassagiere des Zwischendecks in einer Umgebung leben, die an die Schachtstädte erinnert, in denen John Difool aufwuchs. Ein schwimmender Mikrokosmos als Spiegelbild der Gesellschaft, noch nicht anarchisch, aber auf dem Weg dazu. Schwung in die scheintote Existenz bringt eine Mordserie in der Ersten Klasse, bei der den Opfern die Haut in Streifen abgeschält wurde. Aurelius Lament, ein Scotland-Yard-Mann in mittleren Jahren, nimmt die Ermittlungen auf, die ihn schließlich zum seit langer Zeit abgeriegelten Maschinenraum führen ...

    Soweit die durchaus an Geisterschiff-Filme wie "Octalus", "Virus" oder auch "Event Horizon" erinnernde Handlung, die allerdings nur etwa die Hälfte des Bands ausmacht. Dazu kommen Skizzen und Anmerkungen von Autor und Zeichner sowie die später erschienenen Tales of the Leviathan: Episoden aus der Zeit vor der Haupthandlung, die sich um Einzelschicksale drehen - wie das einer emanzipierten "Aviatrix", die mit dem Postflugzeug der "Leviathan" ins Nichts aufbricht, eines gemobbten Schiffsjungen, der blutige Rache nimmt, oder eines Abenteurers, der sich auf die Suche nach einem legendären vergessenen Laderaum voller Luxusartikel aufmacht.

    Edginton verleiht seiner Schwärmerei für die "noble" Ära der Ozeanriesen vor dem globalen Flugverkehr quietschvergnügt Ausdruck: "Oh, for goodness' sake! Will you kindly have the decency to die properly?" - "After you, you bastard ..." Schwarzer Humor, Schockeffekte und Melancholie halten sich die Waage, was sich in den expressiven Schwarz-Weiß-Zeichnungen D'Israelis widerspiegelt: So wechseln Gore-Szenen mit Rückblenden voller Traurigkeit und Blicken auf die zyklopische Architektur der "Leviathan". Und allenthalben prangt als Leitmotiv das Auge, wie es auch auf dem Titelbild zu sehen ist: Von den Armbinden der faschistoiden Schutztruppe in der Ersten Klasse bis zum - beinahe wörtlich zu verstehenden - Herz des Schiffes. Ein paar bildliche Eindrücke gibt's hier.

    Mit einem spektakulären Ende nach dem Ende, das den Pietätsabstand zu 9/11 gerade noch mal so eingehalten hat, findet die Geschichte schließlich ihren Abschluss. Letztlich ein pulpiges Abenteuer mit nicht ganz dem Tiefgang der "Leviathan", aber sehr unterhaltsam. Und weil Leviathane nicht gerne alleine schwimmen, kommt im nächsten Monat noch ein dritter nachgezockelt. Außerdem mit dabei: Die erste deutschsprachige Ausgabe eines Werks von Lavie Tidhar, Zeit war's!  (Josefson, derStandard.at, 2.6.2012)

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