Rundschau: Das trekige Dutzend

    Ansichtssache2. Juni 2012, 10:13
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    Gleich zwei Leviathane, dazu Bücher unter anderem von James Corey, Peter Nathschläger, Richard Calder, Joan Slonczewski und Alex Bledsoe

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    coverfoto: begedia

    Lucas Edel: "Venustransit"

    Broschiert, 200 Seiten, € 10,95, Begedia 2012

    Eine Bucherscheinung pünktlich zum aktuellen astronomischen Anlass am 5. Juni - so ein gutes Timing wird's lange nimmer geben. Venusdurchgänge (also wenn sich unser Nachbarplanet sichtbar vor die Sonnenscheibe schiebt) treten ja immer paarweise im Abstand von acht Jahren auf - und dann ist's wieder für über ein Jahrhundert Essig damit. Was mich unwillkürlich zu der sehnsüchtigen Frage führt, wie wohl die SF der 2110er Jahre sein wird ... naja, die wird dann jedenfalls von jemand anderem rezensiert werden. Hier geht's ohnedies in die andere Richtung, denn ähnlich wie zuvor Frank W. Haubold orientiert sich auch Lucas Edel, ein unter Pseudonym arbeitender Autor und Mediziner aus Österreich, am Golden Age der Science Fiction.

    2117 also steht der übernächste Durchgang an, und den hat Edel als Hintergrund für seinen Roman gewählt. Von der in der Venus-Atmosphäre schwebenden Station "Ariel" sollen sich zum Zeitpunkt des Venustransits zwei Männer hinunter auf die Gipfel der Maxwell Montes begeben und von dort eine Botschaft an die Erde schicken. Warum das in einem bereits teilbesiedelten Sonnensystem "das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit" sein soll (2004 z.B. schaute die Welt eher auf Abu Ghraib als in die Sonne), erschließt sich mir nicht ganz. Aber die Skepsis über den Medienrummel wird von der Hauptfigur durchaus geteilt.

    Gus Hayden ist ein Angehöriger der planetaren Sicherheit von 52 Jahren und nicht sonderlich erbaut davon, dass er nach "Ariel" abkommandiert wird, um ein Auge auf die versammelten JournalistInnen zu haben. Und dass ihn bei Weltraumeinsätzen stets eine hartnäckige Erkältung befällt, hellt seine Stimmung auch nicht gerade auf. Hayden präsentiert sich zunächst wie ein missgelaunter österreichischer Tourist im Ausland [Tipp für ein kleines Experiment im Urlaub: Wer am Transitflughafen den Anschlussflug nach Hause sucht und die Gate-Nummer vergessen hat: Einfach nach der unverwechselbaren Wolke aus raunzender Ungeduld Ausschau halten, die über den Wartenden hängt - dort geht's nach Wien.]. Mit der Zeit wird er jedoch immer sympathischer, und wenn er schließlich - eine Liebesgeschichte gibt es nämlich auch - begreift, was ihn mit seiner Freundin verbindet, dann ist dies eine ebenso bittere wie rührende Erkenntnis.

    Vor die Liebe hat der Krimigott aber den Tod gesetzt, und hier trifft es mit Dimitri Andrejewitsch einen alten Kumpel Haydens, der auf "Ariel" arbeitet. Zu Haydens Überraschung war Andrejewitsch bei den übrigen Crewmitgliedern nicht sonderlich beliebt, und so ergibt sich rasch ein Agatha-Christie-mäßiges Szenario: Auf engem Raum versammelt sich ein Kreis von Verdächtigen, die allesamt ein Mordmotiv hatten. Doch war es der eitle Chefwissenschafter der Station oder der Kommandant, der offenbar einiges zu verbergen hat? War es eine von Andrejewitschs Geliebten oder gar - noch schlimmer - die Exobiologin FangFang, mit der Hayden mal ein Verhältnis hatte, das sich nun aufzufrischen beginnt?

    SF-Krimis lassen sich im Wesentlichen in zwei Gruppen teilen: Zum einen die, die das futuristische Setting eher als Kulisse betrachten, während der Kern der Handlung mit kleineren Änderungen leicht auf unsere Gegenwart übertragbar wäre. Das ist die überwiegende Mehrheit, und auch "Venustransit" gehört dazu. Die andere, in der das Verbrechen untrennbar mit dem SF-Hintergrund verbunden ist, ist seltener. Jack McDevitt kriegt dies in seinen Alex-Benedict-Romanen öfters hin - wenn etwa eine Sternenexplosion oder der Erstkontakt mit einer Alien-Spezies für das aufzuklärende Verbrechen maßgeblich sind. Ein anderes Beispiel, viel näher am Plot von "Venustransit", wäre "Coup de Grace", eine von Jack Vances Magnus-Ridolph-Geschichten aus dem Jahr 1958. Auch hier ist der Mörder in einem kleinen Grüppchen Verdächtiger an Bord einer Raumstation zu identifizieren. Die stammen allerdings von verschiedenen Planeten und haben entsprechend fremdartige Mentalitäten. Was zum Beispiel einen als Täter ausschließt, weil er zum Zeitpunkt des Verbrechens nicht die für einen Mord passende Kleidung trug - Ridolph bekommt es da mit einer ganzen Reihe skurriler, aber bei aller Komik doch ernstzunehmender Faktoren zu tun. Wenn es hingegen menschelt, sind die Motive die bekannten: Liebe, Geld, Geltungsdrang, you name it.

    ... und die sorgen ja allemal für Unterhaltung. "Venustransit" ist vielleicht nicht ganz so rasch gelesen, wie das Korrektorat damit fertig war, von der Länge her aber eher eine Novelle als ein Roman. Als Zuckerl gibt's am Ende noch die stimmungsvolle Bonus-Story "Tag der Zikade" über einen Mann, der beim Exodus der Menschheit zurückbleibt; veröffentlicht zum ersten Mal in der Anthologie "Prototypen". Die richtige Lektüre für den Nachmittag vor dem Venustransit - und dann genau hinschauen, denn die nächste Gelegenheit dazu werden erst wieder unsere Enkel haben!

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