"Sarkozy muss einen Spagat schaffen, will er noch gewinnen"

Interview23. April 2012, 13:54
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Wirbt Sarkozy zu sehr um die Wähler von rechts außen, könnte er seine Stammwähler vergraulen, sagt der Politologe Schirmann

Nach der Wahl ist vor der Stichwahl. In Frankreich wird sich in den nächsten Wochen entscheiden, wer mehr Wechselwähler um sich scharen kann. Francois Hollande hat derzeit bessere Karten als Nicolas Sarkozy, meint der Politologe Sylvain Schirmann im Interview mit derStandard.at.

derStandard.at: Jetzt fangen in Frankreich die Rechenspiele an, wessen Wähler in der Stichwahl zu welchem Kandidaten wechseln. Ist der Ausgang der Stichwahl völlig offen?

Schirmann: So, wie es derzeit aussieht, hat Francois Hollande die besten Chancen, den zweiten Wahlgang zu gewinnen, aber zuerst muss einmal gewählt werden. Sarkozy wird nicht so schnell aufgeben, er ist ein Kämpfertyp. Gestern Abend hat man schon in den ersten Erklärungen Sarkozys gesehen, in welche Richtung es in den nächsten Wochen gehen wird. Es gilt, ohne Wahlabkommen die Stimmen des stimmenstarken Front National zu gewinnen. Dort liegen seine Reserven. Die Themen, die er gestern im französischen Fernsehen angesprochen hat, gehen genau in diese Richtung: Die Grenzen Frankreichs schützen, Immigration stoppen.

Es wird keinen Triumph für Francois Hollande geben, aber ein knapper Sieg wird sich wohl ausgehen. 

derStandard.at: Hat Sarkozy nun den Makel eines Verlierers bzw. Hollande einen Siegerbonus für den zweiten Wahldurchgang?

Schirmann: Es ist psychologisch sehr wichtig, vorne zu sein, besonders wenn das das angestrebte Ziel war. Sarkozy hat es angestrebt und nicht erreicht. Alle linken Parteien haben sich innerhalb einer halben Stunde geschlossen hinter Francois Hollande versammelt, das gab es schon lange nicht mehr. Zuerst war es Eva Joly, die gesagt hat, dass Francois Hollande keine Stimmen von grüner Seite fehlen dürfen. Jean-Luc Mélenchon hat auch aufgerufen, Hollande zu wählen. Sogar Philippe Poutou von den ehemaligen Trotzkisten hat gesagt: "Sarkozy muss geschlagen werden."

derStandard.at: Wie lässt sich das gute Abschneiden von Marine Le Pen erklären?

Schirmann: Es ist eine Überraschung, dass der Front National noch mehr Stimmen erhalten hat als 2002, aber wenn man bedenkt, dass 2002 sogar zwei rechtsextreme Kandidaten angetreten sind, relativiert sich das wieder. Wenn man die Stimmen von Jean-Marie Le Pen und Bruno Mégret von damals zusammenzählt, kommt man ebenfalls auf 19 Prozent. Marine Le Pen hat jetzt keine direkte Konkurrenz mehr, welche Strategie fährt sie also? Sie hat gestern Abend gesagt, dass man den 1. Mai abwarten muss, dann wird sie Stellung nehmen.

derStandard.at: Wieso wartet Sie so lange?

Schirmann: Ihre Strategie hat sie jetzt schon festgelegt, aber der 1. Mai ist ein symbolisches Datum, weil es der Tag der Arbeiter ist und der Front National an diesem Tag zu Ehren von Jeanne d'Arc Feierlichkeiten abhält. 

Marine Le Pen wird am 1. Mai ziemlich sicher keine Wahlempfehlung abgeben, mit dem Argument, dass kein Kandidat die Themen des Front National repräsentieren kann. Sie will auf der rechten Seite der französischen Wahlbühne alle um sich sammeln und in letzter Konsequenz die parlamentarische Rechte (UMP, Anm.) spalten.

derStandard.at: Wie werden die Wähler des Front National im zweiten Wahlgang reagieren? 

Schirmann: Zwischen 50 und 60 Prozent des Front National sollen laut Umfragen zu Sarkozy wechseln, aber er braucht mehr. 20 Prozent gehen zu Hollande. Das sind Wähler aus dem Arbeitermilieu, die zum Front National gewechselt haben und jetzt wieder zurückkehren. 30 Prozent wollen nicht mehr wählen gehen. Die muss Sarkozy jetzt überzeugen.

derStandard.at: Sarkozy verspricht sich auch von der Stimmübertragung vonseiten François Bayrous viel. Hat er Chancen auf die Stimmen des Zentrumskandidaten?

Schirmann: Wenn er durch seine Themensetzung auf die Rechtsextremen eingeht, wird er bei den Wählern Bayrous, die größtenteils ehemalige Christdemokraten sind, nicht viel Chance haben. Ich glaube auch, dass Bayrou keine klaren Aussagen machen wird, wen er denn nun empfiehlt. Laut Umfragen soll ein Drittel der Stimmen an Sarkozy, ein Drittel an Hollande gehen, der Rest spricht sich nicht aus. 

derStandard.at: Bayrou wird also keine Wahlempfehlung abgeben?

Schirmann: Ich glaube nicht, kann mich aber irren. Bayrou hat gestern gesagt, dass er beobachten wird, wie die Kampagne weitergehen wird, und in ungefähr acht Tagen will er sich dann noch einmal zu Wort melden.

derStandard.at: Was bekommen die Kandidaten, die einen der beiden Stichwahl-Kandidaten empfehlen, als Gegenleistung?

Schirmann: Nach den Präsidentschaftswahlen stehen die Parlamentswahlen an. Hier gibt es viel Handlungsspielraum. Mit einer Wahlempfehlung wächst die Chance auf parlamentarische Allianzen. Bayrou wird sich das gut überlegen müssen, da er bis jetzt keinen parlamentarischen Rückhalt hat. 

derStandard.at: Kann es sein, dass Sarkozy und Hollande durch das Stimmenfischen in anderen Lagern jene vergraulen, die ihnen gestern ihre Stimme gegeben haben?

Schirmann: Das kann schon passieren. Wenn Sarkozy zu weit rechts fischt, kann es sein, dass die Wähler, die auf Borloo gehofft haben, sich enthalten oder zu Francois Hollande übergehen. Er muss alle Stimmen, von Bayrou bis Le Pen, sammeln und einen "grand écart" (Spagat, Anm.) schaffen, wenn er gewinnen will.

derStandard.at: Welche Stimmen muss Hollande kriegen, um auch im zweiten Wahlgang einen Sieg verbuchen zu können?

Schirmann: Wenn er ein Drittel der Stimmen für Bayrou bekommt und dann noch 20 Prozent der Stimmen des Front National, die nie Sarkozy wählen, dann schaut es gut aus. Aber es gibt noch eine Kampagne in den nächsten Wochen.

derStandard.at: Wie wird sich der Wahlkampf jetzt nach der Stichwahl ändern?

Schirmann: Es wird ein Duell geben, bei dem die Persönlichkeiten im Vordergrund stehen. Sarkozy wird das ausnützen und sich als der "Beschützer Frankreichs" darstellen. Der Faktor Angst wird eine große Rolle spielen. Francois Hollande hat keine Erfahrung, war noch nie Minister. Sarkozy setzt auf Botschaften wie: Wenn die Sozialisten kommen, wird es Frankreich ähnlich ergehen wie Griechenland oder Spanien. Auf der anderen Seite wird man gegen Sarkozy den Autoritarismus und seine Politik für Reiche ins Feld führen.

derStandard.at: Wie lässt sich die hohe Wahlbeteiligung erklären? 

Schirmann: Das ist eine Zukunftswahl. Im Land spürt man, dass wir an einem Wendepunkt stehen. Die Krise ist da, wie aber wird es weitergehen? Es war eine falsche Annahme vieler Politologen zu glauben, dass sich die Franzosen nicht für die Wahl interessieren.

derStandard.at: Ist für den zweiten Wahlgang eine ähnlich hohe Wahlbeteiligung wie im ersten zu erwarten? 

Schirmann: Ja, ungefähr. Es gibt Leute, die jetzt bei der Stichwahl erstmals zur Urne gehen werden, weil es ein Kopf-an-Kopf-Rennen ist. Aber es wird auch einige geben, die dieses Mal zu Hause bleiben, weil für sie nichts mehr auf dem Spiel steht. (Teresa Eder, derStandard.at, 23.4.2012)

Zur Person

Sylvain Schirmann ist Direktor des Institut d'études politiques an der Universität Straßburg und Professor für Geschichte.

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    Sarkozy muss in allen Wählerbecken fischen, ...

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    ....während Hollande die Zustimmung der Parteien links der Mitte schon sicher ist.

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    foto: privat
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