Vom Abstellgleis zum Schrotthändler, "das tut echt weh"

Reportage21. April 2012, 12:13
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Premiere in Österreich: 108 ausrangierte Zugwagons kamen unter den Hammer. Alle gingen weg wie warme Semmeln, vor allem die Schrotthändler witterten ein gutes Geschäft. Private Eisenbahnliebhaber erfüllte dies mit Trauer.

Waidhofen - Nach einer Stunde reichte es dem großgewachsenen Mann mit dem leicht ergrauten Vollbart. Was sich im Saal eines Waidhofener Wirtshauses zutrug, war für den Eisenbahnliebhaber ein "Trauerspiel". Rein aus Interesse wollte er sich Österreichs erste Zugwagon-Auktion anschauen.

Dass die 108 ausgemusterten Schmalspurwagen fast nur von Schrotthändlern erstanden wurden, damit hatte der Niederösterreicher nicht gerechnet, "das tut echt weh". Kein einziger Aussteiger wie der Nichtraucher aus Erich Kästners "Das fliegende Klassenzimmer", der in einem alten Personenwagen hausen wollte. Vielmehr saßen an den Wirtshaustischen 16 Unternehmer und Museumsvereinsvorsitzende.

Verrostet und verbeult

"Bei aller Sentimentalität", aber der Allgemeinzustand der Wagen sei wirklich schlecht, meinte Auktionator Manfred Humer. Verrostet, abgesplitterter Lack, ausgebleicht, verbeult und fehlende Fenster - die Bilder der zu ersteigernden Objekte, die hinter Humer auf der Leinwand aufschienen, ließen daran keinen Zweifel.

Wegen des Zustands hatte sich die Niederösterreichische Verkehrsorganisationsgesellschaft (NÖVOG) auch entschieden, die Wagons zu versteigern. Mit Übernahme der Regionalbahnen von der ÖBB vor zwei Jahren erbte die NÖVOG diese "Altlasten". Sie verkehrstüchtig zu machen sei nicht wirtschaftlich gewesen, und sie zu entsorgen wäre teuer gekommen. So beauftragte der Verkehrsbetrieb das Dorotheum, die Personen-, Güter-, Rungen- und Holztransportwagons sowie die Rollwagen zu versteigern. Tatsächlich gingen auch alle weg, was 215.000 Euro Umsatz bedeutete.

Zuschlag an Oberschlesien

"Drei bis vier Personenwagen möchten wir haben, das wäre toll", erklärte eine Polin, die für eine oberschlesische Museumsbahn bot. Wie hoch sie beim Bieten gehen durfte, verriet sie jedoch nicht, schließlich ritterten mit ihr drei weitere Museumsbahnen um die zwölf ehemaligen Personenwagons der Mariazeller- und der Ybbstalbahn. "1700 Euro an die Nummer eins, 1800 an die Nummer neun", die Polin mit der Bieternummer eins zögerte, dann erhöhte sie doch: 1900 Euro, dann läutete Humer mit der Glocke, der Zuschlag ging an Oberschlesien.

Noch zwei weitere Mariazellerwagen wechselten nach Polen. Mehr ging finanziell nicht, kommen doch zum Meistgebot 15 Prozent Kaufgebühr und 20 Prozent Mehrwertsteuer dazu. Auch der österreichische Verein für Eisenbahngeschichte ergatterte für die Steyrtalbahn zwei historische Wagons. Keiner bot über 1800 Euro, ein "Schnäppchen" sei es aber nicht gewesen, meinte ein Vereinsmitglied. Zwei Jahre ehrenamtliche Arbeit und Spendengelder seien jetzt nötig. Aber die Personenwagen den Schrotthändlern zu überlassen, da konnte man "nicht tatenlos zusehen".

Rendite aufgrund von Eisenpreis

Diese kamen aber auch so zum Zug. Nummer acht wetteiferte mit drei, neun und 15 um den lukrativen Schrott. 2400 Euro war das höchste Gebot, der Rufpreis lag bei 1000 Euro. Bei den aktuellen Preisen für Eisen rentiere sich das noch immer, fachsimpelten die Bieter. "Mindestens 3600 Euro zahlt die Voest für einen für den Hochofen aufbereiteten Güterwagen", erklärte ein Schrotthändler. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, 21./22.4.2012)

  • So heruntergekommen die Wagons waren, bei der Versteigerung fanden sich Bieter. Der Personenwagen Krimml ging nach Oberschlesien.
    foto: dorotheum

    So heruntergekommen die Wagons waren, bei der Versteigerung fanden sich Bieter. Der Personenwagen Krimml ging nach Oberschlesien.

  • Dieser geschlossene Güterwagon wurde von einem Schrotthändler ersteigert.
    foto: dorotheum

    Dieser geschlossene Güterwagon wurde von einem Schrotthändler ersteigert.

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