Neues zur Causa Rieger

20. April 2012, 18:47
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Verdacht auf Raubkunst? "Im Kinsky" versteigerte am Dienstag ein mit allzu spärlichen Angaben deklariertes Gemälde

Lot Nummer 67 war nur eines von insgesamt 163 "Meisterwerken", die in der gleichnamigen Auktion Dienstagabend im Palais Kinsky um die Gunst des Publikums buhlten. 35 Kunstwerke hatten zu diesem Zeitpunkt bereits den Besitzer gewechselt, teils in Begleitung launiger Histörchen oder Zusatzinformationen, die Auktionator und Geschäftsführer Michael Kovacek zwischendurch einstreute. Nicht so bei Lot Nummer 67, aufgerufen als Gemälde von Joseph Floch, betitelt Opferung Isaaks, taxiert auf 50.000 bis 80.000 Euro.

Das Interesse an dem 1921 datierten Werk hielt sich in Grenzen, der Zuschlag erfolgte zugunsten eines Saalbieters bei 62.500 (inkl. Aufgeld) bzw. 50.000 Euro, über die sich (abzgl. Gebühren) der Einbringer freuen darf. Aus einer "Privatsammlung Wien", informiert der Katalogtext, in dem sich auch der Hinweis zur Fachliteratur (inkl. Seitenangabe) findet.

Der Unterschied zwischen der Kinsky-Katalogisierung und jener des Werkverzeichnisses ist geringfügig, jedoch - wie Standard-Recherchen ergaben - von erheblicher Bedeutung: Denn im 2000 erschienenen Oeuvrekatalog wird als Besitzer Rudolf Leopold (1925-2010) genannt und als ehemalige Provenienz die "Sammlung Dr. Heinrich Rieger", eine der prominenteren und bis heute nicht vollständig geklärten Raubkunst-Causen, die seit Jahren private und offiziell beauftragte Provenienzforscher beschäftigt.

Rieger, der Connaisseur

Von Beruf war Rieger Zahnarzt, seine Leidenschaft gehörte jedoch der Kunst. Im Jahr 1935 umfasste seine Kollektion mehr als 720 Arbeiten, darunter eine nennenswerte Anzahl an Hauptwerken von Egon Schiele, aber auch vieler zeitgenössischer Künstler. Im Gegensatz zu anderen Sammlungen wurde jene von Heinrich Rieger nach der Nazi-Machtergreifung nicht enteignet, vielmehr "konnte er sie selbst, unter den widrigsten Bedingungen, verkaufen", wie Lisa Fischer in ihrem Buch (Irgendwo - Wien, Theresienstadt und die Welt - Die Sammlung Heinrich Rieger, Czernin-Verlag, 2008) resümiert.

Bis Jänner 1939 veräußerte der jüdische Connaisseur einige wenige Bilder, wie viele, welche genau und an wen, ist bis heute nur teilweise rekonstruierbar. Den Großteil überließ Rieger Friedrich Welz, Inhaber der arisierten Galerie Würthle (Wien) und einer Kunsthandlung in Salzburg, sowie dem befreundeten Künstler und Inhaber der ebenfalls arisierten Kunsthandlung Halm & Goldmann (Wien) Luigi Kasimir.

Im September 1942 wurde das Ehepaar Rieger deportiert, Heinrich starb einen knappen Monat später in Theresienstadt, seine Frau Berta kam 1944 im KZ Auschwitz um. Nur ein Viertel der ursprünglichen Sammlung konnte nach dem Zweiten Weltkrieg sichergestellt und an Riegers in die USA emigrierten Sohn Robert retourniert werden.

Der Rest? Verschwunden. Manche Kunstwerke fanden sich über entsprechende Recherchen in den Beständen der heimischen Museen, wurden mittlerweile teils restituiert (2006: Wien Museum, Neue Galerie Joanneum, Belvedere) oder harren seit Jahren einer Entscheidung der von Ministerin Claudia Schmied beauftragten Kommission.

Der Großteil der Rieger-Odien befindet sich jedoch in anonymen oder auch bekannten Privatsammlungen, etwa in jener von Rudolf Leopold, sowohl im Bestand der fern der Öffentlichkeit gehorteten "Sammlung 2" (1994-2010) als auch im Museum. Elisabeth Leopold, die sich nun zum Verkauf des eingangs erwähnten Floch-Gemäldes via Kinsky entschloss, ist mit der Causa Rieger mehr als vertraut: konkret betreffend Werke von Egon Schiele, etwa ein im Museum verwahrtes Blatt (Sich Aufstützende mit Unterwäsche, LM Inv.-Nr. 1399) oder auch zwei Zeichnungen, die ihr Mann über einen Mittelsmann in London 2007 ebendort bei Sotheby's versteigern lassen wollte. Dazu kam es nicht, die Blätter wurden letztlich Basis eines Gerichtsbeschlusses Familie Leopold retourniert.

Dürftige Quellenlage

Das wohl größte Problem für Provenienzforscher, aber auch für die Erben nach Heinrich Rieger ist der Umstand, dass zu Details und Umfang der Sammlung kaum oder nur unzureichende Quellen vorliegen. 2003 publizierte Sophie Lillie (Was einmal war - Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens, Czernin-Verlag) eine Liste von 659 Kunstwerken, die Rieger bis Juli 1921 erworben hatte. Bis heute handelt es sich dabei um die einzige veröffentlichte Aufstellung. In dieser findet sich kein einziges Gemälde Joseph Flochs.

Das aktuelle erwarb Rieger offenbar später, vermutlich anlässlich einer Hagenbund-Ausstellung 1922. Die Information, dass sich Opferung Isaaks ehemals in der Sammlung Rieger befand, bezog der Autor des Werkverzeichnisses aus einer anderen Quelle. Aus den Tagebüchern Joseph Flochs, wie Karl Pallauf auf Standard-Anfrage erklärt, darin hatte der Künstler den Verkauf an Heinrich Rieger vermerkt.

Dann verlor sich die Spur des Bildes bis zum Dezember 1996. Als Abraham und Isaak wechselt es via Dorotheum für netto 20.600 Euro in den Besitz von Rudolf Leopold. Warum diese "renommierte" Herkunftsangabe entgegen sonstigen Gepflogenheiten im aktuellen Auktionskatalog fehlt? Ein Versehen, erklärt Kinsky-Geschäftsführer Michael Kovacek am Tag nach der Auktion. Ob man denn die Geschichte des Bildes im fraglichen Zeitraum von 1938 bis 1996 recherchiert habe? Nein, so Kovacek, "das ist nicht meine Aufgabe". Das überlässt man Art Loss, ergänzt Kollege Ernst Ploil.

Der vertraglich vereinbarte und routinemäßig vor jeder Kinsky-Auktion durchgeführte Check, erläutert eine Londoner Mitarbeiterin, habe nichts ergeben. Dieses Bild sei in der Verlustdatenbank nicht registriert, wie überhaupt kein einziges Floch-Werk. Geklärt ist die Provenienzgeschichte damit jedoch nicht, zumal der Raubkunst-Verdacht nicht ausgeräumt werden wollte. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 21./22.4.2012)

  • Um 1922 dürfte Heinrich Rieger Joseph Flochs Gemälde "Opferung Isaaks" erworben haben, am Dienstag wurde es versteigert.
    foto: im kinsky

    Um 1922 dürfte Heinrich Rieger Joseph Flochs Gemälde "Opferung Isaaks" erworben haben, am Dienstag wurde es versteigert.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Heinrich Rieger (1868-1942): Der Großteil seiner Sammlung gilt als verschollen.

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