"Verschwommen wie ein Hamilton-Poster"

20. April 2012, 16:40
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Irgendwann ist es für alle so weit, das traute Heim und die Eltern mit Sack und Pack zu verlassen und in eigene vier Wände zu ziehen. Sechs STANDARD-Journalisten erinnern sich

Ein Möbel fürs Leben (1986)
Von Olga Kronsteiner

Bei diesem Thema herrschte innerfamiliäre Einigkeit wie nie. Das Matura-Zeugnis noch nicht in Händen, bezogen meine gleichaltrige Stiefschwester und ich unsere Wohnungen. Aus dem Nest hatte man uns ja ein Jahrzehnt zuvor geschmissen und die Erziehung zur Selbstständigkeit talentfreien Gottesbräuten überantwortet. Als Familie waren wir somit längst, vollends und irreversibel voneinander entwöhnt.

Olga Kronsteiner ist Kunstmarkt-Autorin des STANDARD-Kulturressorts.

Während Tschernobyl Trillionen Becquerel freisetzte, ließ ich den Kosmos gestriegelter Teppichfransen und furnierten Internatsinterieurs hinter mir. Beneidet von Mitschülern, ernährte ich mich mangels Kochkenntnissen wochenlang von Dosentunfisch und getoastetem Schwarzbrot. Sowas von egal.

Mein Leben konnte beginnen, und das tat es bei Gurmann in Heiligenstadt, in einer ehemaligen Fabrikhalle. Historisches Mobiliar und andere Altwaren auf drei Etagen, in einer stilistischen Vielfalt, von deren Existenz ich nichts ahnte. Mitten in diesem Sammelsurium fand ich eine Jugendstilkredenz und schnupperte von der fantastischen Buntheit, die das Leben bieten konnte. Ein unvergesslicher Moment. Und der Beginn einer Leidenschaft.

Manches wurde längst wieder entsorgt, Heerscharen von Lampen, auch ein kurioses 50ies-Musikmöbel. Anderes gedeiht: 365 alte, teilweise geschliffene Trinkgläser, dann ist Schluss, versprochen. Und die Kredenz? Sie überstand Jahre und Übersiedlungen, auch Abbeiz-, Schleif- und Neuanstrichtorturen unbeschadet. Zum Leidwesen des mir mittlerweile Angetrauten. Denn eine Trennung von dieser allerersten Trophäe bringe ich nicht übers Herz. Ganz und gar nicht.

Das Lieblingsbuch (1982)
Von Christian Schachinger

Das Studentenheim befand sich in der Nähe des olympischen Dorfes an der Innsbrucker Peripherie. Man hatte einen interessanten Ausblick auf benachbarte Plattenbauten. In der Ferne sah man die Autobahn Richtung Brenner der Landschaft einen Strich durch die Rechnung machen. Knapp davor lag eine von Tiroler Klischees weitgehend unbelastete Industriezone sowie die ersten heimischen Versuche einer Shoppingmall - und gleich dahinter jede Menge auch noch die letzte Zuversicht verstellende düstere Berge.

Christian Schachinger ist Musikkritiker des STANDARD.

Die Menschen gaben sich im Vergleich zum lieblichen, hügeligen oberösterreichischen Hoamatland ungewohnt hart. Sie sprachen auch mit einem harten Akzent. In den wenigen Lokalen, die man besuchen konnte, wüteten die Ausläufer des Punkrock. Harte Menschen, die harte Musik hören und in kehliger Nussknackersprache kommunizieren, sind eine harte Nuss.

Auf der Uni war ich selten. Philosophieproseminare befördern nicht gerade die gute Laune. Mit 18 neigt man also zur Traurigkeit und kokettiert mit Missmut. Ich verbrachte viel Zeit in meinem Zimmer. Dort stand mein alter Billigsdorfer-Ghettoblaster, mit dem ich seit Jahren die Ö3-Musicbox, den bayerischen Zündfunk und jede Menge traurige und harte Musik aufnahm. Die Play- und Record-Taste waren irgendwann während der Schulzeit kaputtgegangen. Man musste einen Kugelschreiber quer drauflegen und mit einem nicht allzu leichten Buch beschweren. Das Buch nannte sich Ulysses, der Autor hieß James Joyce. Ich habe den Roman bis heute nicht fertiggelesen. Jahrelang aber war dies mein wichtigstes, mein definitives Lieblingsbuch.

Einstand zum Ausstand (1990)
Von Mia Eidlhuber

Zurückliegende Lebensabschnitte samt Staffage fühlen sich so an, wie 1970er-Jahre-Poster von David Hamilton ausgesehen haben: sehr verschwommen. So als hätte mir jemand ein Stück Holz über den Schädel gezogen.

Mia Eidlhuber ist Redakteurin des STANDARD-Album.

Erst recht benommen bin ich, wenn Ereignisse mittlerweile mehr als mein halbes Leben zurückliegen. Auszug? Von Zuhause? 1990 muss das gewesen sein. Davor habe ich tatsächlich acht lange Jahre in Oberösterreichs Stahlstadt zugebracht. Linz. Da bin ich weg. Nach Wien. Mit dem Auto? Dem Zug? Nein, mit einem kleinen Transporter, den ich selbst über die Westautobahn in Richtung Osten und meine ersten eigenen 32 Quadratmeter gelenkt habe. Hinten drinnen: ein Einzelbett, Bücherregale, eine Kleiderstange, die obligate Zimmerpalme, Koffer voller Klamotten - alles wie gehabt.

Neu waren die Geräte, die plötzlich zu meinem neuen Leben gehörten. Ein altes Bügeleisen, das meine Mutter ausrangiert hatte. Ein Staubsauger, mein erster eigener. Ein Schnäppchen vom Elektrohändler mit der Saugkraft eines lungenmaroden Altenheimbewohners, der meine kobaltblauen Teppichfliesen von Ikea schon nach wenigen Wochen Studentenleben ganz schön grau aussehen hat lassen. Und: eine Waschmaschine. Die Waschmaschine war mein Einstand zum Ausstand vom Kind-Sein. Von der Mama gesponsert. "Kind", hat sie zu mir gesagt, daran erinnere ich mich komischerweise noch ganz genau: "Ich freu mich, wenn du auf Besuch kommst. Aber bitte nicht zum Wäschewaschen."

Bei den Lebensabschnittspartnern, die dann folgten, und deren Müttern war das freilich wieder eine ganz andere Geschichte.

Flucht vor Chris Lohner (1997)
Von Wojciech Czaja

Gründe gab es viele. Gemeindebau mit zweieinhalb Metern Raumhöhe, Blick in einen Innenhof à la Alcatraz, und aus Wien Nord dröhnte alle zehn Minuten Chris Lohners ÖBB-Stimme durch die Luft: "Achtung, Bahnsteig 1, Zug nach irgendwo fährt ein." Nach sieben wunderschönen Jahren in dieser 81-Quadratmeter-Wohnung am Praterstern war klar: Es wird kein achtes geben.

Wojciech Czaja ist Architekturkritiker des STANDARD.

Hinzu kam, dass das Architekturstudium bereits in voller Blüte stand und endlich nach einer entsprechend boboiden, mit dem aufkeimenden Lebensstil kompatiblen Wohnhülle verlangte. Und, ach ja, dann war da noch die erste Liebe, die - so viel sei verraten - mit dem streng katholischen Lebenskonzept einer polnischen Familie nicht zu vereinbaren war.

Die erste Wohnung war ein völlig überteuerter Traum mit befristetem Mietvertrag. Aber hey: Steckte ich den Kopf aus dem Fenster und drehte ihn nach links, war der Naschmarkt zu sehen, und genau vis-à-vis flimmerte allnächtlich der Eingang ins Tanzlokal Roxy. Mein zweites Wohnzimmer. Das war's wert. Größtes Manko: Die Wohnung hatte weder einen Waschmaschinenanschluss noch den für ein solches Gerät notwendigen Platz. Und der Waschsalon war auch nicht gerade ums Eck. Der wöchentliche Schmutzwäschedeponier- und Reinwäscheabholausflug per U-Bahn ins Hotel Mama und Papa war der letzte Draht nach Hause. In der Not halten Boxershorts und Socken die Family fest zusammen. Das habe ich beim Flüggewerden gelernt.

Und bei Lohners Konservenstimme zucke ich noch heute innerlich zusammen. "Achtung ..." Und schon stellt sich das Trommelfell auf Standby-Modus.

Bundesheer meets Anarchy (1980)
Von Irene Brickner

Der Auszug war erkämpft. Wenn man dort studiert, wo man aufgewachsen ist (in Wien und Uni-Gehnähe) sticht das Geldargument das Aufbruchsbedürfnis lange aus. Bis es nervlich nicht mehr geht, weshalb alle Beteiligten es schließlich als vernünftig ansahen, dass "die Tochter" - 1980 neugierige 20 - das Jugendzimmer in der Gründerzeitwohnung mit einer Untermiete bei einem Oberstleutnant im Ruhestand tauschte.

Irene Brickner ist Redakteurin im Chronik-Ressort des STANDARD.

Offiziell mit einer guten Freundin - aber rasch waren wir zu dritt: Eine weitere, taxifahrende Elternwohnungsflüchtende kam hinzu. Außerdem Thomas, Anarchist und Zeitungsmacher. Dem Oberstleutnant entging das bis auf Weiteres. Er hatte ein Haus auf dem Land und nutzte die - für uns abgeschlossenen - Räume seiner Wohnung höchst selten, spätabends, in Damenbegleitung.

Die Wohnung betrat man durch einen düsteren Vorraum, wo ein Luster im Jagdhüttenstil prangte. Die Glühbirnen hatten bald den Geist aufgegeben. Stattdessen hatte ich meine Schreibtisch-Spotlampe hingestellt, orange und aus Metall, original aus den 1970er-Jahren. Man musste nur wissen, wo der Schalter war. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Spätnachts, ein Schlüssel dreht sich im Schloss, Frauenlachen erklingt - dann ein Schrei. Ich stürze hinaus, drücke den Schalter: Im Licht des Spots stehen der uniformierte Oberstleutnant und eine Dame im Lodenkostüm, zur Salzsäule erstarrt. Neben ihnen reibt sich Thomas, aus dem Tiefschlaf gerissen, die Augen - auf dem Packen der unverkäuflichen Anarcho-Zeitungen liegend.

In der Wohnung, die wir nach dem Rausschmiss fanden, haben wir dann eine richtige WG gegründet. 

Den Sittich sitten (1991)
Von Thomas Rottenberg

Der echte Auszug war unspektakulär. Routiniert: drei Taschen. Zwei Kisten Schallplatten, zwei Technics-Laufwerke. Ein Futon. Zwei Tatami-Matten. Das passt in einen Kleinwagen. Wenn man es ein paar Mal getan hat, weiß man, wie. Minimalismus ist Übungssache.

Thomas Rottenberg ist Moderator bei ServusTV, Kolumnist und STANDARD-Autor.

Ich war 22 - und schon etliche Male ausgezogen. Und zurück. Vom Gemeindebau in Favoriten zur Großmutter in die Josefstadt: Wenn sie auf Kur fuhr. Oder auf Rehab. Oder wieder einmal gestürzt war. Also bevor sie auf Rehab geschickt wurde. Das Familien-Wording vermied Klartext: "Sittich- und Pflanzen-Sitten" lautete der Code. Hinter dem steckte Kalkül: Großmutter wohnte mitnichten feudal. Aber doch im Quasi-Friedenskronen-Altbau. Ich war bei ihr gemeldet. Seit Jahren. Es war ihre Idee.

Die Sitterei dauerte anfangs Tage. Dann Wochen. Zum Schluss Monate. Irgendwann begann es, sich falsch anzufühlen. Lustig war das Pendeln zwischen zwei Wohnungen, deren Möbel und Regeln nicht meine waren, ohnehin nicht.

Ich werkte bei Zickzack und Musicbox, zwei alten Ö3-Sendungen. Einem Kollegen kam der WG-Partner abhanden. Ich überlegte fünf Minuten: Taschen. Platten. Laufwerke. Futon. Tatamis. Sonst nichts. Obwohl es statt nach 1080 nach 1030 ging: Bye, 1100.

Kurz darauf bekam Großmutter einen Heimplatz. Ein Apartment mit Betreuungsoption. Bevor Pflanzen und Sittich kamen, stürzte sie: Bettenstation - das Aus jeglicher Seniorenautonomie.

In die Josefstadt zog mein Bruder. Sein Umzug war aufwändiger als meiner. Er hatte weniger Übung. Aber er musste auch weder sich noch sonst wem vorgaukeln, er käme bloß, um den Sittich zu sitten. (Rondo, DER STANDARD, 20.4.2012)

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    Raus aus dem Hotel Mama und Papa - ein entscheidender Schritt ins Leben.

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