Gestatten, bestatten

26. April 2012, 06:15
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Wenn Jörg Grossmann auf seiner Kawasaki oder Harley ausreitet, hat er einen stummen Begleiter neben sich. Im Beiwagen trans­portiert der Deutsche einen Toten

Wer sein Unternehmen Motorradbestattung nennt, darf sich über eine vorprogrammierte Fehldeutung nicht wundern. Was tun die Deutschen da? Verscharren sie etwa das Motorrad neben dem verstorbenen Biker? Entwarnung, sie tun es nicht.

Doch zurück zu den Wurzeln, zurück ins Jahr 2009.

Eine USA-Reise bringt die Veränderung. Zufällig geraten Jörg Grossmann und seine Frau in ein Spektakel, das sie nicht mehr vergessen sollten. Ein Glitzermeer aus etwa 400 Harleys funkelt irgendwo im Wilden Westen vor dem Clubhaus der Motorradfans. Vor der Tür ein schlichter Sarg. Ein bescheidener Blumenschmuck und ein festgezurrter Helm obenauf. Unter heftigem Applaus heben einige Biker den Sarg auf die Plattform eines Motorrad-Beiwagens, befestigen ihn sorgsam und starten anschließend ihre schweren Geräte. "Es war ein Brummen, ein Vibrieren, das durch den ganzen Körper lief", erinnert sich Grossmann im Gespräch mit derStandard.at. Mehr noch: Ähnlich einem Ballett reiht sich eine Maschine nach der anderen in den Trauerzug, in die Prozession ein und begleitet den Verstorbenen auf seiner letzten Fahrt. Endstation Friedhof.

Für Grossmann, damals noch Vertriebsleiter eines Großunternehmens in Deutschland, ist es ein Anfang.

Seit 32 Jahren fährt der heute 48-Jährige selbst Motorrad. Zwar holt ihn erst der Alltag im Heimatland wieder ein, doch ab 2011 beginnt es in ihm zu gären. Seine wahre Berufung lässt ihn nicht mehr los. Recherchen zeigen ihm nicht nur, dass auch in Europa Bedarf an Motorradbestattungen herrscht, sie führen ihn auch nach Großbritannien zu Paul Sinclair. Der umtriebige Reverend hat zu dieser Zeit bereits seine Beiwägen für die exotische Beerdigung in England und Irland rechtlich schützen lassen. 

Fahrt im Blindflug

Zwei Männer, eine Idee. Doch eine Zusammenarbeit scheitert an den unterschiedlichen Straßenverkehrsordnungen. Den Beiwagen von der linken auf die rechte Seite zu versetzen wäre dabei das geringste Problem gewesen. Doch Sinclairs Transport-Gebilde rauben jegliche Sicht schräg nach vorne. Etwas unpraktisch beim Fahren, wie der deutsche TÜV attestiert. Wo sich der Brite mit seinen sieben Gespannen mit zusätzlichen Spiegeln und Kameras hilft, verläuft sich Grossmanns Idee vorerst in der Sackgasse. Sämtliche dieser Hilfsmittel sind in Deutschland, der Schweiz und auch in Österreich verboten. Doch der Mann gibt nicht auf.

Im März 2011 kündigt er seinen Job, nimmt Stift und Papier und beginnt Skizze um Skizze bis hin zum dreidimensionalen Modell zu kritzeln. Die Umsetzung durch einen Spezialisten kostet ihn 100.000 Euro. "Du hast wohl eine Schraube locker", erinnert sich der Unternehmer an die erste Reaktion seiner Frau. Doch Grossmann ist zuversichtlich. In etwa drei Jahren will er Profit schreiben. Auch ein Franchise-System sei möglich, die Gründung einer Aktiengesellschaft nicht ausgeschlossen.

Transport im Formel-1-Anhänger

Grundlage sind Statistiken: In Deutschland sterben im Schnitt 38.000 Motorradfahrer pro Jahr, in Österreich sind es etwa 6.500, in der Schweiz 5.650. Nur ein Bruchteil davon verunglückt tödlich auf der Straße. Viele wollen schlicht ein  letztes Geleit in dem Fahrzeug, das ihnen auch Lebensinhalt war oder wünschen sich, nur einmal "im Leben" eine Fahrt am Motorrad. 1.200 Euro plus 30 Cent je Kilometer kostet die Beerdigung. Pauschal, denn die Zeit spielt keine Rolle. "Wir stehen für einen würdevollen Abschied, egal ob die Zeremonie drei, sieben oder neun Stunden dauert."

Seit wenigen Tagen steht neben der Kawasaki eine Harley Davidson in Grossmanns Garage. Das schmucke Stück ist 2,70 Meter lang, verfügt über einen Rückwärtsgang, ein hydraulisches Feststellbremssystem und bringt es auf 900 Kilo Lebendgewicht. Die spezielle Form seiner Modelle hat er sich bereits in Europa schützen lassen.

An die 1.000 Aufträge erwartet sich Grossmann bis zum Jahr 2015. Acht Bestattungen hat er seit Februar bereits durchgeführt. Alle, bis auf eine, in Deutschland. Kommt eine Anfrage, wird das Bestattungs-Gefährt kurzerhand auf einen Formel-1-Anhänger gehievt und an den gewünschten Ort "überstellt". Eine Truhe für die letzte Ruhe. (ch, derStandard.at, 26.4.2012)

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    Jörg Grossmann auf seiner Kawaski. Seit Februar 2012 bietet er in ganz Europa ...

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    ... Motorradbestattungen an.

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    Die Idee ist aus den USA importiert.

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    Seine Modelle sind patentiert ...

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    ... und entsprechen unter anderem dem Bestattungskraftfahrgesetz Deutschland, dem der Schweiz und Österreichs.

  • Die frisch gelieferte "Jungfrau".
    foto: jg-motorradbestattungen

    Die frisch gelieferte "Jungfrau".

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