Das "monetäre Armageddon"

20. April 2012, 18:40
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Harvey Friedmans "Der Pentateuch" ist mit theoretischen Hintergründen überladen, trifft aber den Zeitgeist

"Diese Zeit wäre die beste, die sich die Menschheit für eine Auferstehung aussuchen könnte. Für jemanden, der einen neuen Lebensentwurf verbreitet." In seinem mehrteiligen Mysterythriller Der Pentateuch entwirft der unter einem Pseudonym veröffentlichende österreichische Autor Harvey Friedman ein Szenario der nahen Zukunft, in dem das globale Geldsystem im Jahre 2014 unmittelbar vor dem Zusammenbruch steht. Sämtliche Konten der Bank of America werden durch einen Hackerangriff geleert, die Börsen crashen, und der 45. Präsident der Vereinigten Staaten entgeht nur knapp einem Attentat durch ein unbemanntes Flugzeug.

Ein "monetäres Armageddon" kündigt sich an - scheinbar unter Zutun einer höheren Macht. Zeitgleich versucht der Papst, seine Kardinäle von der Abhaltung eines dritten vatikanischen Konzils zu überzeugen und verkündet die Auferstehung des Messias, der der Menschheit einen neuen Lebensentwurf überbringen soll.

Friedman, Gründer einer Aktiengesellschaft und Leiter eines Instituts für theoretische Ökonomie und Kapitalmarktforschung, beschreibt den drohenden Zusammenbruch der westlichen Zivilisation vor ökonomischen, bibelwissenschaftlichen, historischen und politischen Hintergründen. Sein Roman ist auf einem der Erde sehr ähnlichen Schwesterplaneten, Gaia, verortet, auf dem "Natur- und Erdölkatastrophen, Atomunfälle, steigende Rohstoffpreise, verrücktspielende Kurse, explodierende Verschuldungen und astronomische Kosten des Wiederaufbaus die Hoffnungen der Zivilisation ausgequetscht" haben.

Der Autor setzt reale aktuelle und historische Ereignisse in neue Zusammenhänge, reflektiert über Wirtschafts- und Gesellschaftstheorien, das Wertesystem der westlichen Gesellschaft und den Einflussbereich des Glaubens. Die theoretischen Ausführungen wirken gewissenhaft recherchiert und plausibel argumentiert, gehen jedoch zulasten der Handlungskohärenz.

Vor allem im ersten Teil des "Pentateuchs", Auferstehung I, unterbrechen die plakativen finanzwissenschaftlichen Diskurse den Spannungsbogen. In der Fortsetzung, Auferstehung II, sind theoretische Hintergründe - zentral ist das Geldwesen - logischer in den Handlungsverlauf eingegliedert, trotzdem wirkt der Text insgesamt theorieüberladen. Zudem verleiht die oberflächliche Zeichnung der Handlungsfiguren der Erzählung den Charakter einer wissenschaftlichen Abhandlung. Der Reiz des Textes liegt in seinem Aktualitätsbezug, der durch das Aufgreifen aktueller Ereignisse und Entwicklungen entsteht.

Auch wenn Friedmans Darstellung einer Welt, in der "Kapitalismus zu einer Religion geworden ist" und in der "gehetzte Seelen" leben, "die sich in der göttlichen Verehrung einer vernetzten Welt nie von ihren Mobiltelefonen und Internet-Sticks trennen", überzeichnet scheinen mag, trifft der Autor den Zeitgeist einer sich im Umbruch befindlichen Leistungsgesellschaft. Die Veröffentlichung des dritten Teils, Auferstehung III, ist für 1. Juli 2012 angekündigt. (Elisabeth Magesacher, Album, DER STANDARD, 21./22.4.2012)

  • Harvey Friedman, "Der Pentateuch" - "Die Auferstehung I" und "Die Auferstehung II". Je € 19,90 / 400 Seiten. JLS Media, München 2012
    foto: jls media

    Harvey Friedman, "Der Pentateuch" - "Die Auferstehung I" und "Die Auferstehung II". Je € 19,90 / 400 Seiten. JLS Media, München 2012

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