Paintball: Sie wollen doch nur spielen

Reportage19. April 2012, 13:25
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Wo ist hier die Schießerei? Für die einen nur ein actionreicher Spaß, verurteilen andere Paintball als Kriegsspiel. Ein Frontbericht

Ich laufe um mein Leben, zum ersten Mal. Schnell hinter die Holzbaracke, und dann ballere ich zehn Kugeln auf meinen Gegner. Eigentlich nur in seine Richtung. Ich sehe ihn nicht. Ich mache einen Schritt nach links, und eine schwarze Gestalt mit Maske steht mir gegenüber. Dreimal feuert er auf meinen Oberschenkel. Ich bin getroffen. Nein, ich bin markiert.

"Markieren", sagen Paintball-Spieler, wenn sie ihren Gegner mit Farbkugeln abgeschossen haben. Wer getroffen ist, hebt die Hand und geht raus. Heute beim Anfänger-Wettkampf in der Paintball-Halle im Shopping Center Nord in Wien bin ich für meine Gegner ein leichtes Ziel - obwohl mich doch Fortgeschrittene in Taktik und Sicherheit eingewiesen haben: Immer die Schutzmaske rauf, bevor man das Spielfeld betritt! Immer eine Laufsocke aufs Luftdruckgewehr, bevor es losgeht, damit sich keine Kugel löst!

Treffer mit 300 km/h

Die professionellen Hallen- und Freiluftbetreiber in Österreich schreiben Sicherheit groß, denn Paintball ist beliebt, aber auch umstritten. Paintball wird zumeist in Teams gespielt. Die Kugeln werden durch eine Hochdruck-Pressluftflasche auf rund 300 km/h beschleunigt. Die namensgebenden Kugeln, ein harter Gelatinemantel gefüllt mit Lebensmittelfarbe, sind trotz Schutzanzügen schmerzhaft und hinterlassen blaue Flecken. Gewonnen hat, wer das andere Team ausschaltet oder, in einer anderen Variante, die Fahne vom Startpunkt des Gegners zum eigenen trägt. Hobbyspieler wuseln meist über sogenannte Szenario-Felder mit Hügeln, Gräben, Holzbrücken und Häuserattrappen. Turnierspieler bevorzugen ebene Spielfelder mit aufgeblasenen Gummi-Hindernissen.

Paintball-Hallen und vor allem Freiluftfelder gibt es in Österreich in jedem Bundesland. Offizielle Zahlen fehlen, aber Wolfgang Kornholz, Organisator der Paintball-National-Liga, geht von rund 1.000 regelmäßigen Hobby-Spielern aus und von 100.000 Österreichern, die Paintball einmal im Jahr probieren.

Zehn Kugeln pro Sekunde

Ein paar Tage vor meinem Debakel im Shopping Center Nord weiht mich Michael Prohaska in die Grundkenntnisse des Paintballs ein. "Man schießt nicht auf den Mann, sondern in die Laufrichtung", erklärt er mir. Der athletische 26-Jährige fährt zu Paintball-Turnieren und trainiert jede Woche. Wir stehen auf dem Paintball-Feld in Gerasdorf bei Wien. Die Pressluft-Flasche des Markierers, wie Paintball-Spieler ihr Arbeitsgerät nennen, könne ich unterm Schlüsselbein abstützen, rät Prohaska mir. Dann führt er mir vor, wie er zehn bis zwölf Kugeln pro Sekunde abfeuert, indem er Zeige- und Mittelfinger abwechselnd gegen den elektronischen Abzug tippt.

Paintball-Spieler verteidigen ihr Hobby mit vielen Vergleichen - mit Go-Kart, Fechten und Boxen. Auch diese Sportarten seien ja nicht ungefährlich und durchaus brutal. Fairerweise sollte nun ich mich vorstellen, denn ich bin nicht Paintball-Spieler, sondern Paintball-Skeptiker. Gegenüber dem Farbkugelschießen habe ich mindestens so viele Vorurteile wie der durchschnittliche Österreicher, vor allem weil es mich an Kriegsszenen erinnert.

"Hundertmal besser als Fußball"

Viel wurde in Österreich darüber diskutiert, ob Paintball ein Sport sei wie jeder andere. Michael Prohaska verärgert das. "Wenn jemand zum ersten Mal mit Profis Paintball spielt, ist er nach zehn Minuten völlig fertig", so viele Muskelgruppen würden beansprucht werden, sagt er. Sein Freund Thomas Buchberger, ein stämmiger Bursche mit Piercings an Kinn und Augenbraue, sieht es genauso, natürlich sei Paintball ein Sport. "Das ist so ein Adrenalin-Push", sagt der 23-jährige gelernte Lackierer, "das ist hundertmal besser als Fußballspielen."

Prohaska arbeitet im Zivilberuf in einem A1-Shop in Wien, ein freundlicher Kerl, der aufrichtig beteuert, Paintball mache ihn nicht aggressiv, schon gar nicht gewaltbereit. "Ein Markierer hat außerhalb eines Paintball-Feldes nichts verloren." Dass er schon über 10.000 Euro für seine Paintball-Ausrüstung und Munition ausgegeben hat, erzählt er mit selbstironischem Lächeln.

Nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Ich setze mich ins Auto und fahre nach Ennsdorf in Oberösterreich, um Prohaska bei einem Turnier im Einsatz zu sehen. Paintball ist noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen, noch nicht einmal in der Mitte von Ennsdorf. Am Ortsrand unter einer Autobahnbrücke spannt sich eine graue Plane, das Dach der Paintball-Halle. Davor stehen etwa 60 Autos, viele tiefergelegt und mit Remus-Auspuff. Paintball, weiß ich spätestens jetzt, ist ein Bubenspiel.

Drinnen eilt Michael Prohaska mit seinem Team von Sieg zu Sieg. Er sprintet entschlossen zu einer blauen Gummibande und nimmt den Gegner ins Visier. Treffer. Er hastet zur nächsten Barrikade, rutscht die letzten Meter auf Bauch und Brust. Treffer. Als alle fünf Widersacher ausgeschaltet sind, rennt Prohaska nach vorne, schnappt sich die Fahne und trägt sie ins eigene Startfeld zum Sieg.

Profis schießen pausenlos

Auf dem Boden, der übersät ist von orangefarbenen Flecken, liegen vier Männer in Schutzkleidung. Das sind keine Getroffenen, das sind Schiedsrichter.

Prohaska trägt eine Schutzmaske, um seinen Körper schlackert ein buntes Jersey, weit geschnitten, weil es Kugeln abfedern soll. Es spielen immer fünf gegen fünf, wer getroffen wurde, läuft in die "Dead Men Zone". Das Spielfeld ist voller aufblasbarer geometrischer Figuren wie Zylinder und Kegel, die bald vor Farbe triefen. Immer wieder neu lässt Prohaska Kugeln ins Schaufelrad seines Markierers fallen. Auf Turnieren wird durchgängig geschossen, stelle ich fest.

Großer Zulauf zu Paintball-Turnieren

180 Spieler sind dieses Wochenende ins graue Paintball-Zelt nach Ennsdorf gekommen. Ich betrete eine Welt, in der Männer, selten auch Frauen, mit großer Selbstverständlichkeit die Läufe ihrer Markierer putzen oder diese an einer großen Sauerstoffflasche neu aufladen. Rock und Hip-Hop dröhnen in den Pausen durchs Zelt. Das Turnierfeld ist von Netzen und an der Eingangsseite mit einem weißen Vlies begrenzt - denn keiner will schon vorm Spiel Farbe abkriegen. Die Akteure betreten das Feld meist mit energischen Schritten, sie scheinen voller Adrenalin zu sein.

Ich frage mich, warum ich mich in anderen Welten des Adrenalins, in Kart-Hallen und Fußballstadien, wohler fühle. Vielleicht, weil man beim Fußball am Tormann vorbeischießen muss?

Sportverbände halten Distanz

Das offizielle Sport-Österreich hat sein Urteil schon 2009 gefällt: keine Sportförderung für Paintball. "Bei Paintball wird auf Menschen geschossen, das wollten wir nicht unterstützen", sagt der Generalsekretär des Sportverbandes ASKÖ, Michael Maurer. "Sehen Sie sich die Übungsspiele beim Bundesheer an", meint auch der Generalsekretär der Sportunion, Rainer Rößlhuber, "da gibt es schon eine sehr große Ähnlichkeit." Auch der dritte große Verband, der ASVÖ, distanziert sich "aus ethischen Gründen".

Den Vorwurf des Kriegsspiels kennt Liga-Organisator Kornholz nur zu gut: "Letzten Endes ist es eine subjektive Meinung", sagt Kornholz zum Urteil der Sportverbände. "Ich kann's Ihnen wegargumentieren. Ich weiß ja, ich tue meinem Gegenspieler nicht weh. Es ist richtig, dass ich ihn treffe, aber so wie mit der Spritzpistole am Strand, beim Völkerball oder mit einem Schneeball."

Rote Kugeln erinnern an Blut und sind verboten

Nicht nur weil sich Österreichs Profi-Paintball-Spieler in der öffentlichen Debatte missverstanden und oft auch diskreditiert fühlten, vermeiden sie penibel jede militärische Anmutung. Die Sportjerseys sind in grellen Farben gehalten. Rote Farbe für die Kugeln ist verboten, und zum Gerät wird grundsätzlich Markierer gesagt statt Waffe. Alle Paintball-Spieler, mit denen ich redete, sagten, ihr Hobby habe ihre Hemmschwelle für Gewalt nicht gesenkt.

In Deutschland wollte die Bundesregierung nach dem Amoklauf von Winnenden im Mai 2009 Paintball generell verbieten. Nach Protesten gab sie den Plan wieder auf, auch weil ein Zusammenhang zwischen Paintball-Spielen und Gewalt niemals nachgewiesen wurde. In einer der wenigen Studien aus dem Jahr 2000 kam die deutsche Pädagogin Linda Steinmetz vielmehr zu dem Schluss, für die Paintball-Szene ließen sich "keinerlei Befürchtungen hinsichtlich realer Gewalt oder Verrohung bestätigen".

Auf seinem bevorzugten Trainingsplatz in Gerasdorf zeigt mir Prohaska einen Markierer, der mit seinem braun verkleideten Griff einem Gewehr ähnelt. "Wer mit so etwas zum Turnier kommt, fliegt hochkant raus", sagt er. Er fordert mich auf, auch einmal selber zu schießen, äh, zu markieren. Ich ziele an diesem Tag aber nur auf Autoreifen, Geröll und eine Holzbrücke. Vorerst.

Kampf der Anfänger

Ein paar Tage später stehe ich also in der Paintball-Halle des Shopping Center Nord, weiter Ganzkörper-Anzug, Maske. Nächstes Spiel nach der anfänglich beschriebenen Niederlage. Diesmal verschanze ich mich länger und wage mich vorsichtiger aus der Deckung. Ich spüre noch die Treffer vom letzten Spiel. Jetzt will ich's besser machen. Einen meiner Gegner, erst knapp über 18 Jahre alt, erwische ich diesmal. Ein gutes Gefühl. Er hebt die Hand und trottet hinaus. Wenig später bin ich selbst in eine Farbkugel gelaufen und muss ihm folgen.

Als ich nach Hause fahre, lässt die positive Aufregung nach. Ein mulmiges Gefühl, jemanden ins Visier genommen zu haben. Doch ich denke mir, jeder sollte selbst entscheiden dürfen, wie er damit umgeht. Seit ich es selbst gespielt habe, betrachte ich Paintball nicht mehr so negativ. Ich denke mir, es ist zwar nicht mein Spiel, aber eben nur ein Spiel. (Lukas Kapeller, derStandard.at, 19.4.2012)

  • Österreichs Sportverbände fühlen sich an militärische Übungen erinnert, die Spieler selbst verteidigen den "actionreichen Spaß". Paintball polarisiert.
    foto: kap

    Österreichs Sportverbände fühlen sich an militärische Übungen erinnert, die Spieler selbst verteidigen den "actionreichen Spaß". Paintball polarisiert.

  • Michael Prohaska hofft auf eine breitere Akzeptanz von Paintball, mit seiner Ausrüstung gehe er verantwortungsvoll um: "Ein Markierer hat außerhalb des Spielfeldes nichts verloren."
    foto: kap

    Michael Prohaska hofft auf eine breitere Akzeptanz von Paintball, mit seiner Ausrüstung gehe er verantwortungsvoll um: "Ein Markierer hat außerhalb des Spielfeldes nichts verloren."

  • Erste Gehversuche des Redakteurs auf dem Paintball-Feld: Sie nannten mich Freiwild.
    foto: privat

    Erste Gehversuche des Redakteurs auf dem Paintball-Feld: Sie nannten mich Freiwild.

  • Beim Paintball-Turnier in Ennsdorf triefen die aufblasbaren geometrischen Figuren bald vor Farbe. Auf dem Feld wird durchgängig geschossen.
    foto: kap

    Beim Paintball-Turnier in Ennsdorf triefen die aufblasbaren geometrischen Figuren bald vor Farbe. Auf dem Feld wird durchgängig geschossen.

  • Turnierspieler Prohaska im Einsatz. Bei Paintball würden mehr Muskelgruppen beansprucht als in vielen anderen Sportarten, sagt er.
    foto: kap

    Turnierspieler Prohaska im Einsatz. Bei Paintball würden mehr Muskelgruppen beansprucht als in vielen anderen Sportarten, sagt er.

  • Die österreichische Fangemeinde beschränkt sich derzeit vor allem auf Freunde und Verwandte.
    foto: kap

    Die österreichische Fangemeinde beschränkt sich derzeit vor allem auf Freunde und Verwandte.

  • Zweikampf vor dem Sicherheitsnetz. Zuschauer gehen oft mit Klecksen auf ihren Kleidern heim.
    foto: kap

    Zweikampf vor dem Sicherheitsnetz. Zuschauer gehen oft mit Klecksen auf ihren Kleidern heim.

  • Ein tschechischer Paintball-Spieler reinigt nach dem Wettkampf in Ennsdorf den Lauf seines Markierers.
    foto: kap

    Ein tschechischer Paintball-Spieler reinigt nach dem Wettkampf in Ennsdorf den Lauf seines Markierers.

  • Markierer wie dieser sind auf Paintball-Turnieren nicht zugelassen. Die Ähnlichkeit mit einem echten Gewehr ist zu groß.
    foto: kap

    Markierer wie dieser sind auf Paintball-Turnieren nicht zugelassen. Die Ähnlichkeit mit einem echten Gewehr ist zu groß.

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