Rundschau: Welten am Draht

    Ansichtssache28. April 2012, 10:13
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    Die folgenschwere Differenzmaschine, 9/11 als Fata Morgana und Romane von Larry Niven, Ernest Cline, Andreas Brandhorst und Ted Kosmatka

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    coverfoto: wurdack

    Heidrun Jänchen: "Willkommen auf Aurora"

    Kartoniert, 320 Seiten, € 15,40, Wurdack 2012

    Sag mir wo die Frauen sind, wo sind sie geblie-hieben? In den 70ern waren sie das große neue Ding in der Science Fiction: Joanna Russ. Vonda McIntyre. Alice B. Sheldon (vulgo "James Tiptree, Jr"). Joan D. Vinge. Marta Randall. Anne McCaffrey. Octavia Butler. C. J. Cherryh. Jo Clayton. Und davor schon natürlich Ursula K. LeGuin und Kate Wilhelm. Und im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends? Wenn ich mir heute so den Rezensionsteil der ehrwürdigen SF-Zeitschrift "Locus" durchschaue, stellt sich folgender Eindruck ein: Männer rezensieren Autoren, die Science Fiction schreiben. Frauen rezensieren Autorinnen, die Fantasy schreiben. Langsam grenzt es an Geschlechtertrennung, wie eigentümlich. Frauen fahren Auto, sequenzieren DNA und suchen mit Teleskopen den Himmel ab - eine von manchen Alt-1868ern herbeigefaselte "Technophobie des weiblichen Gehirns" kann also nicht dahinterstecken. Der Schritt zum SF-Schreiben wäre damit eigentlich nicht gar so weit hergeholt. (Einwand vorweggenommen: Ja, natürlich kann man immer noch diverse Gegenbeispiele zitieren - aber vergleicht man den gesammelten weiblichen SF-Output mit dem weltraumlifthohen Stapel an Urban-, High- und sonstiger Fantasy, dann relativiert sich die Zahl doch beträchtlich. Von Ausscheidungen, die mit Vampirblut durchsetzt sind, mal ganz abgesehen.)

    Liest man die sarkastische Geschichte "Emotionale Intelligenz" in Heidrun Jänchens aktueller Story-Sammlung "Willkommen auf Aurora", darf man annehmen, dass der ostdeutschen Autorin geschlechtsspezifische Quotendiskussionen in der SF eher am Arsch vorbeigehen würden. Völlig zu Recht, und Jänchen soll hier auch nicht mit einem pseudofeministischen Kontext zwangsbeglückt werden. Vergleichen wir's lieber hiermit: Hätte ich nach vier Jahren Rundschau feststellen müssen, dass mehr als neun Zehntel der SF-Werke von AutorInnen aus der ersten Hälfte des Alphabets stammen, hätte ich mich auch irgendwie zu wundern begonnen. - Genug davon: Wie's der Zufall so will, sind zwei der meiner Meinung nach besten deutschen SF-AutorInnen Frauen. Zum einen Karla Schmidt, die großartige kleine Geschichten aus der nahen Zukunft schreibt. Und zum anderen eben Heidrun Jänchen, die hier unter anderem schon mit dem Roman "Simon Goldsteins Geburtstagsparty" vertreten war. Übrigens eine Physikerin - viel klassischer kann die Vita eines SF-Autors kaum sein. Ihr jüngstes Werk "Willkommen auf Aurora" enthält 17 Kurzgeschichten, die sich ziemlich gleichmäßig auf die nahe und die mittlere Zukunft bzw. nach Schauplätzen aufgedröselt auf die Erde und andere Planeten bzw. den Weltraum verteilen. Und durch nahezu alle zieht sich ein roter Faden durch. Wie France Gall einst sang: Résiste!

    Beispiel "Marias Sohn", das vom Ansatz her Jänchens älterer Geschichte "In der Freihandelszone" in der Sammlung "Emotio" ähnelt: Weil er in seinem Körper unverschuldet ein patentiertes Gen trägt, geht der kleine Ramon Ortega in den Besitz eines Konzerns über. Eine Vorgangsweise, so unmenschlich, wie sich die ökonomischen Verhältnisse in allen hier vertretenen Geschichten präsentieren ... allerdings hat die Baby-Beschlagnahme einen Pferdefuß, wie der Konzern noch herausfinden wird. Die Sicherheitsleute, die in "In die Finsternis" einen Angriff von Außerirdischen überlebt haben, igeln sich auf ihrem Minen-Planeten ein, statt sich sofort bei Eintreffen der Verstärkung nach Hause bringen zu lassen. Mit gutem Grund: Hegen sie doch die berechtigte Angst, als lästige "Profitschädlinge" im Weltraum verklappt zu werden. Und "Gemurkel" steht in der gleichnamigen Erzählung nicht nur für die mikroskopischen Basteleien, mit denen Protagonist Paul seinen Lebensunterhalt aufbessert, sondern für die Strategien, mit denen man sich durch ein Leben im Prekariat durchg'frettet, im Allgemeinen. Paul und sein Mitbewohner Marty verleihen als "Hosts" ihre Körper an weit entfernte Kunden, die zeitlich befristet ihr Bewusstsein uploaden (womit die Weltwirtschaft den mangels Treibstoffen zum Erliegen gekommenen Reiseverkehr kompensiert). Rechte haben die Hosts erschreckend wenige - doch als Marty zu Tode kommt, reicht es den Angehörigen endgültig.

    Die Schauze voll hat auch Rada in "Und dann die Stille" - und zwar von den immer aufdringlicher hinausgeplärrten Werbebotschaften für immer tollere Konsummöglichkeiten, die die Welt aber de facto immer weniger Menschen zugesteht. Radas Ausweg ist konsequent und handgreiflich: Es steckt ein sympathisches Revoluzzer-Gen in Heidrun Jänchen; die Expression erfolgt auf literarischem Weg. Die negative Beschreibung einer potenziellen Wunderwelt aus intelligenten Haushaltsgeräten, Telemedizin und was nicht allem erinnert in ihrem Fortschrittsskeptizismus ein wenig an Ray Bradbury. Neuere Motive sind aber ebenfalls vertreten, zum Beispiel die Anfänge - und menschlichen Begleiterscheinungen - einer posthumanen Entwicklung in "Drinnen und draußen". Oder die Klon-Geschichte "Ich bin nicht Benedikt Fahrenberg", die ein vielbearbeitetes Motiv einer entspannten (und damit eigentlich sehr realistischen) Lösung zuführt.

    Zwei, drei Erzählungen wirken im Abschluss ein wenig schnell übers Knie gebrochen. Ein Sonderfall ist "Trigger", das mit 30 Seiten zwar eine der längsten Geschichten ist, aber so viele Schauplätze, Figuren und Motive enthält (ein schlingernder, deformierter Planet, extraterrestrischer Bergbau und unverständliche Eingeborene, ein rätselhafter Effekt mit schweren Folgen, Quasi-Telepathie und daraus resultierende Konflikte, Flucht und natürlich auch wieder Widerstand), dass es eher wie ein Roman im Zeitraffer wirkt. Im Gegensatz dazu kommt "Jakobs Leiter" mit wenigen Seiten aus, hat einen so unspektakulären Inhalt wie ein Geplauder in einem extraterrestrischen Café und wird durch seine Stimmung und ein paar geschickte Andeutungen doch zur für mich besten der hier versammelten Weltraum-Geschichten. Überhaupt drängeln sich die Goodies in der zweiten Hälfte des Buchs: "Adina sehen und ..." denkt die beliebte "Beam-Technologie" in teuflischer Weise weiter, während "Slomo" das Grundszenario des Films "Gattaca" aufgreift, es jedoch mit einer neuen Wendung versieht.

    Geschildert wird das alles aus einer Down-to-Earth-Einstellung heraus - wunderbar auf den Punkt gebracht aus dem Munde eines Protagonisten, der hofft, dass sich die neuesten technischen Innovationen am Arbeitsplatz erst dann durchsetzen werden, wenn er schon der wunderliche Alte, den man bis zur Pensionierung in Ruhe ließ, sein wird. Je nach Charakter der (oft männlichen) Hauptfiguren ist der Tonfall der Erzählung mal nüchtern, mal sarkastisch oder auch ruppig - es geht aber auch mit viel Gefühl, wie in der melancholischen Liebesgeschichte von Lina und Erik, "Zweivierteltakt, e-moll". Nach dem Zusammenbruch und dem Rückgang der Bevölkerung wurde eine Art Fortpflanzungskarussell eingerichtet: Um fruchtbare Paarungen zu finden, rotieren die mittellosen Männer im Drei-Monats-Rhythmus per Zufallsalgorithmus von Frau zu Frau - beide Geschlechter stehen bei diesem Roulette auf der Verliererseite. Und wieder wird dieses System nicht endlos hingenommen werden. In der abschließenden Erzählung "Stadt in der Steppe" werden Kinder als GedankenleserInnen gezüchtet. Eines davon ist K8 bzw. "Kate", die vom Staat als Beisitzerin bei Verhören angeblicher Terroristen eingesetzt wird - und natürlich wird es auch hier wieder zu Akten der Auflehnung kommen.

    Insgesamt ist die Sammlung "Willkommen auf Aurora" ein sehr lesenswertes Beispiel aktueller deutschsprachiger SF. Ein Auge bleibt darin stets auf die Gegenwart gerichtet und eine zentrale Botschaft gibt es auch: Widerstand ist möglich.

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