Rundschau: Welten am Draht

    Ansichtssache28. April 2012, 10:13
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    Die folgenschwere Differenzmaschine, 9/11 als Fata Morgana und Romane von Larry Niven, Ernest Cline, Andreas Brandhorst und Ted Kosmatka

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    coverfoto: harper

    Matt Ruff: "The Mirage"

    Gebundene Ausgabe, 414 Seiten, Harper Collins 2012

    Wir erinnern uns: Die entführten Flugzeuge. Die beiden Türme. Die magischen Schreckenszahlen 9 und 11. This is the day the world changes. Nur dass dieser Tag der 9. November 2001 war und christliche Fundamentalisten Passagiermaschinen in die Euphrat- und Tigris-Türme der Stadt, die niemals schläft, lenkten: Bagdad. - Schon in seinen Slipstream-Romanen "Ich und die anderen" und "Bad Monkeys" hatte der New Yorker Autor Matt Ruff Menschen, deren Wahrnehmung der Realität ins Wanken geraten ist, in den Mittelpunkt gerückt. Mit dem Alternativweltroman "The Mirage" führt er das Szenario vom Orientierungsverlust auf eine neue Ebene.

    Ein paar Eckdaten: Durch das "Wunder von Alexandria" Ende des 19. Jahrhunderts haben sich die notorisch zerstrittenen Staaten des Nahen Ostens zusammengerauft und die von Nordafrika bis in den Irak reichenden Vereinigten Arabischen Staaten (UAS) gegründet. Politische Einigkeit, technologische Innovationsfreudigkeit und Ölreichtum machen diese zur einzigen Supermacht des Planeten. Ganz im Gegensatz dazu führen auf dem nordamerikanischen Kontinent diverse religiös geprägte Einzelstaaten eine rückständige Existenz - unter ihnen übrigens Gilead, eine kleine Verbeugung Ruffs vor Margaret Atwood. Und dann ist da noch der Spezialfall Europa: Nach dem Sieg über die Nazis wurde für die überlebenden Juden auf einem Teil des ehemaligen Deutschland der Staat Israel eingerichtet; gehasst von den übrigen europäischen Nationen und nach der Annexion des christlichen Bayern und Schwaben ein ständiger Krisenherd. Genauere Auskünfte zu seiner Welt gibt Ruff in Datenblättern der "Library of Alexandria" - dem Roman-Pendant zur Wikipedia -, die über das gesamte Buch verstreut sind. 11/9 hat die globale Konfliktlage erheblich verschärft, acht Jahre später - zur Romanzeit - befinden sich die UAS immer noch im "Krieg gegen den Terror".

    In der Folge erleben wir eine wahre Parade von Zerrbildern bekannter Personen, Franchise-Ketten, TV-Serien undsoweiter. Entweder in Form fiktiver Pendants - zum Beispiel eines libanesischen Präsidenten, der vor seiner Polit-Karriere Star von Actionfilmen war - oder durch bekannte Gesichter in neuen Rollen. Etwa Donald Rumsfeld und Dick Cheney als armselige Warlords, Osama bin Laden als Senator oder Lyndon B. Johnson als Saddam-hafter Invasor. Was keineswegs alles ist, so mancher Einfall Ruffs in Sachen Rollentausch ist atemberaubend zynisch geraten ... "The Mirage" glänzt mit satirischen Spitzen, die einen beim Lesen immer wieder laut auflachen (und sofort wieder schuldbewusst verstummen) lassen: Siehe Israel als engsten Verbündeten der arabischen Welt, die Bemerkung "a human rights vacuum like Texas" oder das Wettern der UAS gegen die "Achse des Bösen", bestehend aus Amerika, Großbritannien ... und Nordkorea. Ruffs Zynismus erreicht bisweilen den Grad von Genialität, da vergisst man beinahe aufs Human Drama. Aber natürlich wird auch das geboten:

    Im Mittelpunkt von "The Mirage" stehen drei Angehörige der Homeland Security in Bagdad, die durch das Verhör eines Terroristen auf die Spur des großen Rätsels von Ruffs Welt gelangen. Da wäre zunächst Mustafa al Baghdadi, der seine Frau bei den damaligen Flugzeuganschlägen verloren hat und darüber nie hinweggekommen ist. An seiner Seite stehen Amal bint Shamal und Samir Nadim, die beide ein persönliches Geheimnis hüten, das sie erpressbar macht. Samir ist schwul - nicht gut in einer Welt, in der die allwissende Library of Alexandria zum Stichwort "Gay Rights Movement" lediglich anzeigt: Failed search result. Partial Matches: Sodom and Gomorrah 91,5 %. (Denn Ruff zeichnet die UAS zwar als modernen Multikulti-Staat, keineswegs jedoch als westliche Welt in den Subtropen.) Und Amal, Tochter einer prominenten Senatorin, hat einen aus einer verschwiegenen Kurzehe stammenden Sohn, der beim Vater aufgewachsen und nun als Soldat an der besetzten Ostküste Amerikas stationiert ist. 

    Der Roman gliedert sich in vier Teile. Während sich der erste vor allem um das elaborierte Worldbuilding dreht, richtet Ruff im zweiten den Fokus auf den privaten Background der drei Hauptfiguren. Schon hier zeigt sich die Verbindung zwischen den beiden Ebenen: Nicht nur die ProtagonistInnen haben ihre Vergangenheit aufzuarbeiten - es scheint, als hätte die ganze Welt ihre Vergangenheit verloren. Ein simples Spiegelbild unserer Welt ist es nämlich nicht, was Ruff entwirft. Im Titel ist ja nicht von "Mirror" die Rede, sondern von "Mirage", also Fata Morgana. Erste Anzeichen dafür finden sich bei Mustafas Vater, der sich in den Straßen seiner Heimatstadt immer wieder verirrt, weil sie "nicht richtig" seien. Altersdemenz oder mehr? Auch Mustafa selbst erleidet gelegentlich Schwindelanfälle, in denen er die Orientierung verliert. Wie Mustafa & Co im dritten Romanteil  - vor der Klimax im vierten - herausfinden werden, ist dies ein weitverbreitetes Phänomen. Die drei gehen dem Tipp eines Bagdader Unterweltkönigs namens Saddam Hussein nach, der auf "eBazaar" seltsame Gegenstände ersteigert, die aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Zum Beispiel unbekannte Zeitungen mit Schlagzeilen über Anschläge auf ein gar nicht so rückständiges New York und ähnliche Absurditäten - und die Quelle dieser Kuriosa scheint in Amerika zu liegen.

    Eine Alternativwelt, in die gelegentlich Eindrücke von einer anderen hereinwehen und den Orientierungssinn der Romanfiguren ins Wanken bringen, das hat unverkennbare Parallelen zu Philip K. Dicks "Orakel vom Berge". Weil die fiktive Realität bei Ruff aber noch sehr viel brüchiger wirkt als bei Dick, fragt man sich zumindest als SF-Leser natürlich den ganzen Roman hinweg, was des Rätsels Lösung sein mag. Eine "korrigierende" Zeitreise? Die Matrix? Parallelwelten im Quantenschaum? Bin mal gespannt, was andere LeserInnen von der großen Enthüllung halten werden, die tatsächlich noch kommen wird. Spätestens dann stellt sich allerdings die Frage, ob es auf das Warum überhaupt ankommt. Im Grunde ist Ruffs Roman tief und fest in unserer Welt verankert, deren irrwitzige Aspekte er dadurch in Erinnerung ruft, dass er ganz einfach ihr Gegenteil beschreibt. Und auch wenn ich mit der zentralen Aussage "A wicked prince in one world is a wicked prince in all worlds" nicht einverstanden bin, übt er durch die Umkehrung von Rollen doch unverhohlene Kritik an der Weltpolitik und ihren Akteuren, wie wir sie kennen.

    P.S.: Und einen Kapitelanfang wie The Israelis were bombing Vienna bekommt man auch nicht alle Tage zu lesen.

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