Europas Ratingagentur vor dem Aus

16. April 2012, 15:06
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Beratungsunternehmen Roland Berger bekommt das Startkapital nicht zusammen, die Bertelsmann Stiftung arbeitet weiter an einer eigenen Agentur

Berlin/München - Die geplante europäische Ratingagentur als Gegengewicht zu den US-Platzhirschen S&P und Moody's steht einem Medienbericht zufolge vor dem Scheitern. Die Beraterfirma Roland Berger gehe nicht mehr davon aus, 300 Millionen Euro Startkapital für den Aufbau des Prestigeobjektes zusammenzukriegen, berichtet die "Financial Times Deutschland". Berger hatte vor allem auf die Unterstützung deutscher und französischer Großbanken gehofft, stieß demnach jedoch auf wenig Interesse. Auch aus der deutschen Industrie sei Gegenwind gekommen.

"Wir halten das Projekt weiter für richtig und wünschenswert", betonte die Sprecherin von Roland Berger am Montag. Allerdings gebe es bisher "keine konkreten Zusagen für angemessene finanzielle Beiträge". Das von Berger-Partner Markus Krall erdachte Ratingkonzept hätte das Geschäftsmodell der Branche umgekrempelt. Anstelle der Emittenten, die Wertpapiere begeben, sollten die Investoren für Ratings bezahlen. So hätten die Agenturen keinen Anreiz mehr, sich mit übertrieben guten Noten Aufträge zu sichern.

Die Berger-Pläne sahen ein Stiftungsmodell vor. Insgesamt 30 Investoren aus der Finanzbranche sollten jeweils zehn Millionen Euro beisteuern. Nach fünf bis sieben Jahren sollte sich die neue Agentur soweit etabliert haben, dass die Geldgeber aus dem Cashflow heraus ausbezahlt werden können. Ursprünglich war eine Entscheidung über die Mittel bis Ende März geplant.

Bertelsmann stellt Modell vor

Am Dienstag will nun die Bertelsmann-Stiftung ebenfalls ein Modell für eine internationale Ratingagentur vorstellen. Zu den Auswirkungen auf das eigene Projekt wollte Roland Berger keine Stellung nehmen. Allerdings bestehe ein Unterschied darin, dass die Bertelsmann-Stiftung auch Beteiligungen der öffentlichen Hand an der neuen Ratingagentur anstrebe, hieß es.

Eine europäische Ratingagentur soll eine Konsequenz aus der Kritik an den großen US-Wettbewerbern (siehe Wissen) sein, denen vorgeworfen wird, die Finanzkrise 2008 mitverursacht zu haben. Außerdem wurde ihnen ein zu großer Einfluss auf die Märkte während der Eurokrise vorgehalten.

Leitl warnt vor Scheitern

Im Scheitern einer europäischen Ratingagentur sieht Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl ein großes Problem. "Das wäre nicht akzeptabel. China zeigt uns, wie es geht. Warum sollte es dann in Europa nicht funktionieren." Er spricht damit die chinesische Ratingagentur Dagong an, die seit 1994 besteht.

Auch der deutsche FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle warnte vor einer "fatalen Fehlentwicklung". Die Dominanz der untereinander auch ein Stück verwobenen US-Ratingagenturen sei nicht gut, sagte er am Montag in Berlin. Mit den bisherigen Anbietern bestehe ein enges Oligopol, das nicht den Vorstellungen eines funktionierenden Wettbewerbs entspreche.

Creditreform verteidigt Ratingagenturen

Etwas anders sieht das die Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die in Deutschland primär die Bonität von Unternehmen bewertet. Man wolle auch das Geschäft mit Fonds- und Anleihenratings ausbauen, ein einheitliches System für den Kontinent zu entwickeln sei aber alles andere als leicht. Creditreform arbeite an einem Verbund und verhandle dafür mit anderen Ratingagenturen aus Italien, Spanien und Bulgarien, so Rödl. "Es gibt aber eine sehr unterschiedliche Ratingkultur in den einzelnen Ländern."

Zum Vorhaben von Roland Berger brachte Rödl auch die Profitinteressen der Anleger ins Spiel: "Irgendwann muss auch was rauskommen aus der ganzen Nummer. Da habe ich meine Zweifel, weil die Frage der Akzeptanz groß ist." Eine Ratingagentur lebe davon, dass die Investoren ihren Aussagen vertrauten. Die Branchengrößen aus den USA seien schon seit Jahrzehnten sehr erfolgreich am Markt. "Man kann meckern und maulen über Moody's, Standard & Poor's und Fitch. Am Ende werden die immer gefragt", betonte Rödl.

Privatwirtschaftliches ist Trumpf

Die deutsche Regierung setzt beim Aufbau einer großen Europa-Agentur weiter auf eine private Lösung der Wirtschaft. Ein Regierungssprecher betonte, dass mehr Konkurrenz notwendig sei, eine Konkurrenz-Agentur müsse aber von der Privatwirtschaft ohne Beteiligung des Staates kommen. Nur so seien eine Akzeptanz der Agentur am Markt und ihre Glaubwürdigkeit gewährleistet.

Die EU hat die Ratingagenturen bereits unter stärkere Überwachung gestellt. Zuständig ist dafür die Aufsichtsbehörde ESMA mit Sitz in Paris. Binnenmarktkommissar Michel Barnier stellte im Herbst 2011 zusätzliche Pläne vor, die bei den Ratingagenturen allerdings auf Ablehnung stoßen. Sie sehen unter anderem vor, dass Unternehmen den Anbieter von Ratings regelmäßig wechseln müssen, damit Interessenskonflikte ausgeschlossen werden. Eine eigene europäische Ratingagentur, die mit öffentlichen Geldern finanziert wird, hatte die Kommission verworfen. (APA/Reuters/red, derStandard.at, 16.4.2012)

Wissen

Drei Ratingagenturen mit langer Geschichte und US-amerikanischen Wurzeln beherrschen den weltweiten Markt für die Benotung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen und Staaten. Alle drei sind Finanzdienstleister, die gewinnorientiert arbeiten:

STANDARD & POOR'S (S&P): Der Ratingriese ist Teil des Gemischtwarenladens McGraw-Hill - ein börsennotierter Medienkonzern, der unter anderem Schulbücher verlegt. An McGraw-Hill wiederum sind große Investmentfonds beteiligt sowie Unternehmenschef Harold McGraw. In diesem Jahr soll der US-Konzern aufgespalten werden in eine Bildungs- und eine Finanzmarktsparte, zu der dann auch S&P gehört.

MOODY'S: Der härteste Konkurrent von S&P ist selbst börsennotiert. Anteile halten eher unauffällige Investmentfonds, aber auch Investoren-Legende Warren Buffett, der mit seiner Firma Berkshire Hathaway auf mehr als zehn Prozent der Moody's-Anteile kommt. Als S&P 2011 die Kreditwürdigkeit der USA von der Topnote AAA auf AA herabstufte, kritisierte Buffett dies scharf.

FITCH: Die kleinere Nummer drei geht ebenfalls auf einen US-amerikanischen Gründer zurück, gehört heute aber zu 60 Prozent dem börsennotierten französischen Finanzinvestor Fimalac. Die restlichen Anteile hält der US-Medienkonzern Hearst ("Cosmopolitan", "Elle", ESPN). Hinter Fimalac steht der in Frankreich weit vernetzte Geschäftsmann und Unternehmer Marc Ladreit de Lacharriere. Fitch sitzt in New York und London.

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    Die drei großen Ratingagenturen dürften auch weiterhin mit keinem europäischen Pendant konfrontiert werden.

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