Der Rebell mit den Rodeln für Rumänien

    16. April 2012, 15:29
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    Snowboard-Pionier Martin Freinademetz betreibt in Rumänien ein Ski-Resort. Know-how, Geräte und Geld holt er sich aus Österreich

    Parndorf - Martin Freinademetz ist dem STANDARD wirklich dankbar. Nicht wegen des frischgepressten Orangensafts, auf den der 42-jährige Innsbrucker großzügig eingeladen wird. Sondern für die Zeit, die er in einem Café im Designer-Outlet Parndorf in Beschlag genommen wird. " Shopping ist nichts für mich", sagt der stämmige Mann im ausgewaschenen Red-Bull-Pullover. Seine Frau Sigrid und die beiden Kinder Tara (13) und Santiago (11) ziehen alleine los, Freinademetz blickt sicherheitshalber noch ins Geldbörsel. "Zum Glück suchen sie auch Sachen für mich aus."

    Parndorf ist für Freinademetz nur ein Zwischenstopp auf dem Weg in die alte Tiroler Heimat. Der Snowboard-Pionier, zweifacher Weltmeister des einstigen Weltverbandes ISF, reist mit Kastenwagen samt Anhänger aus dem rumänischen Sibiu (Hermannstadt) an, wo er seit zehn Jahren mit Familie lebt. "Die Autobahn nach Österreich ist noch nicht ausgebaut, das ist ein stundenlanger Ritt über Landstraßen", sagt Freinademetz. "Ich wäre ja geflogen. Aber dann wäre das Shopping im Burgenland ausgefallen."

    Schlepplifte in Rumänien

    Auch in Tirol wird noch eingekauft. Den Anhänger schleppt er nämlich mit, um 50 Rodeln aufzuladen. Die nimmt er mit zurück nach Rumänien, in die Heimat seiner Frau. "Dort sind die Leute ganz gierig aufs Rodeln." Nur knapp 20 Minuten von seinem Haus in Sibiu entfernt betreibt Freinademetz wintersportliche Entwicklungshilfe. Er hat 2010 "einen Skihügel erschlossen", wie der von den heimischen Bergen Verwöhnte das kleine Skigebiet "Arena Platos" in den Karpaten nennt. Vier gebrauchte Schlepplifte aus Österreich hat er im rumänischen Mittelgebirge aufstellen lassen. Geschaut hat Freinademetz auf alles: Es gibt einen Speichersee, ein Beschneiungssystem, einen Funpark für Snowboarder, eine beleuchtete Nachtpiste und Après-Ski. "Da hab ich endlich meinen HTL-Abschluss als Ingenieur gebrauchen können."

    Im März hat Arena Platos die zweite Skisaison beendet. "An den Wochenenden ist es schon ziemlich rundgegangen", erzählt Freinademetz. " Unter der Woche haben wir draufgezahlt." Selbst das Lockangebot wurde nur mäßig angenommen. Sechs Tage Unterkunft, Liftkarte, Leihmaterial und Skilehrer für 99 Euro. In Tirol geht sich damit ein halber Skitag aus. " Das Geschäft ist schwerer als bei uns in Österreich. Wir haben wenige Skitage, nur einheimisches Publikum. Wir müssen den Wintersport erst großmachen."

    Glückloser Trendsetter

    Einen Sport großzumachen ist Freinademetz schon einmal gelungen. 1985 stand er erstmals auf einem Snowboard, da wussten nur die buntesten Vögel, dass es so ein Ding gibt. Freinademetz engagierte sich in der Bewegung, die höchste Aufmerksamkeit darauf legte, anders zu sein als die anderen: die Skifahrer. "Der Lifestyle-Faktor war immer am wichtigsten", sagt Freinademetz. "Wir haben in Interviews vom Leben erzählt und nicht nur, wie viele Trainingseinheiten wir runtergerissen haben."

    Berühmt wurde der Unangepasste bei einer angepassten Veranstaltung. Bei den Spielen 1998 in Nagano feierten die Boarder ihre Olympia-Premiere. Freinademetz reiste als Topfavorit an - und verpasste eine Medaille. " Dann hat was rausmüssen", sagt er.

    Eine Zwei-Liter-Bierdose, "die zweite, die ich an diesem Tag getrunken habe", hat er schwerst bedient auf einen Computer in der Hotellobby geschmissen. Das wenige Bier, das in der Dose übrig war, sickerte. Am Ende war der Hotelserver zerstört. Freinademetz zahlte den Schaden, wurde aber von den Spielen ausgeschlossen. "Als Skifahrer wäre mir nichts passiert. Ich war ein scharfer Kritiker des ÖSV. Andererseits war Nagano nicht die wildeste G'schicht, die ich aufgeführt habe." Noch heute trägt er eine eigene Frisur: Sein Vokuhila ist vorne ganz kurz (Glatze), und hinten ganz lang (Pferdeschwanz).

    "Red Bull Romaniacs"

    Sein Sponsor Red Bull ist ihm trotz der Eskapaden treu geblieben, über 20 Jahre. "Als ich angefangen habe, haben wir die Vertragsverhandlungen mit Mateschitz gemacht. Noch heute kann ich meine Projekte vor ihm präsentieren. Mit dem Unterschied, dass er jetzt Milliardär ist."

    In Rumänien frönt der Motorradfreak, der als einziger Österreicher zwei Mal (2007, 2010) bei der Rallye Dakar ins Ziel gekommen ist, auch seiner zweiten Leidenschaft. Im Juni veranstaltet er zum 9. Mal das mehrtägige Enduro-Rennen "Red Bull Romaniacs". Teilnehmer aus 35 Nationen sind heuer dabei. "Jedes Jahr fahren wir 50 Prozent neue, unbefahrene Strecken. Und von denen gibt es in Rumänien noch viele."

    Auf dem Anhänger, der die Rodeln nach Rumänien bringen soll, steht in Parndorf noch seine Dakar-Maschine. Die wird nach Tirol überstellt, " damit ich dort auch im Sommer Spaß haben kann". Santiago, ganz der Papa, hat am Wochenende noch den Winter genossen. Am Wochenende war der Elfjährige beim World Rookie Tour Finale in Ischgl dabei, dem Saisonfinale der talentiertesten Freestyler. "Santiago hat sich jetzt schon die Snowboard-Schule in Schladming in den Kopf gesetzt", sagt Freinademetz. Tochter Tara, die wie Santiago fließend Rumänisch spricht, will eine Innsbrucker Hotelfachschule besuchen. "Wahrscheinlich wird es bald Zeit für einen Location-Wechsel für die ganze Familie. Innsbruck soll ja nicht so schlecht sein."(David Krutzler, DER STANDARD, 16.4.2012)

    • Martin Freinademetz mit seiner Maschine, mit der er die Rallye Dakar 
bestritt. Sie wird nach Innsbruck überstellt. Dafür kommen 50 Rodeln für
 sein Skigebiet mit zurück nach Sibiu.
      foto: krutzler

      Martin Freinademetz mit seiner Maschine, mit der er die Rallye Dakar bestritt. Sie wird nach Innsbruck überstellt. Dafür kommen 50 Rodeln für sein Skigebiet mit zurück nach Sibiu.

    • Als zweifacher Weltmeister prägte Freinademetz die Entwicklung des Sports entscheidend mit. Die wilden Anfangszeiten wusste er aber auch zu genießen.
      foto: privat

      Als zweifacher Weltmeister prägte Freinademetz die Entwicklung des Sports entscheidend mit. Die wilden Anfangszeiten wusste er aber auch zu genießen.

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