Spurensuche an der Grenze zur Illegalität

13. April 2012, 17:35
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Der italienische Richter und Krimiautor Giancarlo De Cataldo hat mit "Zeit der Wut" einen atemlosen Thriller geschrieben, der das Ermittlermilieu durchleuchtet. Damit ist er erneut auf der Bestsellerliste gelandet

Dass Giancarlo De Cataldo trotz einer halben Million verkaufter Bücher seinen Richterberuf am römischen Schwurgericht nicht aufgibt, leuchtet ein. Ihm verdankt der 54-jährige Autor seine profunde Kenntnis krimineller Milieus und Machenschaften, des Jargons von Dealern und Bullen, den Einblick in die Strategien der Mafia und das Zusammenspiel von Staat und Verbrechen - alles zusammen das Erfolgsrezept seiner Thriller.

Im Prozess gegen den römischen Mafiaclan Magliana sammelte er den Stoff für seinen mehrfach verfilmten 600-Seiten-Bestseller Romanzo Criminale. In seinem neuen Thriller beleuchtet der in Süditalien geborene Römer einmal mehr sein Lieblingsthema: die dunkle Seite der Macht. Mit seinem Roman Zeit der Wut präsentiert er erstmals ein in Koautorenschaft geschriebenes Werk.

Der erfolgreiche Drehbuchautor Mimmo Rafele (Allein gegen die Mafia) verleiht dem Buch einen atemlosen Rhythmus. In dialog- und temporeichen Kapiteln wechseln Schauplätze und Figuren so rasch, dass der Leser zwischendurch fast den Überblick verliert. Die extrem gegensätzlichen Romanfiguren verbindet eines: Sie agieren in Grauzonen, am Rande und häufig jenseits der Grenze zur Legalität. In Anarchistengruppen, schäbigen Moscheen in Hinterhöfen, im Opus Dei, in kroatischen Verbrecherbanden oder Anti-Terror-Einheiten. In seinem "ewigen Kampf des Guten gegen das Böse" interpretiert der philosophisch veranlagte Ermittler Nicola Lupo das Gesetz nach eigenen Regeln.

Er sucht den Mörder des befreundeten Kriminalbeamten Alessio Dantini, misstraut der offiziellen Version seiner Kollegen über den anarchistischen und mit Drogen vollgepumpten Täter. Um den Polizeialltag zu ertragen, muss der kahlköpfige Sizilianer immer wieder abtauchen - in ein Kloster in Tibet, in die Sahara oder die Einsamkeit norwegischer Gletscher - "Tage, an denen sein Satellitentelefon schwieg und sein Blackberry keine E-Mails empfangen konnte."

Der skrupellose Chef der Anti-Terror-Einheit Aldo Mastino verachtet Lupo als "Salonbullen und Wachhund der Staatsanwälte, die sich den Grundrechten verpflichtet fühlen". Mastinos Truppe ist eine Gang gewalttätiger Polizisten, die vor nichts zurückschreckt. Nicht vor Entführungen, illegalen Verhören, dem Diebstahl beschlagnahmter Drogen und der Manipulation von Beweisen. Als die Gang das Selbstmordattentat eines islamischen Extremisten vortäuschen soll, offenbart sich Ferri den Leuten Lupos.

Komplexe Verflechtung

Dessen wahrer Gegenspieler, der "Comandante", scheint für Lupo dank seiner vielfältigen Beziehungen eine Nummer zu groß. Der ehemalige Kommandant im Balkankrieg steuert aus dem Hintergrund Söldner, Profiteure, Verbrecher und skrupellose Politiker. Seine bildhübsche serbische Freundin Alissa hat der Comandante einem "Scherbenhaufen" entrissen.

Dass De Cataldo mit seinem neuen Roman zum dritten Mal den Sprung in die Krimi-Bestenliste der Zeit schaffte, spricht für sein Geschick bei der Aufbereitung von Stoffen, in denen sich Gesellschaft, Politik und Illegalität komplex verflechten. Mag sein, dass "jede Ähnlichkeit mit realen Vorfällen und Personen rein zufällig ist." Nur: In Italien waren die Grenzen zwischen Realität und Fantasie schon immer fließend.  (Gerhard Mumelter aus Rom,  DER STANDARD, 14./15.4.2012)

Giancarlo De Cataldo / Mimmo Rafele: Zeit der Wut. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl, Folio-Verlag, 247 S., € 22,90

  • Bezieht sein Wissen aus dem Erstberuf des Richters: Autor Giancarlo De Cataldo.
    foto: folio verlag

    Bezieht sein Wissen aus dem Erstberuf des Richters: Autor Giancarlo De Cataldo.

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