Weshalb wir für virtuelle Güter nicht bezahlen wollen

Blog12. April 2012, 17:14
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Über die Psychologie des Besitzes und die Probleme mit SOPA und ACTA - English Version

Die Psychologie des Besitzes ist einer der fundamentalsten Motoren unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Dieses Gefühl, "das ist Meins", "mein Auto", "mein Haus", "meine Möbel", "mein Garten" sitzt tief in uns Menschen, so scheint es. Die Forschung sieht die Psychologie des Besitzes in verschiedenen Dimensionen manifestiert: Wir entwickeln ein Gefühl des Besitzes für all die Dinge, in die wir emotional und zeitlich investieren, oft sogar unabhängig davon, ob uns diese wirklich gehören oder nicht.

Da ist z.B. "mein Tennisclub" oder "unsere Straße". Wir bilden ein Gefühl der Verantwortung für diese empfundenen Besitztümer aus. Wir kümmern uns um sie. Ja oftmals definieren wir uns sogar darüber. So ist "meine Wohnung" ganz entscheidend für mich. Für viele meiner deutschen Kollegen ist es hingegen eher "ihr Auto", was zeigen soll, wer sie wirklich sind. Und so mancher Nerd zeigt stolz "seine Hardware" vor.

Schließlich ist das Erlebnis, das Ding unserer Wahl kontrollieren zu können, von ganz wesentlicher Bedeutung. Wir sind innerlich erfüllt und haben Freude an den Objekten, die endlich einmal machen, was wir wollen und frustriert, wenn sie das nicht tun. Mit Dingen, die wir kontrollieren, fühlen wir uns "zu Hause" und grenzen uns gegen Andere ab. Isaacs schreibt 1933, der Wunsch zu besitzen, könne nur als Form der Macht begriffen werden.

Virtuelle Güter

Aber die Besitzpsychologie ist vielleicht ein Konstrukt unseres gegenwärtigen Systems und nicht angeboren? Denn wie schwer fällt es uns, Besitzpsychologie für virtuelle, digitale, nicht greifbare Güter aufzubauen? Also etwa für Musikfiles, Clickstreams, Facebookprofile, unsere Kommunikationsdaten, Ortungsdaten, etc.?

Tun wir uns nicht schwer, eine Besitzpsychologie für das ungreifbare Digitale aufzubauen?

Liegt dies daran, dass wir für das haptische Erleben gebaut sind? Unsere Gedanken und Aussagen, das Gehörte und Gesehene waren von jeher frei und vergänglich. Deswegen empfinden wir wenig Schuld wenn wir online Musik hören, die uns irgendwer zur Verfügung stellt, der sie uns gar nicht zur Verfügung stellen dürfte.

Und wir kommunizieren auf Facebook oder im Chat so wie wir es in der realen Welt immer getan haben: Ohne Besitzdenke und ohne über den Euro- oder Dollar-Wert unserer digitalen Informationsspuren nachzudenken, den diese aber tatsächlich haben. Weder empfinden wir, dass Madonna die Musik "gehört", die wir gerade hören, noch empfinden wir einen Sachwert für die Logfiles, die wir produzieren, wenn wir über eine Webseite surfen.

Selbst die Facebook-Informationen stellen für die meisten von uns keinen echten ökonomischen Wert dar, obwohl Mark Zuckerberg und die Märkte ihnen pro Person 90 bis 120 US-Dollar zusprechen. Paul Graham argumentiert in seinem Blog "Defining Property" virtuelle Güter seien wie Gerüche. Wir kommen einfach nicht auf die Idee, für diese zu zahlen oder für unsere eigenen Geld zu verlangen.

Striktes Besitzdenken

Aber die Märkte lehren uns Anderes: Die jüngsten Entwicklungen rund um SOPA und ACTA zeigen, dass sich die Unternehmen im digitalen Raum entschieden haben, striktes Besitzdenken im digitalen Raum einzuführen. Digitales soll nicht frei sein. Das ist bedauerlich.

Aber eins haben sie nicht bedacht und begreifen daher nicht, dass die breite Durchsetzung von Besitzdenken im virtuellen Raum den Ast absägt, auf dem sie selbst sitzen: Auch wir, die Nutzer, haben einen Wert zu vergeben, für den wir im Moment noch unterbezahlt werden: Und das sind unsere online zur Verfügung gestellten privaten Daten, unsere Kommentare, Blogs, Gedanken, Bewertungen, Handlungen usw..

Bisher haben wir noch keine Besitzpsychologie für dieses wertvolle Gut aufgebaut. Wir empfanden nie, dass unsere Logfiles uns gehören. Wir haben nie mit Firmen über die Konditionen verhandelt, zu denen wir unsere Daten zur Verfügung stellen. Kontrolle haben wir über die uns gebotenen Gratis-Dienste bisher kaum ausgeübt. Bereitwillig haben wir das Kleingedruckte unterschrieben.

Auf das Gefühl, Herr im Haus zu sein, haben wir verzichtet und uns von billiger Werbung auf Schritt und Tritt stören lassen. Das aber könnte sich ändern: Meine Studien an der Wirtschaftsuniversität Wien mit über 1500 Facebook Usern zeigen eins: Wenn Nutzer lernen, dass es einen Markt für ihre persönlichen Daten gibt, dass Andere daran verdienen, ja gar ein „Ecosystem persönlicher Daten" aufbauen, wie es ein Papier des World Economic Forum darstellt, dann möchten sie daran partizipieren.

Und nicht nur das: Sie werden sauer, wenn sie über die Konditionen der Partizipation keine Kontrolle haben. Die Psychologie des Besitzes kommt schnell und heftig, wenn man erfährt, dass sich Andere für das eigene Gut interessieren und sich womöglich daran bereichern. (Sarah Spiekermann, derStandard.at, 12.4.2012)

  • Sarah  Spiekermann

    Sarah Spiekermann

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