Wenn die Macht der Gruppe aus dem Ruder läuft

11. April 2012, 10:23
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Ein Experiment im Unterricht, aus dem die autoritäre Bewegung "Die Welle" hervorgeht: die Zutaten eines Theaterstücks, das unter die Haut geht - Es konfrontiert die Schüler mit Themen wie Faschismus und Fremdenhass

Wien - "Macht durch Disziplin! Macht durch Gemeinschaft! Macht durch Handeln!" Diese Parolen von knapp 20 Schülern zu hören, lässt dem Zuschauer die Gänsehaut über den Rücken laufen. Doch wir befinden uns nicht in einem autoritären Regime, dessen Heranwachsende gedrillt werden, sondern im Volkstheater. Die Schüler sind junge Schauspieler, die unter der Regie von Ricky May-Wolsdorff das Stück Die Welle aufführen. Das "european grouptheater" spielte das Stück, das auf dem Buch The Wave von Morton Rhue basiert, bereits 2008. Nach einem Jahr intensiver Auseinandersetzung mit dem Text wird nun die erfolgreiche Produktion wiederaufgenommen. Was im Stück mit einer harmlosen Geschichtestunde beginnt, in der der Lehrer Ben Ross den Schülern vergeblich die Mechanismen des Nationalsozialismus erklären will, artet schnell in ein kaum zu kontrollierendes Experiment aus.

Ross gründet eine eigene Bewegung, "Die Welle", und beginnt den Schülern Disziplin beizubringen. Schritt für Schritt generiert die Bewegung eine Eigendynamik, Nichtmitglieder werden ausgeschlossen, die Schüler tragen Uniformen und ein jüdischer Mitschüler wird zusammengeschlagen. Das Experiment läuft aus dem Ruder, und gegen Ende verlangen die Schüler flehentlich nach einem Führer. Erst als der Lehrer Ross den Jugendlichen einen Führer - nämlich Adolf Hitler - zeigt, beginnen die Schüler zu verstehen, wozu sie geworden sind.

Sensibilisierung der Jungen

Das Drama Die Welle stellt Fragen, die man sich als Schüler während der ersten Auseinandersetzung mit der Thematik Holocaust auch stellt: Was geht mich das heute noch an? Wie kann der Wahn eines Mannes Bürger zu Verbrechern machen? Auf diese Fragen ging man im Theaterstück selbst sowie im Rahmen einer Diskussionsrunde nach der Vorstellung ein.

Achim Benning, Schauspieler und Ex-Burgtheater-Chef, sieht das Theater als "Gastgeber für die Gefühle der Zeit". Auch Winfried Garscha vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ist überzeugt, dass Theater zur Meinungsbildung beitragen kann. Garscha, der sich mit der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigt, hofft auf Breitenwirkung: Man könne mit Stücken, wie Die Welle zur Sensibilisierung der Jugendlichen beitragen. Ob ein Experiment, wie es der Lehrer Ben Ross in den 60er-Jahren mit seinen Schülern durchführte, heute noch realisierbar wäre, werden die Jungschauspieler gefragt. Ihre klare Antwort: Ja, es könnte sich jederzeit wiederholen.

Die Voraussetzungen müssten allerdings stimmen. Selbstsichere und kritische Schüler würden sich von einer autoritären Bewegung wie der "Welle" nicht beeindrucken lassen. Das Theaterstück will vor allem eines: die Jugendlichen daran erinnern, nicht die Augen zu verschließen vor faschistischen Tendenzen und dagegen anzukämpfen. Um dies zu bekräftigen, zitieren die Diskutanten Albert Einstein: "Nicht die bösen Menschen, sondern die Menschen, die Böses zulassen, gefährden die Welt." (David Tiefenthaler, DER STANDARD, 11.4.2012)

Ab jetzt in Wien und Niederösterreich zu sehen. Spielplan unter: www.europeangrouptheater.com

  • Grüßende Schüler im Bann der "Welle": Was mit Disziplin-Übungen beginnt, endet mit körperlicher Gewalt und Ausgrenzung Andersdenkender.
    foto: european grouptheater

    Grüßende Schüler im Bann der "Welle": Was mit Disziplin-Übungen beginnt, endet mit körperlicher Gewalt und Ausgrenzung Andersdenkender.

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