Und immer lockt der Leib

9. April 2012, 19:32
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"Frauen" durchziehen die Pinakothek der Moderne: In München sind in einer opulenten Schau Frauenbildnisse Max Beckmanns, Pablo Picassos und Willem de Koonings zu sehen

Machos und ihre Projektionen. Ist damit, knapp, kurz, ungerecht, die Ausstellung Frauen abgehandelt? Oder zeigen die Bilder Max Beckmanns, Pablo Picassos und Willem de Koonings, die die Kuratorin Carla Schulz-Hoffmann in der Pinakothek der Moderne in München versammelt, mehr, anderes, Feinsinnigeres? Sind die dargestellten Frauen - und Beckmanns Lieblingsmodelle waren seine Ehefrauen Minna und die elegante Mathilde, genannt Quappi - tatsächlich, so die These der Schau, stark, autonom, souverän, frei?

Worüber im Begleitkatalog überwiegend klug nachgedacht wird, über das Porträt als Spiegel etwa, das Abbild als Katalysator, die Abbildbarkeit anthropologischer Grundfragen, über das widersprüchliche Spiel mit Nacktheit, den Bruch von Normen und Tabus, die kunsthistorische Tradition und das Verhandeln von Klischees - all das wird in der Ausstellung selber durch Opulenz überspielt. Sind doch die 95 aus New York und Berlin, Chicago, St. Petersburg und Madrid, aus Köln, Basel und London entliehenen Exponate durchweg hochklassig.

Dass vor allem die fragilen Papierarbeiten Willem de Koonings nach vielen Jahren erstmals wieder in Deutschland zu sehen sind, hat einen guten Grund: Diese Schau ist nach 38 Jahren in Diensten der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen die letzte der international exzellent vernetzten Carla Schulz-Hoffmann.

Die geschluckte Farbe

Wieso aber entwickeln die Akte, Porträts und Gruppenbildnisse Beckmanns, von dem die Pinakothek dank einiger Schenkungen einen hochwertigen Bestand besitzt, Pablo Picassos und des fast eine Generation jüngeren Ab-strakten Expressionisten de Kooning (1904-1997) nicht den Zusammenhang und nicht den Zusammenklang, der angekündigt wurde?

Zum einen liegt dies daran, dass anderthalb Dutzend Säle der Dauerausstellung im ersten Stock für diese Prestige- und bisher größte Ausstellung in der Geschichte der Pinakothek der Moderne freigeräumt wurden. Seit der Eröffnung 2002 haben sich diese Räume als eher zu dunkel, eher zu klein und der Parcours als umständlich erwiesen.

Zudem ist die hellgraue Wandfarbe für so manches Gemälde problematisch, da sie Farbe schluckt und keinerlei visuellen Halt gibt. So auch diesmal, vor allem bei den schrill-bunten Arbeiten Willem de Koonings.Zum anderen mutet die Unterteilung in fünf thematische Sektionen zu weit gefasst an - und ist deshalb zu austauschbar.

Der Auftakt der rhythmisch irritierend statischen Schau, überschrieben, "Porträt Typus Idol" mit überwiegend harmonischen Bildern, geht über ins Kapitel "Harmonie Ruhe Selbstvergessenheit". Arbeiten daraus könnten allerdings ebenso gut ganz am Ende hängen, in der Abteilung "Welt-Bild Zeit-Bild Selbst-Bild". Dort geht es dann endgültig liberal zu. In Beckmanns mythologisch unterfütterten Bildern wie dem Triptychon Versuchung (1936/37) oder Die Reise von 1944 entgleitet das ohnehin schon sehr weit gefasste Thema dann nahezu endgültig.

Der Antipode Picasso

Entfalten die gut gehängten Gemälde von Beckmann und seines Antipoden Picasso, der mit Arbeiten aus allen Werkphasen vertreten ist - von der Blauen Periode, Madame Soler (1903), über die neoprimitivistische Dryade (1908), die kubistische Sitzende von 1909, das neoklassizistische Maternité (1921) und die surrealistische Frau (Femme) von 1930 bis zu Umarmung (1972) -, tatsächlich ein visuell miteinander korrespondierendes System, so geht die Idee überwiegend ins Leere, de Kooning miteinzubeziehen.

Zu laut sind dessen Arbeiten, zu aggressiv, zu schreiend. Bei ihm wie im Spätwerk Picassos herrscht weitgehend nur noch lüsterne Gewalt, teils rüde praktiziert, teils karikiert überzeichnet. Da wird der weibliche Körper zerrissen und, reduziert auf pures schimmerndes Fleisch, in reine Farbschlierenlandschaften überführt.

Der Blick der Männer auf den weiblichen Körper erliegt fast zur Gänze den eigenen Reizen, den hormonellen Lockungen und Lebensprojektionen, erstarrt oft genug im Standardrepertoire Hure, Mutter, Sirene. Oder, wie auf Picassos Weinender Frau zu sehen, nicht weniger klischeehaft in opferhafter Passivität. (Alexander Kluy, DER STANDARD, 10.4.2012) 

Bis 15. Juli

  • Schrilles und buntes Arbeiten: Willem de Koonings 
"Two Figures in Landscape" aus dem Jahr 1968.
    foto: pinakothek

    Schrilles und buntes Arbeiten: Willem de Koonings "Two Figures in Landscape" aus dem Jahr 1968.

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