"Ich muss einmal herunter von der Überholspur"

4. April 2012, 18:34
45 Postings

Viele Anhänger wollen US-Außenministerin Clinton als Kandidatin für die Präsidentenwahl 2016 sehen

Sie ist ziemlich blass, die Weltreisende, die man korrekt mit Madame Secretary anreden sollte. In über drei Amtsjahren hat Hillary Clinton mehr als 300 Tage in Flugzeugen verbracht, 95 Länder besucht und 1,3 Millionen Kilometer zurückgelegt. Eine Verschnaufpause täte ihr gut.

Vor vier Jahren blieb es der ehemaligen First Lady verwehrt, erste US-Präsidentin werden. Barack Obama holte sie aber in sein Kabinett - so wie Abraham Lincoln, der Rivalen in sein Team einband. Manche Staatschefs pflegten ein derart enges Vertrauensverhältnis zu ihren Außenministern, dass sie wie Co-Präsidenten wirkten: Harry Truman und George Marshall, Richard Nixon und Henry Kissinger. Von Obama und Clinton lässt sich das nicht behaupten. Als "professionell-freundlich" beschreiben Insider, wie die beiden miteinander umgehen. Obama reißt vieles an sich, manchmal überträgt er wichtige Aufgaben eher seinem Vize Joe Biden, statt Madame Secretary damit zu betrauen. Zum Beispiel hat Biden die politische Seite des Abzugs aus dem Irak gemanagt, relativ reibungslos.

Keine großen Durchbrüche

In Sachen Afghanistan war er der Realität mit seiner Skepsis näher als Clinton, die mit dem damaligen Pentagon-Chef Robert Gates eine Aufstockung der Truppen empfahl. Doch Biden setzte auf Kommandoaktionen und ein kleineres Kontingent.

Klar wird auch, dass Clinton keine Außenministerin spektakulärer Durchbrüche ist. Ihre sichtbare Bilanz fällt eher mager aus.

1996, als Hillarys Ehemann Bill seine Wiederwahl ansteuerte, hatten dessen Emissäre die Bürgerkriegsparteien des Balkans zu einem Bosnien-Friedensabkommen gedrängt. In Nordirland stellte das Weiße Haus Weichen für eine Aussöhnung zwischen Katholiken und Protestanten, während es auch Israelis und Palästinenser zu Kompromissen trieb. Heute sind die USA als ehrlicher Makler in Nahost praktisch nicht mehr aktiv, in der Syrien-Krise herrscht kaum verhüllte Ratlosigkeit, in Libyen war man froh, Briten und Franzosen den Vortritt lassen zu können.

Clinton sieht das gelassen, versteht sich ohnehin mehr als Chefin eines Reparaturbetriebs. Zehn Jahre lang hätten die Feldzüge in Afghanistan und Irak daheim die Debatten bestimmt, dozierte sie neulich im Economist . Als sie ihr Amt antrat, kurz nach dem Finanzcrash, habe sie in aller Welt die gleichen Fragen gehört. "Wofür steht ihr eigentlich noch?" Eine schmerzliche Erfahrung, räumt sie ein. Ihr wichtigstes Anliegen sei es gewesen, nach der Betonung militärischer Mittel unter George W. Bush Diplomatie und Entwicklungshilfe aufzuwerten.

Im eigenen Land kommt er an, der bescheidene Ton. Umfragen zufolge sind zwei Drittel angetan von ihrer Arbeit, während nur die Hälfte Obama bescheinigt, einen guten Job zu machen. Teils liegt es in der Natur des Amtes, teils an Clintons Art, die Dinge schnörkellos beim Namen zu nennen.

Inzwischen zweifelt ihre Fangemeinde kaum noch daran, dass sie 2016 fürs Oval Office kandidiert. Sie wäre dann 69, so alt wie Ronald Reagan, als er erstmals gewann. "Ich wäre froh", sagt Ehemann Bill und klingt wie ein Motivationstrainer. Zunächst legt die Weltreisende aber eine Pause ein, so viel ist sicher. Im Jänner 2013 will sie ihren Schreibtisch räumen, ganz gleich, wie die Wahl im November ausgeht. "Ich muss einmal herunter von der Überholspur."

Romney weiter siegreich

Der US-Republikaner Mitt Romney ist indes einer Präsidentschaftskandidatur näher: Er gewann die Vorwahlen in Wisconsin, Maryland und in Washington DC vor Rick Santorum. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 05.04.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    2013 wird sich Hillary Clinton aus der großen Politik zurückziehen. Ihre Anhänger hoffen, sie wird dann ihre Kandidatur für die Präsidentschaftswahl im Jahr 2016 vorbereiten.

Share if you care.