Mehr Koran für junge Türken

2. April 2012, 17:07
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Erdogan boxt umstrittene Schulreform durch

"Autoritäre Führung", "religiöse Indoktrinierung", "abgewertetes Parlament" heißt es im Chor der Kritiker nach der Annahme einer umstrittenen Schulreform in der Türkei. Einmal mehr spaltet der Umgang mit der Religion die türkische Gesellschaft. Die Schulreform war Freitag mit den Stimmen der Regierungspartei AKP und der nationalistisch-islamischen MHP angenommen worden. Sie sieht neue Korankurse und die Öffnung der Imam-Hatip-Schulen für jüngere Schüler vor.

1051 Beschäftigte der staatlichen Religionsbehörde Diyanet sind nach türkischen Medienberichten seit Dezember ins Bildungsministerium gewechselt; sie sollen als Koranlehrer in den Schulen tätig werden. Erdogan betonte, die Korankurse seien freiwillig. Vor Abgeordneten seiner AKP hatte er vor Wochen gleichwohl als Ziel seiner Regierung erklärt, in der Türkei eine "religiöse Generation" heranzubilden. Erdogan hatte selbst eine Imam-Hatip-Schule besucht. Sie war seit der Entmachtung der Regierung des Islamisten Necmettin Erbakan 1997 nur für die Oberstufe offen. Ab September können auch 14-Jährige wieder diese Schule besuchen. Der Bildungsausschuss hatte die Reform rasch während einer Prügelei zwischen Abgeordneten von AKP und CHP angenommen.

Seit Beginn der Legislaturperiode brachte die AKP trotz ihrer absoluten Mehrheit kaum eine Handvoll bedeutender Gesetze zustande. Erst jetzt wurde sie aktiver: Neben der nichtangekündigten Schulreform gab es ein Paket zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen; demnächst steht eine Justizreform an, die unter anderem eine Verkürzung der extrem langen U-Haftzeiten möglich machen soll. Ilter Turan, Politologe an der Bilgi-Universität Istanbul, sieht den Grund für den schwindenden Elan der AKP vor allem bei Erdogan selbst: "Seine Kraft scheint nachgelassen zu haben. Und wenn der Regierungschef langsamer wird, werden auch andere Dinge langsamer." (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 03.04.2012)

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    Die türkische Lehrergewerkschaft protestierte gegen die Schulreform. Die Polizei setzte Tränengas ein.

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