Wallas wahnhaft-wundersames Walliversum

29. März 2012, 17:46
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"Weltallende" titelt die Retrospektive zu August Walla im Museum Gugging: Der Art-brut-Künstler meinte damit den Himmel am Ende der Ewigkeit. Eine neue Monografie gewährt mehr Einblicke in seinen bezaubernden Kosmos

Maria Gugging - Rosa Luftballons - Walla-Ballons - säumen den Weg zum Museum Gugging. Aus dem Haus am Hügel tönen Fanfaren - Walla-Fanfaren - in den Abend. Den eigenwilligen Trompetengruß an August Walla (1936-2001), den Gesamtkunstwerker unter den Art-brut-Künstlern, spielt Franz Hautzinger, einer der profiliertestesten österreichischen Experimentalmusiker. Noten aus Wallas Mal-Universum dienten als Inspiration.

Scharen, darunter Polit-Prominenz wie Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll, kamen am Mittwoch zur Eröffnung der großen Walla-Retrospektive nach Maria Gugging; hinauf auf den idyllischen Hügel, der früher verschrien war als jener der "Irren" und "Verrückten", die hier in der einstigen Nervenheilanstalt verwahrt wurden. Geblieben ist nur das Haus der Künstler und der Zauber, der die unverdorbenen, unverfälschten Arbeiten der hier tätigen künstlerischen Autodidakten umgibt - Outsider-Künstler wie Johann Hauser, Oswald Tschirtner und August Walla.

"Das Haus der schlafenden Vernunft" übertitelte Schriftsteller Gerhard Roth 1988 seinen "Essay für die Zeit" und genau in dieser, der Vernunft und dem Verstand abgewandten Seite liegt vermutlich der Reiz, dem auch Roth bei seinen zahlreichen Besuchen seit 1976 erlag. Eine rätselhafte Welt, die man nie ganz verstehen wird und die sich jenseits gesellschaftlicher Wertesysteme, Logiken und Gesetze bewegt. Am Firmament von Wallas quietschbuntem mythologischem Götterhimmel, mit dem er auch sein ganzes Zimmer überzog, porträtiert er, der "Brrunzo mit dem süßen Brrunzfluss", sich selbst in trauter Runde von Satan und Tod, von Halbteufel- und Gespenstergott, von Judengott Elia, Zeus, Allah und Christengott Zebaoth ("Aller Welt", 1984).

"Bin der brave Tod nur", beruhigt der Gevatter in einer Sprechblase. Denn um über jeden Zweifel erhaben zu sein, gab es in Wallas Welt noch die Auszeichnung "brav". "Brave Göttin" beschriftete er etwa eine große Muttergottes und fügte auf Leukoplast-Streifen hinzu: " Lügt nicht übern Walla" (das Lügen verabscheute er ebenso wie Stehlen) und "Teuferl ist brav".

Engerl und Bengerl

Wahrhaft teuflische Gestalten unserer Welt, sie konnten für Walla zu Engerln mit Flügerln werden. Er fantasierte sich etwa Adolf Hitler, für ihn "die bekannte Stimme aus dem Radio" und die einzige männliche Identifikationsfigur in der Kindheit, als seinen leiblichen Vater. Denn diesen lernte Walla, der sich gerne "Adolfe" nannte, niemals kennen.

Mutter Aloisia, die in einigen Gutachten auch als "gestört" eingestuft wurde, zog den Buben als "Nazimädchen" auf. Erst die russischen Besatzer, sagte Walla, hätten den asozial und verwahrlost aufgewachsenen, zu einem Knaben "umoperiert". Seither - Walla war schon lange vor seiner Gugginger Zeit kreativ - sind Hakenkreuze weibliches, Hammer und Sichel männliches Ornament in seinem Kosmos.

Von 1993 bis zu seinem Tod lebte und wirkte Walla im Haus der Künstler - und davor und drum herum. Alles, was er unter die Finger bekam - Straßen, Zäune, Mauern, Türen, Garagentore, Bäume oder Steine - bemalte und beschriftete er, verlieh seinen Aussagen mit Punkt und Ausrufezeichen doppeltes Gewicht. "Er war auch Land-Art-Künstler", sagt Kunstsammler Helmut Zambo über seine erste Begegnung mit Walla 1970. Es war an der Donau, wohin er Walla und Leo Navratil, den Psychiater und Gründer des Hauses der Künstler (heute geleitet von Johann Feilacher) begleitete. Zambo trug einen Eimer mit roter Farbe, denn Walla wollte Kieselsteine bemalen.

"Walla ist für mich der interessanteste Art-brut-Künstler, weil er das gesamte Spektrum der bildenden Kunst bearbeitet hat", sagt Zambo. "Er hat nichts ausgelassen." Für den Sammler gibt es nur noch einen weiteren Künstler, der so universell gearbeitet habe. Der sei, so Zambo, jedoch kein Art-brut-Künstler: Pablo Picasso."Wallas Leben war die Kunst, die Mutter und das Essen", sagt Zambo über den scheuen Walla. Gesprächig war dieser nur in seinen Bildern; er kommunizierte, als die Mutter - sein Sprachrohr nach außen - gestorben war, auch nur dann, wenn man ihm ein geiles Stück Torte mitbrachte.

Vor dem Museum ist es Nacht geworden. Auch Roth stand hier im Dunkeln. Später schrieb er die Erinnerung an diesen Moment nieder: "Es würde mich jetzt nicht wundern, wenn Walla unversehens über das Dach geflogen käme oder als mächtiger Baum plötzlich vor mir aus der Erde sprösse."  (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 30.3.2012)

Bis 28. 10.

Im Residenz-Verlag erschien die umfassende vierbändige Monografie "august walla.!: weltallendeland" (Hg. Johann Feilacher), 750 Seiten, € 149,-

  • Walla: "Grüß Gott, Gaber-Hansi mein" (1987).
    foto: sammlung essl privatstiftung

    Walla: "Grüß Gott, Gaber-Hansi mein" (1987).

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