Im Sog der Kernspaltung

27. März 2012, 17:33
2 Postings

Trotz der stärker werdenden Proteste, hält die indische Regierung am Bau neuer Atomkraftwerke fest

Weltweit befinden sich derzeit 60 neue Atomkraftwerke in Bau: mehr als 20 in China und neun in Indien, heißt es von der World Nuclear Association in London, einem Unterstützer der umstrittenen Energieressource. Auch wenn Indien derzeit noch den Großteil seines Stroms, vor allem Kohle und Öle, erzeugt und die Atomenergie nur einen Bruchteil am Energiemix ausmacht, befinden sich 20 Kernkraftwerke mit einer Nennleistung von 4.780 Megawatt in Betrieb, davon die meisten an der tsunamigefährdeten Küste.

Dass viele Japaner anlässlich des Jahrestages der Fukushima-Katastrophe Vergleiche zu 9/11 zogen, hat die indische Regierung "wenig beeindruckt" : "Sie strebt eine führende Rolle Indiens auf dem Gebiet der Nukleartechnologien an", sagt Nadja-Christina Schneider. Um seine Reaktoren auslasten zu können, fördert Indien seine "Uran-Diplomatie": Denn die größte Demokratie der Welt mit 1,2 Milliarden Einwohnern ist derzeit noch vom Uranhandel abhängig. Dieser ist fixer Bestandteil der Strategie, die in die Richtung einer energieautarken und relativ CO2-armen Zukunft führen soll.

Erneuerbare erst am Anfang

Längerfristig werde die kommerzielle Nutzung des Brennstoffes Thorium - eine in Indien reichlich vorhandene Ressource - als Alternative zu Uran angestrebt, entsprechende Technologien für Thorium-Kraftwerke sollen in Indien vorangetrieben werden, sagt Schneider. Erneuerbare Energien werden zwar auch gefördert, stecken aber nach allgemeiner Einschätzung noch in den Kinderschuhen. Störfälle und mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen an den AKWs in Indien schürten schon vor Fukushima Kritik. Doch auch gegen die geplanten oder derzeit im Bau befindlichen Reaktoren gibt es Protest.

Lokale NGOs schlossen sich national zusammen. Mit Fukushima geriet die Regierung erstmals unter Druck und legte einen Gesetzesentwurf für eine unabhängige Atomregulierungsbehörde vor. Kritik an der indischen Regierungshaltung zur Atomenergiepolitik weist Premierminister Manmohan Singh von sich. Anlass für das Interview im Fachblatt Science Ende Februar war zwar die Erhöhung der indischen Forschungsausgaben (bis 2017 sollen es jährlich acht Milliarden Dollar sein), doch der Premier nutzte auch die Gelegenheit, den Atomgegnern auszurichten: "Das denkende Segment unserer Bevölkerung unterstützt natürlich die Atomenergie."  (ly, DER STANDARD, 28.3.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine Anrainerin des indischen AKWs Kudankulam tut ihren Unmut über die Nuklearpläne der Regierung in Neu-Delhi kund.

Share if you care.