"Metaphern wie Energiehunger sind ein Problem"

Interview27. März 2012, 17:12
posten

Dass Indien mehr Atomenergie nutzen möchte, kommt in deutschen Medien nicht gut an, sagt die Kulturwissenschafterin Nadja-Christina Schneider zu Lena Yadlapalli

STANDARD: Indien ist Befürworter der Atomenergie. Deutschland plant den Ausstieg. Sie befassen sich, wie jüngst bei einem Vortrag in Wien präsentiert, seit Fukushima mit der Atomenergiedebatte in Indien und ihrer Wahrnehmung in den deutschen Medien. Was ist Ihnen aufgefallen?

Schneider: Als Bundeskanzlerin Merkel im vergangenen Sommer zu den ersten deutsch-indischen Regierungskonsultationen nach Indien reiste, vermied sie diesbezüglich jegliche Konfrontation. Das Interesse der deutschen Medien an der indischen Atomenergiepolitik war nur punktuell höher. Auch der Rückzug der Commerzbank aus dem umstrittenen Reaktorbauvorhaben in Jaitapur ging unter. Doch das gravierendste Problem der medialen Darstellung sind die verwendeten Metaphern und rhetorischen Figuren.

STANDARD: Inwiefern?

Schneider: Der Begriff "Energiehunger" wird inzwischen in nahezu jedem Artikel oder Fernsehbericht genannt. Überschriften wie "Indien lechzt nach neuen Energiequellen" und "Indiens unersättliche Gier" sind so häufig, dass daraus ein neues negatives Indienbild resultieren könnte. Es entstehen neue kollektivierende Zuschreibungen, die im schlechtesten Fall als rassistische, kulturalistische Stereotype verankert werden könnten. Das Energiethema wirft auch auf andere Länder des globalen Südens ein negatives Bild. Hier sind die Abstiegs- und Verlustängste der Europäer gegenüber den aufstrebenden Schwellenländern ein zentraler Punkt.

STANDARD: Wie haben die indischen Medien die Fukushima- Katastrophe rezipiert?

Schneider: Sehr stark. Wir können nachweisen, dass Aktivisten erstmals Eingang in die Massenmedien gefunden haben. Folgten diese in den vergangenen Jahren zu sehr dem Regierungskurs, so haben sie sich nun erstmals für die breitere Diskussion geöffnet.

STANDARD: Was hat das Medienereignis Fukushima zur Demokratisierung der Debatte um Atomenergie beigetragen?

Schneider: Die Arbeit von NGOs ist bekannter geworden. Man hört und liest mehr über Intellektuelle, die sich dazu äußern. Das ist enorm wichtig für die Debatte. Auf der anderen Seite gibt es den Propaganda-Apparat, der versucht, dagegen zu steuern. Bei dem Vorhaben des 1000-Megawatt-Reaktorbaus in Kudankulum wird den Protesten etwa auch mit Verschwörungstheorien begegnet: Es seien vor allem ausländische, westliche NGOs, die Misstrauen säten.

STANDARD: Fernsehen und Presse boomen in Indien. Worauf ist das zurückzuführen?

Schneider: Der Medienboom setzte in den 1980er-Jahren ein, hervorzuheben ist das Jahr 1991, als die ökonomische Liberalisierung in Indien begann. Mit ihr hielt die konsumorientierte Marktwirtschaft Einzug. Das eröffnete auch regionalsprachigen Presseunternehmen Chancen zu wachsen; der Boom setzt sich seit damals fort. Es hat sich gezeigt, dass der Mediensektor ein zentraler Faktor des Wirtschaftswunders ist.

STANDARD: Wie beeinflusst diese Entwicklung die Gesellschaft?

Schneider: In den 1970er-Jahren hat ein indischer Medienwissenschafter einmal gesagt, es sei lächerlich anzunehmen, dass die Massenmedien einen wirklichen Einfluss auf die indische Gesellschaft haben würden. Diese Aussage ist heute haltlos. Schon in den 1980er-Jahren haben Soap-Operas im staatlichen Fernsehen das Mediennutzungsverhalten sehr stark verändert. Sie boten die Möglichkeit, kritische Themen, etwa die Rolle der Frau, zu diskutieren. Dann kam der Presseboom, auch bei der regionalen Presse. Seither gibt es mehr Partizipation der Bevölkerung an einem öffentlichen Diskurs.

STANDARD: Indien gilt mit rund 30 Prozent als Land mit einer der höchsten Analphabetenraten.

Schneider: Deshalb gab es auch lange die Annahme, dass die Presse niemals ein Massenmedium werden kann. Das war ein Irrtum. Man muss sich auch vergegenwärtigen: Die Zeitung war in Indien das Medium des antikolonialen Befreiungskampfes. Schon da hätte man sich fragen können, wie das gehen kann, wenn die meisten Menschen nicht lesen können. Es geht dadurch, dass vorgelesen wird. Bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren wurde ein Exemplar einer englischsprachigen Zeitung im Schnitt von ein bis zwei Personen gelesen, eine Zeitung auf Tamil oder Telugu von bis zu zwölf Personen.

STANDARD: Welche Hindi-Zeitung lesen Sie morgens beim Kaffee?

Schneider: Ich lese regelmäßig indisch- wie auch englischsprachige Zeitungen und Zeitschriften aus Indien und recherchiere themenorientiert, etwa über das Internet. Mindestens einmal im Jahr bin ich in Indien, dann konsumiere ich die Medien sehr intensiv. Was ich erforsche, ist aber hier verortet. Ich will damit eine fundierte Diskussionsgrundlage liefern. (Lena Yadlapalli, DER STANDARD, 28.3.2012)


Nadja-Christina Schneider, Jg. 1973, ist seit 2009 Juniorprofessorin für Medialität und Intermedialität in den Gesellschaften Asiens und Afrikas am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.

Zum Thema

Im Sog der Kernspaltung

  • Südasienexpertin Nadja-Christina Schneider forscht in Berlin über die Rezeption 
indischer AKW-Pläne in deutschen Medien.
    foto: standard/corn

    Südasienexpertin Nadja-Christina Schneider forscht in Berlin über die Rezeption indischer AKW-Pläne in deutschen Medien.

Share if you care.