"Mein Vorgänger hat etwas gewusst"

    27. März 2012, 16:45
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    Erstmals räumt der Abt Ambros ein, dass die frühere Stiftsleitung von sexuellem Missbrauch und gewalttätigen Übergriffen gewusst und geschwiegen hätte

    Linz - "Bis zum Jahr 2010 habe ich nichts von diesen schlimmen Vorfällen gewusst" - Abt Ambros vom Stift Kremsmünster bleibt bei seiner Verteidigungslinie. Daran ändert auch ein jetzt bekanntgewordenes Einvernahmeprotokoll der Staatsanwaltschaft Steyr aus dem Jahr 2008, aus dem klar ersichtlich ist, dass der jetzt beschuldigte Pater A. bereits 1995 unter Missbrauchsverdacht stand und von der Ordensleitung "intern" versetzt wurde (der Standard berichtete), nichts. Es hätte 1995 "niemand etwas mitbekommen", und auch in den Unterlagen von damals "ist bei der Abberufung von Pater A. als Konviktsdirektor kein Grund angegeben", erläutert Abt Ambros im Gespräch mit dem Standard.

    Spannend dabei ist, dass Pater A. in der Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft sehr wohl einen Grund für seine Abberufung nennt: ".. . Auslöser war der Vorfall mit Herrn R. Diese Vorgehensweise wurde gewählt, da auch in diesem Zeitraum die Affäre Gror für Aufsehen gesorgt hat." Pater A. soll in seiner Zeit als Konviktsdirektor (1970 bis 1996) unter anderem regelmäßig Penisse pubertierender Zöglinge betastet haben. Nach seiner Abberufung war der Mönch mit einer - laut eigenen Angaben - " pädophilen Neigung" noch zwei Jahre als Lehrer und Leiter des Knabenchors tätig.ë

    Schweigen im Kloster

    Warum dann Pater A. gegenüber der Staatsanwaltschaft angibt, er hätte auf "Anordnung der Stiftsoberen" seinen Posten räumen müssen? Abt Ambros: "Mein Vorgänger als Abt hat irgendwie etwas gewusst, aber er hat es mit sich alleine herumgetragen. Man ist mit diesen heiklen Dingen früher anders umgegangen. Die Äbte haben solche Angelegenheiten bei sich behalten und nicht in die Gremien hinausgetragen. Das war wahrscheinlich auch damals der Fall. Es war sicher ein Fehler, diesen Dingen nicht genauer nachzugehen. Heute kann ich mich nur entschuldigen und garantieren, dass diese Vorfälle jetzt restlos aufgeklärt werden."

    Auch von der neuerlichen Anzeige 2007 und der Vorladung bei der Staatsanwaltschaft Steyr 2008 will Abt Ambros, der damals bereits die Stiftsleitung innehatte, nichts gewusst haben: "Auch das habe ich erst 2010 erfahren und Pater A. sofort damit konfrontiert. Er hat es dann eingestanden. Den Akt der Staatsanwaltschaft habe ich vorher nie auf den Tisch bekommen. 

    40 mutmaßliche Opfer einvernommen

    Was ja auch nicht so unüblich ist. Ein Vater wird auch nicht automatisch verständigt, wenn der Sohn bei der Staatsanwaltschaft als Beschuldigter geführt wird. Für den Mitbruder, der das Stift vergangene Woche freiwillig verlassen hat, findet der Abt deutliche Worte: "Man muss sagen, er hat uns alle getäuscht und hinters Licht geführt."

    40 mutmaßliche Opfer wurden von der Staatsanwaltschaft einvernommen, gegen zwölf Personen aus dem Stift wurde ermittelt. Elf Verfahren wurden eingestellt, übrig blieb ein Verfahren. Ob gegen den heute 77-jährigen Pater A. Anklage erhoben wird, ist noch offen. Der 1200 Seiten starke Gerichtsakt offenbart auf jeden Fall ein Bild des Schreckens. Bis in die 1990er-Jahre soll es im Internat des Stiftsgymnasiums Kremsmünster sexuellen Missbrauch und Gewalt gegeben haben. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 27.3.2012)

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Abt Ambros, als er erstmals im März 2010 zu Vorwürfen gegen das Stift Stellung nahm.

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