Satirische Zeitdiagnostik

23. März 2012, 17:17
posten

Der Sonntagabend im Salzburger Jazzit ist eine Hommage an den 2006 verstorbenen Robert Gernhardt

Es hat Tradition, dass anlässlich der alljährlichen Verlegung von "Stolpersteinen" in Salzburg (heuer für homosexuelle NS-Opfer) durch den Kölner Künstler Gunter Demnig, ein Kulturprogramm wider den Ungeist und die Barbarei präsentiert wird.

Diesmal allerdings könnte es mitunter nicht so politisch korrekt ablaufen wie bisher. Denn der Sonntagabend im Salzburger Jazzit ist eine Hommage an den 2006 verstorbenen Robert Gernhardt. Und der hat sich zeitlebens mit allen Kategorien des Komischen praktisch wie theoretisch beschäftigt.

Der 1937 im estnischen Reval geborene Allroundkünstler dichtete, schrieb, zeichnete, malte und bastelte Bild-Text-Foto-Collagen - etwa für die Zeitungsparodie Welt im Spiegel, die er gemeinsam mit seinen Komikkompagnons F. K. Waechter und F. W. Bernstein von 1964 bis 1976 im deutschen Satiremagazin Pardon publizierte. Später half er bei der Gründung von Titanic. Witz-Tabus gab es in diesen Zeitschriften nie. Neben den Gemeinschaftsarbeiten mit der Neuen Frankfurter Schule (auch Hörspiele und Filme) legte Gernhardt über vierzig Einzelwerke vor: Romane, Kurzgeschichten, Essays, Kritiken, Bildgeschichtensammlungen und nicht zuletzt eine Menge Lyrik.

Satire darf bekanntlich alles - etwa mit Mitteln der Sprachspielerei, Parodie, Polemik, Travestie oder des Nonsens fundamentale Kulturkritik üben. Der Salzburger Schauspieler Edi Jäger hat sich jetzt den Titel von Gernhardts erster Einzelpublikation, Die Blusen des Böhmen (1977), für sein aktuelles Programm mit Texten des deutschen Komikpoeten ausgeborgt. Darin klärt sich etwa die sehr ernste Frage: "Wie werde ich ein guter Rassist?" Die musikalisch-gesangliche Untermalung kommt von Stefan Schubert, seines Zeichens Gitarrist diverser Willi-Resetarits-Combos, sowie vom Bassisten Alex Maik. (dog, DER STANDARD, 24./25.3.2012)

25. 3., Salzburg, Jazzit, 0662/88 32 64, 19.00

Share if you care.