Suu Kyi: Gandhis Erbin kämpft in Rangun

15. Juni 2003, 20:28
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Zumindest einen wahren Satz sprach Burmas Außenminister Win Aung, als er am Rande eines Treffens der südostasiatischen Staatengemeinschaft am vergangenen Wochenende das Schicksal der wohl bekanntesten Bürgerrechtlerin des Kontinents erörterte: "Wir wissen, dass alles, was ihr zustößt, uns große Probleme bereiten würde."

Seit dem 30. Mai ist Aung San Suu Kyi unter großem verbalen Protest der internationalen Gemeinschaft wieder im Gewahrsam der burmesischen Generäle - in "Schutzhaft", wie es in der Sprache des Militärregimes heißt, weil die Friedensnobelpreisträgerin vor "Attentaten" bewahrt werden müsse. Der jüngste "Attentatsversuch" dürfte allerdings von bezahlten Milizen der Regierung inszeniert worden sein. So kommt es, dass die Schergen schützend die Hand über ihr Opfer legen und für die zierliche Suu Kyi der Kreislauf der Internierungen von neuem begonnen hat.

Zweimal bereits, von 1988 bis 1995 und von 2000 bis 2002 war die Führerin der demokratischen Opposition in Burma interniert oder unter Hausarrest gestellt. In der Zeit der relativen Freiheit dazwischen forderte sie die Generäle heraus und verließ trotz Reiseverbots die Hauptstadt Rangun. Sie kam damals nur einige Kilometer weit. Soldaten der Regierung hielten ihr Auto auf und zerstachen die Reifen - doch die Tochter des General Aung San, des 1947 ermordeten Freiheitskämpfers gegen die frühere britische Kolonialherrschaft und Verfassungsvaters des neuen Burmas, bewies Zähigkeit. Tagelang harrte sie im August 2000 auf einer Brücke stehend im Auto aus.

Die Politik des gewaltlosen Widerstands hat die Generalsekretärin der Nationalen Liga für Demokratie (NLD) - sie wird diese Woche 58 Jahre alt - nicht von ungefähr von Mahatma Gandhi entlehnt: In Neu-Delhi beginnt sie in den 60er-Jahren Philosophie und Politische Wissenschaften zu studieren. Suu Kyis Mutter, Daw Khin Kyi, ist zu jener Zeit Botschafterin ihres Landes in Indien.

In Oxford, wo sie ihre Studien fortsetzt, lernt Suu Kyi ihren späteren Ehemann, den Briten Michael Aris, kennen. Nach einem Umweg über New York, wo sie während der Amtszeit des burmesischen UN-Generalsekretärs U Thant in der Verwaltung der Vereinten Nationen arbeitet, folgt sie ihrem Mann in das Himalaja-Königreich Bhutan. Aris unterrichtet dort die Kinder des Königs, Suu Kyi selbst wird Mutter zweier Söhne. Erst Krankheit und Tod ihrer Mutter 1988 führen Suu Kyi wieder zurück nach Burma - und direkt in die Politik.

Während des Aufstandsjahres 1988 gründet sie die NLD und gewinnt die Parlamentswahlen. Das Militär verweigert ihr seither diesen Sieg. Für ihren Einsatz für den demokratischen Wandel in Burma erhielt Suu Kyi 1991 den Friedensnobelpreis. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2003)

von Markus Bernath
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