Explosionen nahe des Hauses des mutmaßlichen Attentäters

21. März 2012, 21:40
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Sturm auf die Wohnung des verschanzten Mohamed M. hat offenbar begonnen - Ermittler: 24-Jähriger hatte weitere Gewalttaten geplant

Toulouse - Frankreichs Innenminister Claude Guéant sagte: "Die Verhandlungen dauern noch an." Zuvor hatten die Nachrichtensender BFM und i-Tele sowie das Magazin "Le Point" übereinstimmend berichtet, der Mann sei überwältigt worden. Gegenüber "Le Figaro" gab die Polizei an, dass der mutmaßliche Attentäter noch nicht festgenommen wurde und weiterhin mit ihm an der Haustür verhandelt werde. Laut Staatsanwaltschaft kündigte Mohamed M. an, sich am Abend ergeben zu wollen, nachdem er dies schon für den Nachmittag versprochen hatte. Die Polizei hat bisher mehrere Male vergeblich versucht, in Mohamed M.s Wohnung einzudringen, in der er sich verschanzt hat. Jedes Mal seien die Beamten mit Schüssen aus schweren Waffen zurückgedrängt worden.

France 24 berichtet, dass der Attentäter für Mittwoch einen weiteren Anschlag geplant hatte. Aus Ermittlerkreisen heißt es, dass der Mann einen weiteren Soldaten und zwei Polizisten im Visier hatte. 

Bei einer Pressekonferenz der Ermittler, wurde mitgeteilt, dass der mutmaßliche Attentäter in der pakistanischen Provinz Waziristan trainiert haben soll. Der Mann sei zweimal in Afghanistan gewesen, zuletzt Ende 2011. Ein Renault Clio wird laut Ermittler noch gesucht. Er beinhalte wahrscheinlich Waffen und Sprengstoff. Ein Motorroller und eine Kamera wurden von der Polizei beschlagnahmt. Sarkozy nahm am Nachmittag an einer Trauerfeier im nahe gelegenen Montauban teil, bei der der getöteten Soldaten gedacht wurde. In seiner Rede betonte er, dass dies ein "Angriff auf die französische Nation" gewesen sei.

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Zuvor hatte ein Spezialkommando der französischen Polizei versucht, mit dem mutmaßlichen Terroristen Mohamed M. Kontakt aufzunehmen, dieser hatte die Kommunikation jedoch über mehrere Stunden hinweg wieder abgebrochen. Mehreren Quellen zufolge hat M. die Morde an drei jüdischen Schülern, einem Lehrer und drei Soldaten bereits gestanden. In der Nacht soll er Detailwissen per Telefon einer französischen Journalistin anvertraut haben, die daraufhin die Polizei alarmierte.

"Als sich die Polizisten seiner Tür näherten, hat er sofort durch die Tür geschossen. Ein Polizist wurde verletzt, aber er schwebt nicht in Lebensgefahr", berichtete der Innenminister am Tatort in einem ruhigen Wohnviertel von Toulouse. "Der Bruder des Verdächtigen wurde festgenommen", sagte der Minister. "Die Mutter wurde zum Ort gebracht und gebeten, Kontakt zu ihrem Sohn aufzunehmen, was sie nicht wollte." Während des noch laufenden Einsatzes der Polizei-Eliteeinheit RAID waren sechs oder sieben Schüsse zu hören.

Verdächtiger rief in der Nacht bei Journalistin an

Der mutmaßliche Islamist hat offenbar in der Nacht auf Mittwoch gegen 1.00 Uhr bei einer Journalistin des Fernsehsenders France 24 angerufen. Elf Minuten lang soll der Täter der Chefredakteurin Details seiner Taten berichtet haben. Die Journalistin berichtete der Nachrichtenagentur AFP telefonisch, der Mann habe sich als der gesuchte Serientäter ausgegeben und unter anderem die Zahl der Kugeln genannt, die er bei seinen drei Taten abgefeuert habe. "Er hat gesagt, dass er zu Al-Kaida gehört und dass das nur der Anfang ist", fügte sie hinzu. Zudem habe er angemerkt, dass "alles gefilmt wurde" und "bald" zu sehen sein werde. Am Ende habe der Mann "nett" Auf Wiedersehen gesagt. Die polizeilichen Ermittler bestätigen diesen Vorfall.

Tatort abgeriegelt

Der Tatort ist weiträumig abgeriegelt, Rettungsfahrzeuge sowie Polizisten mit Hunden sind vor Ort, Polizisten mit schusssicheren Westen und Helmen haben das Viertel abgeriegelt. Der Verdächtige hat dem britischen Sender BBC zufolge die Morde bereits gestanden. Am Vormittag hat er eine Waffe aus dem Fenster geworfen. "Er hat aber weitere Waffen, darunter eine Kalaschnikow (Sturmgewehr, Anm.), eine Uzi (Maschinenpistole, Anm.) und diverse Feuerwaffen."

Attentäter wollte "palästinensische Kinder rächen"

Begonnen hatte der Polizeieinsatz kurz nach 3 Uhr in dem nur drei Kilometer Luftlinie von der jüdischen Schule entfernten Viertel, in der am Montag drei Kinder und ein Rabbiner erschossen wurden. Der Verdächtige, ein 24-jähriger Franzose algerischer Herkunft, ist laut der Tageszeitung "Le Figaro" in der Vergangenheit in die Unruhegebiete an der pakistanisch-afghanischen Grenze gereist. Er habe erklärt, dass er zu dem Terrornetzwerk Al-Kaida gehöre, er habe "palästinensische Kinder rächen" und die französische Armee angreifen wollen. Der Verdächtige habe Verbindungen zu Salafisten- und Jihadisten-Gruppen, namentlich nannten die französischen Behörden die Gruppe "Forsane Alizza" (Ritter der Ehre).

Der 24-Jährige sei bereits in der südafghanischen Stadt Kandahar vorübergehend festgenommen worden, hieß es am Mittwoch aus Ermittlerkreisen. Laut einem Reuters-Bericht wurde M. in Afghanistan zu drei Jahren Haft wegen Terrorismus verurteilt, floh aber aus dem Gefängnis in Kandahar. Der französische Inlandsgeheimdienst DCRI habe ihn danach jahrelang beobachtet. Dabei sei aber nie ein Anzeichen dafür entdeckt worden, dass der Mann ein Verbrechen planen könnte, sagte Innenminister Guéant. 

Palästinensischer Ministerpräsident distanziert sich

Der westlich orientierte palästinensische Ministerpräsident Salam Fayyad hat sich gegen den Missbrauch der Anliegen seines Volkes durch Terroristen verwahrt. "Es ist höchste Zeit, dass solche Kriminellen aufhören zu behaupten, sie verübten ihre Terrorakte zur Unterstützung palästinensischer Kinder", stand in einer schriftlichen Erklärung Fayyads, die in Ramallah im Westjordanland verbreitet wurde.

Zweimal bei Armee beworben

Der mutmaßliche Serienattentäter hat sich in den vergangenen Jahren zweimal bei der französischen Armee beworben. Im Jänner 2008 habe er sich in Lille um seine Aufnahme bei den Bodentruppen beworben, sagte Oberst Bruno Lafitte der Nachrichtenagentur AFP. Der heute 23-Jährige habe alle Tests absolviert, "aber die Überprüfung seiner Vorstrafen hatte eine Ablehnung seiner Bewerbung zur Folge". 2010 habe es M. dann bei der Fremdenlegion in Toulouse versucht. Dort habe er aber letztlich nicht an den Auswahltests teilgenommen.

Offenbar keine Geiseln

Aus Ermittlerkreisen verlautete, der Mann habe keine Geiseln. Er zähle zu "den Leuten, die aus Kampfgebieten zurückkommen und immer die Geheimdienste beunruhigen". Der Verdächtige sei bereits im Zusammenhang mit den vorhergegangenen Angriffen in Toulouse und Montauban im Visier der Fahnder gewesen. Dann habe die Kriminalpolizei mit einer "sehr wertvollen" Information die Ermittlungen ein wichtiges Stück vorangebracht.

Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft von Paris die Befürchtung geäußert, dass der Serientäter erneut zuschlagen könnte. Es handle sich um einen "extrem entschlossenen" und "kaltblütigen" Täter, sagte Staatsanwalt François Molins am Dienstag. Alle sieben Opfer seien mit "aufgesetzten Kopfschüssen" getötet worden. (red/APA, derStandard.at, 21.3.2012)

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    Die Polizei hat das Haus, in dem sich M. verschanzt hat, weiträumig abgeriegelt

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    Dieser von France 2 gezeigte Ausschnitt aus einem Video soll den mutmaßlichen Attentäter Mohamed M. zeigen.

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    Sarkozy bei einer Trauerfeier in Montauban.

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    In den frühen Morgenstunden begann der Polizeieinsatz.

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    grafik: derstandard.at/stepmap
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    Sicherheitskräfte mit schusssicheren Westen und Helmen riegelten das Wohngebiet ab, in dem sich der Verdächtige verschanzt.

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    Einige Opfer der Terrorserie von Toulouse wurden unterdessen nach Tel Aviv gebracht, sie sollen in Israel bestattet werden.

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