Der witzigste Mann von Wien

20. März 2012, 17:51
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Spät, aber doch wurde Otto Neurath (1882-1945) in den letzten Jahren groß wiederentdeckt - Eine Biografie des innovativen Universalgenies aus Wien fehlt jedoch noch - Der Politologe Günther Sandner arbeitet daran

"Otto Neurath ist eines der am meisten vernachlässigten Genies des 20. Jahrhunderts", schrieb der US-amerikanische Historiker William M. Johnston in seinem Buch Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Und weiter heißt es in dem Standardwerk, das vor genau 40 Jahren erschien: "Er trat auf so vielen Gebieten als Neuerer hervor, dass selbst seine Bewunderer die Übersicht über seine Leistungen verloren." In den vergangenen Jahrzehnten indes haben sich Wissenschafter aus vielen Ländern und den verschiedensten Disziplinen - Soziologen und Museologen, Philosophen und Designer, Stadtplaner und Ökonomen - in zahlreichen Buchveröffentlichungen zwar mit den unzähligen Innovationen des "Universalgenies" (© Johnston) befasst. Eine große Biografie steht aber bis heute aus. Diese Lücke will nun der Wiener Politikwissenschafter Günther Sandner schließen.

Warum das Interesse an Neurath, der 1882 in Wien geboren wurde und 1945 im Exil in Oxford starb, weiter wächst, liegt nicht zuletzt daran, dass seine Spuren bis heute allgegenwärtig sind: Seine "Erfindung" einer universell verständlichen Bildersprache etwa ist Grundlage aller auf Symbolen basierenden Leitsysteme wie etwa in der U-Bahn. Sandner kann aber noch viele andere Gründe nennen, warum Neurath heute besonders aktuell ist: "Im Lichte der aktuellen Krisen der Finanzwirtschaft halte ich zum Beispiel seine ökonomischen Texte, die eine radikale Kapitalismuskritik enthalten und den Fokus wieder auf die Lebensqualität und das Glück der Menschen legen, für höchst lesenswert." Der studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschafter habe aber auch das Problem der Endlichkeit aller natürlichen Ressourcen und die Brisanz dieses Befundes erkannt, so Sandner.

Wissenschaftliche Aktualität

Aber auch für die heutige Wissenschaftspraxis böte Neurath, der nach 1918 keine Chance auf eine universitäre Karriere hatte, zahlreiche Anregungen. Für Sandner ist Neuraths Ansatz, "gesellschaftliche Probleme stets fächerübergreifend zu analysieren, ebenso vorbildlich wie seine Bemühungen, sozialwissenschaftliches Wissen so zu vermitteln, dass es allgemein verständlich ist."

Sandner hat in den vergangenen drei Jahren im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschungsprojekts die erste umfassende intellektuelle und politische Biografie jenes Universalgelehrten erarbeitet, "der in Physik, Mathematik, Logik, Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, alter Geschichte, politischer Theorie, Literaturgeschichte, Architektur und angewandter Grafik echte Forschungsarbeit geleistet hat", wie William M. Johnston anerkennend schrieb.

Neben dem Wissenschafter Neurath geht es Sandner, der bei seinen Quellenstudien auch jede Menge unbekannter Texte des Vielschreibers aufstöberte, aber auch um den durch und durch politischen Menschen Neurath, dessen Forschung von seiner unkonventionellen linken, aber durchwegs antikommunistischen Weltanschauung nicht zu trennen sei. "Neurath hat zum einen sehr viel stärker auf die politischen Entwicklungen seiner Zeit Einfluss genommen, als man bisher annahm", resümiert der Politikwissenschafter nach seinen aufwändigen Recherchen in einer Vielzahl von Archiven im In- und Ausland.

Zum anderen habe er aber auch neue Dokumente zur frühen politischen Prägung des jungen Neurath gefunden, dessen Vater Wilhelm, ein Professor an der Universität für Bodenkultur, sich bereits als Sozialreformer betätigt hatte. Laut Sandner sei Otto Neurath bereits als Student in Wien und Berlin massiv in politische Debatten involviert gewesen. Mitverantwortlich dafür waren vor allem zwei Frauen: die schwedische Schriftstellerin und Reformpädagogin Ellen Key, mit der Neurath in jungen Jahren korrespondierte, sowie die um fünf Jahre als er ältere Nationalökonomin und frühe Feministin Anna Schapire, die er 1907 heiratete.

So vielgestaltig sich Neuraths Forschungstätigkeit entwickelte, so turbulent verläuft sein weiteres Leben: Er ist Professor an einer Wiener Handelsakademie und bis Mitte der 1920er-Jahre "als ausgesprochen origineller, aber auch umstrittener Ökonom aktiv", so Sandner. 1919 wird er Leiter des Zentralwirtschaftsamts in München und nach dem Scheitern der Räterepublik zu einer Haftstrafe verurteilt. Nach Interventionen von Staatskanzler Renner und Außenminister Bauer und einem monatelangen diplomatischen Tauziehen wird er schließlich nach Österreich abgeschoben.

Riesenhafter Innovator

In seine Geburtsstadt zurückgekehrt, entfaltet er im "Roten Wien" eine intellektuell wie auch gesellschaftspolitisch Schwindel erregende Vielfalt von Aktivitäten: Am bekanntesten ist Neurath nach 1919 vielleicht noch durch seine Arbeit im Philosophenzirkel "Wiener Kreis", dessen "große Lokomotive" er war. "Auch wenn Neurath laut Militärdokumenten ,nur' 1,82 m groß war, so ist stets von seiner riesenhaften Gestalt die Rede", sagt Sandner.In Wien hat der Geistesriese indes noch viele andere Spuren hinterlassen: Er war Gründer des bis heute bestehenden Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums, das er als Volksbildungsinstitut für soziale Aufklärung einrichtete. Angesichts der Wohnungsnot im Wien der Zwischenkriegszeit engagierte sich der " Sozialtechnologe" (© Sandner) bereits zuvor in der Siedlungsbewegung.

Im Jahr 1934 ist Neurath gerade in der Sowjetunion, als die Austrofaschisten die Macht übernehmen. Um der Verhaftung zu entgehen, flüchtet er in die Niederlande, wo er bald danach das Mundaneum Museum in Den Haag leitet. 1940 muss er vor den anrückenden deutschen Truppen weiter nach England fliehen. In Oxford gründet er in seinem unermüdlichen Innovationsdrang das Isotype-Institute (für International System of Typographic Picture Education) und entwickelt dort auch eine unkonventionelle Theorie zur Entstehung des Nationalsozialismus aus dem "deutschen Klima".

Bis zu seinem überraschenden Tod im Dezember 1945 bleibt Neurath in Oxford - und wäre wohl auch nicht mehr nach Wien zurückgekehrt, wie Sandner auf Basis seiner umfangreichen Quellenstudien meint. Sie sind Grundlage für die erste umfassende Neurath-Biografie, die im Herbst 2013 im Zsolnay-Verlag erscheinen soll. Neben der intellektuellen und der politischen Lebensgeschichte soll dabei aber auch der "Wissenschafter des Glücks" nicht zu kurz kommen und "der witzigste Mann von Wien", wie ihn der Philosoph Herbert Feigl charakterisierte. Auch dieser Aspekt ist in der bisherigen Neurath-Forschung noch unterbelichtet, findet Sandner. So sei noch nicht restlos geklärt, ob womöglich auch Otto Waalkes sich etwas von Neurath abgeschaut hat: nämlich die elefantenartigen Wesen mit wechselndem Gesichtsausdruck.

Ur-Vater des Ottifanten?

Denn auch der Vornamensvetter Neurath pflegte bereits mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor seine Briefe nicht mit seinem Namen zu zeichnen, sondern eben mit einem Elefanten, der die jeweilige Laune des Briefschreibers auf überaus witzige Weise zum Ausdruck brachte. War also Otto Neurath auch noch der unbedankte Urvater des Ottifanten? In dieser Frage ist der Neurath-Biograf Sandner skeptisch: "Bis jetzt habe ich keine Hinweise darauf gefunden, dass der eine Otto vom anderen abkupferte." (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 21.3.2012)

  • Keine Galerie von neuen App-Symbolen, sondern eine der unzähligen Innovationen 
Otto Neuraths, die bis heute nachwirkt: Seine universell verständliche 
Bildersprache ist Grundlage aller auf Symbolen basierenden Leitsysteme.
    foto: isotype-institute

    Keine Galerie von neuen App-Symbolen, sondern eine der unzähligen Innovationen Otto Neuraths, die bis heute nachwirkt: Seine universell verständliche Bildersprache ist Grundlage aller auf Symbolen basierenden Leitsysteme.

  • Der habilitierte Ökonom Otto Neurath bezeichnete sich selbst gerne als "Wissenschafter des Glücks". Seine Briefe zeichnete der Geistesriese stets mit einem Elefanten (unten).
    foto: vga wien

    Der habilitierte Ökonom Otto Neurath bezeichnete sich selbst gerne als "Wissenschafter des Glücks". Seine Briefe zeichnete der Geistesriese stets mit einem Elefanten (unten).

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