Warum sich die FPÖ für Kampusch interessiert

Kolumne16. März 2012, 20:01
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Die Freiheitlichen basteln aus tatsächlichen Fahndungspannen ein Instrument zur Destabilisierung

Die FPÖ hat laut News ein Dossier mit dem Titel "Das Netzwerk der Kinderschänder" zusammengestellt. Demnach existiere eine einflussreiche österreichische Pädophilen-Lobby, die "in der Homosexuellen-Szene und der Sexualforschung Unterschlupf findet". Der Bundespräsident und die Parlamentspräsidentin(!) werden genannt. Die FPÖ behauptet im Fall Kampusch eine groß angelegte Vertuschungsaktion der Behörden und der Staatsanwaltschaft, ebenfalls mit dem Hintergrund eines zu schützenden " Kinderpornorings" mit höchsten Persönlichkeiten.

Die " Einzeltäter-Theorie", so Strache, sei grundfalsch, die eingebundenen Staatsanwälte (Wien, Graz, Innsbruck) seien "unfähige Dilettanten" , denen "Seilschaften" wichtiger seien als "Mut zur Aufklärung". FPÖ-Chef Strache und die Abgeordnete Belakowitsch-Jenewein (Mitglied des " geheimen" Kampusch-Ausschusses) wetteifern mit dem öffentlichen Verbreiten von Verschwörungstheorien und abstrusen Behauptung (Kampusch hat in der Gefangenschaft ein Kind geboren usw., usw.). Warum macht die FPÖ das? Ein ehrliches Interesse an Aufklärung kann man angesichts des generellen Verhaltens der FPÖ ausschließen. Aber die Kampagnenplaner in der FPÖ haben geschickt erkannt, dass in diesem Fall Verschwörungstheorien Hochkonjunktur haben. 

Destabilisierung

Sie basteln aus tatsächlichen Fahndungspannen (die aber an der sehr großen Wahrscheinlichkeit einer Einzeltäterschaft nichts ändern) und der Bereitschaft sehr vieler Menschen, alle möglichen Verschwörungstheorien zu glauben, ein Instrument zur Destabilisierung. Destabilisiert werden soll das Vertrauen in den Staat und seine Behörden, vor allem in die Justiz. Destabilisiert werden soll "das System" - vertreten durch die Regierungsparteien. Im

Standard-Forum sagte Poster "bigbully2", er habe immer noch nicht verstanden, warum sich die (rechte) Politik so für den Fall Kampusch interessiert. Poster "cba" gab ihm die richtige Antwort: "Denunziation des Justizsystems, Heraufbeschwören von Angst (früher 'die Ausländer', jetzt 'der Kinderpornoring') und die Hoffnung, dass daraus der Ruf nach einem starken Mann laut wird. Hatten wir schon mal ..."

System-Umsturz-Partei

Exakt. Die FPÖ ist mehr als eine normale Oppositionspartei, sie ist eine System-Umsturz-Partei. Strache weiß, dass nur eine außergewöhnliche Situation seine Partei zur stärksten im Lande machen kann. So angespeist die Österreicher von SPÖ und ÖVP, bzw. von der jetzigen Regierungskoalition, auch sind, so sehr müssten sie nachdenken, ob sie im Fall des Falles wirklich Strache als Kanzler haben wollen (er selbst ist da auch unsicher, er müsste dann ein paar angenehme Gewohnheiten aufgeben).

Aber eine plötzliche wirtschaftliche Verschlechterung; und/oder ein tatsächlicher oder vermeintlicher Zusammenbruch des Institutionengefüges (Polizei, Justiz, Verwaltung) - da liegt die Chance für eine "neue Ordnung". Und die wäre nicht demokratisch. Der Fall Kampusch oder das Funktionieren der Justiz ist der FPÖ wurscht. Es geht ihr um Systemdestabilisierung. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 17./18.3.2012)

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