"Wiener Charta": Formel fürs Zusammenleben gesucht

13. März 2012, 19:45
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Im Rahmen der "Wiener Charta" sollen die Menschen in der Bundeshauptstadt nun die Spielregeln fürs Zusammenleben selbst aufstellen

Wien - Einen nervt Musik nach 22 Uhr, andere flippen bei Leberkässemmel-Geruch in der Bim fast aus, und manchen geht in Wien sowieso so ziemlich alles auf den Geist: Ausländer, Kinder, Hundstrümmerln. Doch wie sollen die Unzufriedenen eingefangen werden? Ein respektvolles Zusammenleben in einer Stadt könne nicht von oben verordnet werden, ist die rot-grüne Wiener Stadtregierung überzeugt - und startet kommenden Montag das bisher größte Bürgerbeteiligungsprojekt in der Bundeshauptstadt, die "Wiener Charta".

Ergebnis im November

Über eine Online-Plattform, in Gesprächsrunden - für die Moderatoren zur Verfügung gestellt werden -, per E-Mail oder via Telefon können die Menschen in Wien in den kommenden Monaten ihre Vorstellungen über ein funktionierendes Zusammenleben in der Stadt einbringen. Das Ergebnis soll im November in einer "Wiener Charta" zusammengefasst werden, in der die Grundsätze für den Umgang miteinander festgeschrieben werden. Die Stadt lässt sich die Charta jedenfalls 500.000 Euro kosten.

"Es ist ein Miteinander-Prozess", betonte Bürgermeister Michael Häupl am Dienstag in einer Pressekonferenz. Es könne nicht geleugnet werden, dass es in Wien eine gewisse Unzufriedenheit gebe, sagte Häupl. Und er konnte sich einen Seitenhieb auf die Freiheitlichen nicht verkneifen: "Es gibt aber auch solche, die das noch schüren."

Für die grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou - die Wiener Charta wurde im Koalitionsabkommen mit der SPÖ festgeschrieben - sollen bis November "ein Grundkonsens und die eine oder andere Spielregel fürs Zusammenleben" gefunden sein, der von möglichst vielen Wienern und Wienerinnen getragen wird.

"Kein Integrationsprojekt"

Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger sieht in den Vereinen - vom Boxklub bis zum Schwimmverein - den Schlüssel dafür, möglichst viele zu erreichen. Auch jene, die sehr unzufrieden sind. "Die Wiener Charta ist aber kein Integrationsprojekt", betont Frauenberger im Gespräch mit dem STANDARD, "sonst hätten wir es so genannt." Trotzdem werde das Thema aller Voraussicht nach einen großen Platz in der Charta einnehmen - " aber nicht ausschließlich".

Ihren Beitrag zum politischen Zusammenleben haben die beiden Oppositionsparteien im Wiener Rathaus bereits am Dienstag geleistet. Für die Freiheitlichen ist die Charta nichts weiter als "rot-grünes Blabla um nichts", das unnötig Steuergelder verbrauche. Der Wiener VP-Chef Manfred Juraczka hält das Projekt zwar für einen richtigen Schritt, dieser komme aber "15 Jahre zu spät".

Und was passiert eigentlich, wenn sich jemand dann trotzdem nicht an die Quasi-Abmachung hält? Nichts. Denn Konsequenzen sind nicht geplant. (Bettina Fernsebner-Kokert/DER STANDARD, 14.3.2012)

  • Manchmal tun sich beim Zusammenleben in einer Stadt wie Wien Gräben auf. Ob und wie man diese überbrücken kann, können sich die Wiener nun im Rahmen der "Wiener Charta" überlegen.
    foto: matthias cremer

    Manchmal tun sich beim Zusammenleben in einer Stadt wie Wien Gräben auf. Ob und wie man diese überbrücken kann, können sich die Wiener nun im Rahmen der "Wiener Charta" überlegen.

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