Mann sein wird billiger

Interview18. März 2012, 16:53
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Frauen und Männer sollen bald einheitliche Kfz-Prämien zahlen. Ein Grund zum Lachen oder zum Weinen? Experte Reinhard Jesenitschnig kennt die Antwort

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs zwingt die Versicherungen zu einheitlichen Tarifen für Männer und Frauen. Doch wer profitiert davon? Reinhard Jesenitschnig, Experte und Branchenkenner, erklärt im Interview mit derStandard.at, wann Prämienerhöhungen Sinn machen und wann so überhaupt nicht und warum bei der neuen Regelung auch Jugendliche mit ins Boot genommen werden sollten.

derStandard.at: Viviane Reding, Justizkommissarin der Europäischen Kommission, legt im März 2011 ein Papier vor, das Unternehmen ab Ende 2012 dazu zwingt, einheitliche Versicherungstarife für Männer und Frauen anzubieten. Eine Revolution?

Reinhard Jesenitischnig: Nein, keine Revolution, sondern ein wichtiger Schritt zurück in Richtung Solidargemeinschaft und weg von der Beurteilung des individuellen Risikos. Die geschlechterspezifische Differenzierung wird zwar abgeschafft, es gibt aber noch viele andere Bereiche mit Diskriminierung, beispielsweise zahlen Fahranfänger heute aufgrund statistischer Unfall-Auswertungen erhöhte Kfz-Prämien, obgleich wir alle einmal Führerschein-Neulinge waren. Die individuelle Risikoeinstufung erfolgt im Kfz-Bereich sowieso über das Bonus-Malus-System.

derStandard.at: Ist es überhaupt sinnvoll, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden müssen, auch wenn sie statistisch gesehen unterschiedliche versicherungstechnische Risiken aufweisen?

Jesenitischnig: Ja, aus gemeinschaftlicher Sicht ist das durchaus sinnvoll, wenngleich die Intentionen der Versicherungen bisher in die andere Richtung gingen. Der geschlechterspezifische Unterschied ist ja nur ein Kriterium, andere sind etwa die Differenzierung Raucher – Nichtraucher bei Lebensversicherungen oder das Kriterium des Motorradfahrens in der Unfallversicherung. All diese Unterscheidungen mit Prämienkonsequenz widersprechen meines Erachtens dem Gedanken der Risikogemeinschaft. Die Tatsache, dass Frauen Kinder zur Welt bringen, liegt im gesamtgesellschaftlichen Interesse und rechtfertigt beispielsweise nicht eine höhere Prämie in der Krankenversicherung.

derStandard.at: Die Methode, die versicherten Risiken mittels Statistiken nach dem Gesetz der großen Zahl in Risikogruppen einzuordnen, gehört zum Kern des Versicherungshandwerks. Besteht bei der "statistischen Sippenhaftung" nicht die Gefahr von Willkür, um die Kfz-Prämien hochzutreiben?

Jesenitischnig: Die moderne Datenverarbeitung macht es möglich, dass Risikogruppen statistisch immer enger und differenzierter abgegrenzt werden, aber genau das widerspricht meines Erachtens dem Versicherungsgedanken. Diese technische Möglichkeit ist keineswegs Bestandteil des Versicherungshandwerkes, ja, sie widerspricht ihm sogar. Eine Verteilung des Risikos auf die Gesamtheit der Kfz-Lenker und -Lenkerinnen, auch unter Abschaffung der Diskriminierung der Jugend und des Alters, bringt für das Individuum Veränderungen der Prämie in die eine oder andere Richtung. Für die Gemeinschaft bedeutet es aber mehr Gerechtigkeit. Die Frage jedes einzelnen wird immer sein: will – und kann – ich die mich betreffenden Risiken selbst tragen oder will ich eingebettet sein in eine große Solidargemeinschaft? Je nach Beantwortung dieser Frage ist die Konsequenz eine völlig andere.

derStandard.at: Unisex-Tarife gelten allerdings nur für Verträge, die nach dem Stichtag vom 21. Dezember 2012 abgeschlossen werden – für Bestandskunden ändert sich nichts. Ist dies sinnvoll?

Jesenitischnig: Diese Regelung ist ein Zugeständnis der Kommissarin an die Versicherungen, welche offensichtlich Frau Reding glaubhaft machen konnten, dass eine Bestandsumstellung mit großem Aufwand und hohen Kosten verbunden sei. Es ist überdies ein Akt der Rechtssicherheit, ohne triftigen Grund nicht in bestehende Verträge einzugreifen. Und beim nächsten Autowechsel kommt die Änderung sowieso. In Österreich ist die Problematik der geschlechterspezifischen Differenzierung von Kfz-Prämien heute ein Randthema, da die meisten Versicherungen, die unterschiedliche Prämien angeboten hatten, ihre Tarife nach Bekanntwerden der kommenden Veränderung bereits umgestellt haben. Das Argument der Versicherungen, wegen der geforderten Gleichstellung von Mann und Frau die Prämien insgesamt erhöhen zu müssen, wäre daher nur ein leicht durchschaubarer Vorwand.

derStandard.at: Werden Männer bei der Kfz-Versicherung künftig nicht draufzahlen, nur weil sie Männer sind und laut Statistik häufiger Unfälle bauen?

Jesenitischnig: Im Gegenteil, sie sollten im Kfz-Bereich eigentlich zu den Gewinnern gehören, weil Frauen mit ihren geringen Schadenverursachungen in die gesamte Gemeinschaft eingerechnet werden. Für Männer sollte es daher bei der Kfz-Prämie günstiger, für Frauen allerdings etwas teurer werden. Aber – wie erwähnt – der österreichische Versicherungsmarkt kennt derzeit schon kaum unterschiedliche Behandlung der Geschlechter. Bei der Gelegenheit könnte man auch gleich die Jungen mit ins Boot nehmen. Die derzeitige Regelung ist sowieso eine Augenauswischerei, weil viele Fahrzeuge Jugendlicher aus Prämiengründen auf einen Elternteil angemeldet sind.

derStandard.at: Laut Experten könnte die Kfz-Versicherung um elf Prozent steigen. Ist dieser Ausblick zu pessimistisch?

Jesenitischnig: Wie schon gesagt, ist bei seriöser Kalkulation der Versicherung in Österreich eine Anhebung der Prämie insgesamt nicht zu erwarten. Im Detail allerdings werden Frauen in Hinkunft wesentlich stärker belastet. Der Frauennachlass in der Kfz-Haftpflichtversicherung beträgt bei den noch am Markt befindlichen Frauentarifen im Schnitt zehn Prozent. Im Rahmen der Kaskoversicherung kann dieser Nachlass derzeit bis zu 40 Prozent betragen.

derStandard.at: Haben Frauen also Grund zum Lachen oder zum Weinen?

Jesenitischnig: Sehen wir die Unisex-Prämie nicht isoliert auf den Kraftfahrzeugsektor beschränkt, sondern betrachten wir den gesamten Privat-Versicherungsbereich: Kranken- und Lebensversicherungen sollten für Frauen günstiger werden. Frauen hätten zumindest deshalb Grund zu lächeln ...

derStandard.at: Werden Kfz-Versicherer künftig weniger an Prämien einnehmen?

Jesenitischnig: Nein, die Versicherungen werden ihr Risiko und damit die Prämien auch weiterhin kostendeckend kalkulieren, in Zukunft eben auf einer anderen Grundlage. Für die Risikogemeinschaft sollte es gleich bleiben, für den Einzelnen kann es natürlich zu Veränderungen kommen.

derStandard.at: Gibt es noch andere unerwünschte Nebenwirkungen der geschlechtsneutralen Kfz-Tarife?

Jesenitischnig: Ich wünsche mir nicht, dass es zu unseriösen Diskussionen über gruppenspezifische Benachteiligungen kommt, sondern dass Versicherungen in ihren Werbebotschaften die gruppenübergreifende Aufteilung der Risiken positiv transportieren.

derStandard.at: Führen Kfz-Unisex-Tarife letztendlich tatsächlich zu mehr Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen oder nur zu einer Umverteilung?

Jesenitischnig: Das ist eine philosophische Frage, die Antwort liegt im Betrachtungshorizont des Einzelnen. Ich für meinen Teil sehe für Gefahren, die uns alle treffen können, nicht einzelne Gruppen, sondern die Gesamtheit der Betroffenen als Solidargemeinschaft an. (derStandard.at, 18.3.2012)

Akad. Vkfm. REINHARD JESENITSCHNIG, Jahrgang 1951, arbeitete über fünfzehn Jahre als Schadenreferent und Leiter des Außendienstes in großen österreichischen Versicherungsgesellschaften. Seit über 20 Jahren berät er als Versicherungsmakler und Schadenexperte Konsumenten und Unternehmer in komplizierten Vertrags- und Schadensangelegenheiten.

Neben zahlreichen Fachartikeln erschien im Februar 2012 sein Buch "Was Versicherungen verschweigen". Darin nimmt er die Tücken und Fallen im Kleingedruckten der Versicherungen aufs Korn.

  • Reinhard Jesenitschnig: "Die derzeitige Versicherungs-Regelung für Führerschein-Neulinge ist Augenauswischerei, weil viele 
Fahrzeuge Jugendlicher aus Prämiengründen auf einen Elternteil 
angemeldet sind."
    foto: privat

    Reinhard Jesenitschnig: "Die derzeitige Versicherungs-Regelung für Führerschein-Neulinge ist Augenauswischerei, weil viele Fahrzeuge Jugendlicher aus Prämiengründen auf einen Elternteil angemeldet sind."

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    Die Verpackung ist einheitlich, doch wie sieht es darunter aus?

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