Rundschau: Triffids, Monster und Desaster

    Ansichtssache24. März 2012, 10:13
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    Doppelpack von Paolo Bacigalupi plus Spektakuläres von John Wyndham, W. G. Marshall, Marc Elsberg und dem kürzlich verstorbenen Mœbius

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    coverfoto: golkonda

    Paolo Bacigalupi: "Der Spieler"

    Kartoniert, 213 Seiten, € 15,40, Golkonda 2012

    Aufmerksame LeserInnen werden bemerken, dass hier kein Hinweis auf den Titel der Originalausgabe steht - was natürlich nicht daran liegt, dass Paolo Bacigalupi plötzlich auf Deutsch zu schreiben begonnen hätte, sondern dass es in dem Fall kein 1:1-Original gibt. Die Kurzgeschichtensammlung "Der Spieler", die der Golkonda-Verlag nun herausgegeben hat, basiert zwar großteils auf dem englischsprachigen Band "Pump Six", den ich vor genau einem Jahr vorgestellt habe (hier die Nachlese). Einige Stories wurden allerdings nicht übernommen, dafür ist mit "Der Spieler" ("The Gambler") eine dazugekommen, die 2008 erstveröffentlicht wurde und für "Pump Six" offenbar knapp zu spät kam.

    "Der Spieler" ist wie so oft in einer nahen Zukunft angesiedelt - liest man sich Bacigalupis Beschreibung des Alltags in einer Online-Redaktion durch und zieht nur ein bisschen an Technologie und Wirtschaftszynismus ab, könnte es glatt die nächste Woche sein. Hauptfigur ist der junge Ong, der als Kind aus Laos evakuiert wurde, als das Land einem Putsch zum Opfer fiel. Mutter und Vater - letzterer verteilte bis zum Ende regimekritische Flugzettel - hat Ong verloren; auf Umwegen ist er schließlich in den USA gelandet und arbeitet nun in der News-Redaktion irgendeines Mediengiganten. Dass Bacigalupi selbst entsprechende Berufserfahrung gesammelt hat, merkt man der Erzählung an. In der passend als Mahlstrom bezeichneten Flut der Infotainment-Produktion ist Quote alles, in Echtzeit werden die Klickzahlen gemessen und mit den Ratings der Konkurrenz und dem eigenen Aktienkurs korreliert. SDS (Sex, Dummheit, Schadenfreude) lautet die Devise, und weil das Publikum an dieser Priorisierung schließlich nicht ganz unschuldig ist, wird es später heißen: "Die Menschen wollen Geschichten, die gut ausgehen! Sie wollen lustige Geschichten. [...] Also schreiben wir alle das, was ihr lesen möchtet - nichts."

    Ong nimmt sich in seinem News-Team wie ein Fremdkörper aus, schreibt betuliche, aber seriöse Artikel über Klimawandel und Behördenschlampereien, die kein Mensch liest, und bleibt stets höflich und bescheiden. Erst als ihm die Chance angeboten wird, eine Sensationsgeschichte zu landen, beginnt er zu begreifen, wie sehr seine Arbeit den kleinen Widerstandsakten seines Vaters ähnelt. Und dass die grelle Infotainmentfülle seiner neuen Heimat nur scheinbar das Gegenteil des "schwarzen Lochs" ist, als das sich das vom Weltnetz abgekoppelte Neue Königreich Laos nun präsentiert. In Wirklichkeit ist er nur von einem schwarzen in ein weißes Loch gefallen, in dem Populismus kritische Gedanken ebenso effektiv an den Rand drängt wie in Laos die Zensur. 

    Einmal mehr geht es in "Der Spieler" um einen Menschen, der vor eine Entscheidung gestellt wird, und einmal mehr lässt Bacigalupi die Geschichte in the frozen moment of delicious possibility enden, in dem diese Entscheidung fällt. So drückte der Autor es in "The Fluted Girl" aus, das in dieser Sammlung ebenfalls enthalten ist ("Das Flötenmädchen"). Im Mittelpunkt steht hier ein Mädchen, dem die Biotechnologie noch viel grausamer mitgespielt hat als dem "Windup Girl" Emiko in Bacigalupis gleichnamigem Erfolgsroman (auf Deutsch: "Biokrieg"). Fans dieses vielleicht besten SF-Romans der letzten Jahre dürfen sich darüber freuen, dass mit "Yellow Cards" ("Yellow Card Man") und "Der Kalorienmann" ("The Calorie Man") mindestens zwei Erzählungen in der Sammlung enthalten sind, die eindeutig in der Welt des Romans angesiedelt sind. Die übrigen, "Der Pascho" ("The Pasho") und "Die Tasche voller Dharma" ("Pocketful of Dharma"), sind schwerer zu verorten, handeln aber zumindest in sehr ähnlichen Zukünften.

    Für Einzelheiten zu diesen Geschichten hier noch einmal der Verweis auf die Rezension zu "Pump Six", verbunden mit einer klaren Kaufempfehlung. "Der Spieler" ist eine ideale Ergänzung zu "Biokrieg", und in dem Fall auch eindeutig eine für erwachsene LeserInnen.

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