Afghanisches Dilemma

Kommentar12. März 2012, 18:49
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Ein Unentschieden am Hindukusch rückt für die USA in immer weitere Ferne

Es sind strategisch eher unbedeutende Vorfälle, die derzeit das große Spiel am Hindukusch bestimmen. Dort geht es schon lange nicht mehr um günstiges Kriegsgeschick, weitreichende Terraingewinne oder erdrückende militärische Überlegenheit. Vielmehr geben Koranverbrennungen, die Schändung afghanischer Toter durch amerikanische Soldaten und zuletzt das Massaker von Kandahar den Ausschlag im Krieg um eine kritische öffentliche Meinung - und zwar inner- und außerhalb Afghanistans. Die Alliierten sind in diesem Kampf um die Köpfe zuletzt schwer in die Defensive geraten.

In der nun seit mehr als zehn Jahren andauernden Intervention gab es viele Gelegenheiten, bei denen das westliche Bündnis in eine Situation kam, die Geduld mit den Afghanen zu verlieren. Jetzt - so liest es sich zumindest in einer Resolution des afghanischen Parlamentes zum jüngsten Massenmord durch einen US-Soldaten - tritt genau das Gegenteil ein: Die Afghanen haben keine Geduld mehr mit der Nato, weil diese die Menschen im Land umbringe, statt sie zu schützen. Besser hätten es die Taliban auch nicht auf den Punkt bringen können.

Gleichzeitig kam am Wochenende beinahe wie bestellt eine Umfrage der Washington Post heraus, in der 60 Prozent der befragten Amerikaner angaben, der Krieg am Hindukusch sei es nicht mehr wert, ausgefochten zu werden. Nach dem Tod Osama Bin Ladens sehen die kriegsmüden US-Bürger kaum noch einen triftigen Grund, der für den blutigen und teuren Einsatz in Afghanistan spräche.

Beiderlei Ansichten gefährden die US-Strategie für das Jahr 2012: die lausig ausgebildete afghanische Armee auf Vordermann zu bringen und gleichzeitig zu versuchen, die Taliban zu einer Verhandlungslösung über ein zukünftiges Afghanistan ohne internationale Besatzung ins Boot zu holen. Damit verringern sich gleichzeitig auch insgesamt die Chancen der Amerikaner auf einen einigermaßen gesichtswahrenden Abzug, den Präsident Barack Obama für spätestens 2014 angekündigt hat.

Seit Jahren sprechen die Amerikaner mit den paschtunischen Aufständischen - zuerst in geheimdiplomatischer Mission, seit kurzem ganz offen im Golfemirat Katar. Aber die Verhandlungen ziehen sich in die Länge, weil die Taliban getrost warten können und gleichzeitig der Druck auf die USA - vor allem durch solche blutigen Zwischenfälle wie nun in Kandahar - steigt. Jeder weitere spielt in die Hände der Taliban und demoralisiert gleichzeitig die ohnehin schon tief frustrierten Amerikaner weiter. Ihr Ziel, mit einem militärischen und politischen Unentschieden aus dem "Friedhof der Imperien" zu entkommen, ist zusehends schwieriger zu erreichen.

Ein "moralischer Sieg" der Taliban dagegen wird, nicht nur in deren Interpretation, immer wahrscheinlicher. Vor wenigen Wochen wurde ein Nato-Geheimbericht öffentlich, in dem über die Taliban zu lesen stand: "Kapitulation gehört nicht zu ihrem kollektiven Wortschatz." Außerdem seien sie fest davon überzeugt, das ganze Land im Jahr 2015 wieder unter ihrer Kontrolle zu haben. Die Hilflosigkeit der USA gegenüber den Fakten im Feld lässt diese Einschätzung als realistisch erscheinen. Selbst für den geübten PR-Mann Obama, dessen Eskalationsstrategie in Afghanistan nicht aufgegangen ist, wird es ein schönes Stück Arbeit werden, 2014 von "mission accomplished", von einer erfüllten Mission zu sprechen. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 13.3.2012)

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