Ein österreichischer Stimulationsschuh

14. Juni 2003, 18:00
3 Postings

Weltweites Pionierprojekt - Anwendung auch im Weltraum

Patienten im Wachkoma ähneln in ihrer Gehirntätigkeit Säuglingen. Sie schlafen je nach Bedürfnis und unabhängig von der Tageszeit. Die vegetativen Funktionen sind voll erhalten, also Atmung, Kreislauf, Darm, Niere, dazu bestehen primitive Reflexe wie Greifreflex, Saugreflex und Stellreflex von Körper, Armen und Beinen. Bei ständiger Bettlägerigkeit werden die Gelenke geschädigt und es kommt zum Muskelschwund. "Ein Wachkomapatient spürt nichts, empfindet nichts, hört nichts, sieht nichts, erkennt nichts. Vom Hirnstamm, der noch funktionstüchtig ist, gelangt keine Information ins Großhirn", so Professor Franz Gerstenbrand von der Ludwig Boltzmann Gesellschaft für Restaurative Neurologie und Neuromodulation. Dem Neurologen Gerstenbrand verdankte die Menschheit vor rund 40 Jahren, dass solche Wachkomapatienten nicht für gehirntot erklärt wurden.

Gerstenbrand hatte entdeckt, dass Apalliker, also Wachkomapatienten, auf bestimmte Reize ansprechen und hatte verschiedene Stadien der Verbesserung aufgezeigt. Er konnte damit die Grundlage für die moderne Rehabilitation der Komapatienten legen. Ein halbes Jahrhundert später ist der Professor weiterhin unermüdlich mit der Behandlung von gehirngeschädigten Menschen beschäftigt.

"Erworbene Hirnschäden sind eine Behinderung der geistigen Tätigkeit, aber auch der Motorik. Je nach geschädigtem Hirnbereich können wesentliche motorische Einschränkungen bis hin zur Lähmung, zum Verlust oder zur Einschränkung des Sprech- oder Sehvermögens vorliegen", so Gerstenbrand. Gründe dafür sind Schlaganfall, Hirnverletzung, Entzündung des Gehirns, Sauerstoffmangel durch Ertrinken oder Herzstillstand. Alzheimer-Demenz oder Creutzfeldt-Jakob führen ebenso zu schweren Hirnschäden sowie zum apallischen Syndrom. Die Rehabilitation von schweren, akuten Hirnschäden erfordert eine langfristige Behandlung in entsprechenden speziellen Einrichtungen. Eine neue und viel versprechende Methode ist dabei der Einsatz der Fußsohlenstimulationstherapie.

Wird ein Patient mit schwerer Hirnschädigung in eine Intensivstation eingeliefert, zählt jede Minute. Zuerst werden die Primärschäden des Gehirns erfasst und behandelt. So rasch wie möglich ist nach der Intensivtherapie mit der Neurorehabilitation zu beginnen, die auf Spezialstationen zur Durchführung kommen soll. Da bei Wachkomapatienten - immerhin ist mit ca. 250 neuen Patienten pro Jahr in Österreich zu rechnen - die Integration der verschiedenen Sinnesmodalitäten noch nicht wieder gewährleistet ist, werden die einzelnen Sinne gezielt aktiviert. Besonders in den Fußsohlen befinden sich jene Empfänger, die das Gehirn mit Informationen über die Haltung des Menschen im Schwerefeld der Erde versorgen. Im Liegen, wie auch in der Schwerelosigkeit, ist dieses Informationssystem jedoch ausgeschaltet. Hier kommen die wissenschaftlichen Erkenntnisse Gerstenbrands ins Spiel. Mittels eines extra angefertigten Schuhs - vom wissenschaftlichen Team des Neurologen entwickelt und vom Wissenschaftsministerium und dem Jubiläumsfonds der Nationalbank finanziert - wird die Fußsohle mit Vibratoren stimuliert. Durch die Vibration mit bestimmter Frequenz und Intensität oder durch den Pressureffekt, der den Gang imitiert, wird - wie durch die funktionelle Magnetresonanz-Tomografie nachgewiesen werden konnte - der Blutfluss in den Gehirnzentren aktiviert. Die ersten Messreihen in diesem laut Gerstenbrand "weltweiten Pionierprojekt" erbrachten Erfolg versprechende Ergebnisse: Wird zum Beispiel die linke Fußsohle gereizt, zeigen sich Hirnaktivitäten nicht nur im dazugehörigen rechten sensorisch-motorischen Areal, sondern auch im linken sowie in Zwischenschaltstellen beidseitig. Auch das Stirnhirn, das die Aufgabe hat, Entscheidungen auszulösen, konnte aktiviert werden.

Bei der anlaufenden zweiten Phase der Untersuchungen, die mit der Radiodiagnostik II in Innsbruck unter Professor zur Nedden vorgesehen ist, werden die richtige Stimulationsfrequenz und die notwendige Stimulationszeit erarbeitet. Aus neurophysiologischer Sicht ist zu erklären, wie der Stimulationseffekt im Gehirn abläuft. Phase III soll schließlich Erkenntnisse über die Vorgänge bei anderen neurologischen Erkrankungen, wie etwa bei Parkinson-Patienten, Spastikern oder Stirnhirnschäden, bringen und eine neue Methode in die Behandlung einführen. Für Herzkranke, die sich nicht bewegen können, Diabetiker, Unfallopfer mit schwersten Verletzungen und überhaupt Patienten mit einem so genannten Bed-Rest-Syndrom, bestehen somit neue Methoden der Therapie.

Nicht nur dem Mensch auf Erden könnte somit gedient sein. Auch speziell im All soll Gerstenbrands Forschung zur Anwendung kommen. "Durch die Erstellung spezieller Trainingsprogramme für die Stimulation der Fußsohle kann im Weltraum gezielt der Entstehung von Raumfahrererkrankungen entgegengearbeitet werden." Diese zeigen sich unter andern in starkem Muskelschwund, sinkendem Wachheitsgrad und verminderter Bewegungskontrolle. Bereits 1987 war Professor Gerstenbrand von russischer Seite zur Mitarbeit im russischen Raumfahrtprogramm eingeladen worden, 1991 beteiligte er sich wissenschaftlich am Austromir-Programm, der ersten österreichischen bemannten Weltraummission auf der russischen Raumstation MIR. Die Zusammenarbeit mit den wissenschaftlich Verantwortlichen - vor allem mit Frau Professor Koslovaskaya - führte zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen im Bereich der Weltraummedizin, sowie zur Gründung der Österreichischen Gesellschaft für Weltraumforschung (ASM). Gerstenbrand leitet dort den Bereich der Weltraum-Neurologie. (Erika Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.6. 2003)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.