Mehr investieren ins Intervenieren!

Kommentar der anderen6. März 2012, 19:27
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Warum die zunehmende Abwertung der Sozial- und Geisteswissenschaften zukunftsfeindlich ist - Von Wolfgang Lutz

In der gegenwärtigen Debatte um die unterschiedliche Förderung von Spitzenforschung an verschiedenen Institutionen ist ein wichtiger Aspekt bisher untergegangen: die massive Verschiebung der Mittel hin zu den Naturwissenschaften. Am Ist Austria wird im Gegensatz zu anderslautenden Aussagen bei seiner Gründung voraussichtlich keine einzige der bis zu 100 geplanten Professuren der wissenschaftlichen Analyse von Gesellschaft und Wirtschaft gewidmet. Und selbst innerhalb des real schrumpfenden ÖAW-Budgets gibt es eine von der Politik verordnete Umschichtung hin zu den Life Sciences.

Dieser Trend ist nicht auf Österreich beschränkt. Das zum Glück rasch wachsende Budget des neuen Leuchtturms der europäischen Forschungsförderung, des Europäischen Forschungsrates (ERC), wird zu über 80 % an Naturwissenschafter vergeben. Letzte Woche fand in Brüssel die beeindruckende Fünfjahresfeier des ERC statt. Bisher wurden bereits rund 2500 Starting und Advanced Grants (zu je 1,0-3,5 Mio. Euro) nach strengsten Exzellenz-Kriterien vergeben, die jetzt schon im Ranking von Unis und Instituten oft wie Medaillenspiegel verwendet werden: Advanced = Gold, Starting = Silber. Allerdings hat der gesamte Bereich der Kultur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in ganz Europa nur rund 17 Prozent der Medaillen bekommen.

Aber es kann nicht darum gehen, zu jammern oder die Auswahlkriterien schlecht zu machen. Die Statistiken zeigen, dass die Annahmequoten mit rund 12 Prozent bei allen Disziplinen in etwa ähnlich liegen, und damit das Problem primär bei zu wenigen Anträgen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften liegt. Es muss also eher darum gehen, selbstbewusst aus den doch manchmal noch vorhandenen Elfenbeintürmen herauszutreten und im Dialog mit anderen Wissenschaften und der Gesellschaft unsere Stärken darzustellen und zu zeigen, warum man uns für die Zukunft braucht. Im Folgenden ein paar kurze Gedanken dazu:

Letztlich geht es für jeden Menschen um die drei alten Fragen: Wer bin ich, woher komme ich und wohin gehe ich? Neu kommt vielleicht dazu: Wie habe ich ein besseres Leben? Für die erste und zweite Frage sind vorrangig die Geisteswissenschaften zuständig. Deshalb werden sie international ja auch neuerdings als "Identity Sciences" bezeichnet. Jeder Mensch und jede Gruppe von Menschen braucht Identitäten. Und je besser und differenzierter wir diese kennen, umso besser für uns und das gedeihliche Zusammenleben in unseren Gesellschaften. Das werden vermutlich auch Politiker verstehen, wenn man es richtig vermittelt.

Bei den Fragen nach dem Wohin des Weges und den Möglichkeiten für ein besseres und gesünderes Leben haben die Naturwissenschaften eine entscheidende Rolle. Sie helfen, die Welt um uns wie auch unseren eigenen Körper besser zu verstehen. Daraus können sie Prognosen ableiten bzw. in den Lauf der Dinge eingreifen. Doch wo immer auch Gruppen von Menschen im Spiel sind, braucht man dazu die Sozialwissenschaften, die hier eine analoge Funktion haben: die sozialen und ökonomischen Wirkungszusammenhänge besser zu verstehen (Grundlagenforschung) und daraus dann Interventionsmöglichkeiten abzuleiten. Es gilt zu verstehen, was beeinflusst werden kann und was nicht, und welche möglichen Folgen alternative Interventionen haben. Aus diesem Grund nenne ich die Sozialwissenschaften hier "Intervention Sciences", was vermutlich ein neuer Begriff ist. Auf diese Art von Wissen wird kein rational denkender Politiker oder Unternehmer verzichten wollen.

Die Life Sciences haben zweifellos beachtliche Forschungserfolge mit einem großen Potenzial für unsere zukünftige Gesundheit. Daher ist es gut, dass hier kräftig investiert wird. Um Wohlstand und Lebensqualität auch in Zukunft zu sichern, bedarf es allerdings auch großer Investitionen in die Erforschung der Beweggründe unseres Verhaltens und der Möglichkeiten für eine besserer Organisation unseres Zusammenlebens. Die Naturwissenschaften alleine können dies sicher nicht leisten. (Wolfgang Lutz, DER STANDARD, Printausgabe, 7.3.2012)

WOLFGANG LUTZ ist Gründungsdirektor des Wittgenstein Centre for Demography & Global Human Capital, einer Kooperation von ÖAW, IIASA und der Wirtschaftsuniversität Wien.

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