Ruinen und Taschen-Apokalypsen

6. März 2012, 17:25
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Das Essl-Museum zeigt Industrie-Zeichnungen von Rudolf Schönwald

Es übernimmt damit wieder einmal die Aufgabe öffentlich subventionierter Museen: Künstler abseits des Mainstreams zu zeigen. Ein Porträt.

Klosterneuburg - Ganz erbärmlich habe er gezeichnet, als er 1948 an die Akademie der bildenden Künste in Wien kam. "Warum", habe Herbert Boeckl, der Leiter des Abendaktes, gefragt, "machen S' denn nur einen Strich? Machen S' doch hundert, einer wird dann schon stimmen."

Der Kunststudent nahm sich den Rat zu Herzen - und gab ihn weiter, als er 1975 als Professor an die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule in Aachen berufen wurde. Dort machte ihn ein Freund auf die Schönheit stillgelegter Industrieanlagen aufmerksam. Und irgendwann verschaffte sich Rudolf Schönwald, ausgerüstet mit Zeichenblock und Stift, tatsächlich Zutritt zu den meist abgeriegelten Arealen; zeichnete mit hunderten Strichen zunächst nur Industrieruinen, später auch noch aktive Betriebe.

"Diese Gebilde bekommen stellenweise etwas Anthropomorphes, Arme strecken sich empor. Sie erinnern an menschliche Figuren, die mich in einen bestimmten Spannungszustand gebracht haben, den ich durch eine andere Gegenständlichkeit nicht hätte ersetzen können."

Auf das Blatt geworfen

Hunderte Zeichnungen fertigte er im Laufe eines Vierteljahrhunderts an. Einige hat er in nur wenigen Stunden auf das Blatt geworfen, an anderen Tage und Wochen gearbeitet, andere legte er beiseite, um später weiterzuzeichnen. Und manche nehmen kein Ende, weil sie seinen Ansprüchen nicht genügen. "Einen Funken, einen Glutkern muss jede Zeichnung haben. Ich habe Jahre damit zugebracht, Sachen voranzutreiben oder zu Ende zu führen, die mir nicht gelungen sind. Ob mir das in meinem Alter noch möglich ist, ist fraglich."

Nach Fotos zeichnet er nie - viel zu langweilig! An mitunter schwindelerregenden Aussichtspunkten stellt Schönwald seinen dreibeinigen Hocker auf, "die Faszination ist immer noch da. Der Aufwand ist gigantisch, die Ausbeute gering."

Einen Großteil dieser Ausbeute zeigt nun das Essl-Museum. Die Freude darüber ist dem Künstler, der im Juni 84 Jahre wird, anzumerken. Denn nur selten wurde sein Zeichenwerk von und in Museen gewürdigt. Ressentiments gegenüber anderen, erfolgreicheren Kollegen sind ihm fremd: "Ich bin nicht übersehen worden. Ich bin nicht unter meinem Wert eingestuft worden. Ich bin nicht sonderlich gut behandelt worden. Aber schlecht auch nicht. Ich kann mich nicht beschweren."

Dass er immerhin eine Druckgrafik aus seiner König Ubu-Serie an die National Gallery in Washington verkauft hat: okay, ja. Nur kein unnötiges Wortgeklingel. Kein Selbstlob, bloß nicht! Eigentlich wollte er auch gar nicht Künstler werden, so viel Talent habe er sich gar nicht zugetraut, höchstens Plakatmaler, angewandter Zeichner.

In der Volksschule in Salzburg war vier Jahre lang der spätere Schriftsteller Gerhard Amanshauser sein Sitznachbar. "Ich beneidete ihn, weil er viel besser gezeichnet hat wie ich. Dafür hab ich viel bessere Aufsätze zusammenlügen können. "Woraus", sagt Schönwald und lächelt verschmitzt, " man wohl schlussfolgern könnte, dass wir beide unseren Beruf verfehlt haben."

1938, am Ende der Volksschulzeit, musste der zehnjährige Rudi drei Dinge verstehen lernen: dass es, erstaunlicherweise, Juden gab: dass er, noch erstaunlicher, zu ihnen gehörte; und dass ihn, am erstaunlichsten, deshalb keine Schule mehr wollte. "Mein Vater galt als Halbjude. Das ist ja die Wiener charakteristische Form des Juden: der Halbjude. Er war getaufter Katholik und als solcher außerordentlich bigott." Schönwalds Mutter entstammte einer angesehenen jüdischen Familie, hatte aber mit Religion nichts am Hut. Sie überlebte Auschwitz, der Vater hatte sich das Leben genommen. "Ich kam als getaufter Christ und unbeschnittener Jude ins Lager. Das für mich Schrecklichste ist, dass ich vermutlich der Einzige bin, der überlebt hat."

Nach dem Krieg kehrte er nach Wien zurück, in eine zerstörte, verstörte Stadt. "Alle waren wahnsinnig geworden vor Kummer, nicht nur die KZ-Überlebenden, sondern auch die, die sechs Jahre an der Front gewesen waren. In solchem Ausmaß wurde in Europa noch nie umgebracht, sämtliche Todesarten standen zur Verfügung: Vernichtungslager, Fliegerbomben, Ertrinken im Luftschutzkeller. Die Menschen waren in einem so bedauernswerten Zustand, dass man keinen Gram gegen sie hegen konnte, sondern nur gegen das soeben untergegangene Regime, das Europa in ein Tollhaus verwandelt hatte."

Erstaunliche Leistungen

Gegenüber dieser "Kläglichkeit der äußeren Verhältnisse" stand, so Schönwald, eine durchaus nicht jämmerliche Kunstproduktion. "Die Leistungen waren erstaunlich. Es gab ja weder Vorbilder noch Lehrer, die einem etwas näherbringen hätten können. Die Kunst entstand aus dem Nichts."

Schönwald studierte an der Akademie der bildenden Künste bei Joseph Dobrovsky, gemeinsam mit Wolfgang Hollegha und Josef Mikl. Hatte erste Ausstellungen. Nahm an Grafik-Biennalen teil. Malte Wandbilder für die Eingangsbereiche zweier Wohnhäuser in Floridsdorf. Bekam Preise. Machte Bühnenbilder. Jobbte. Wurde technischer Leiter eines Avantgardetheaters. Zeitungsillustrator. Schuf einen Werkzyklus zu Candide und einen Comicstrip, den er zwischen 1968 und 1974 im Neuen Forum veröffentlichte. Die Texte zu den Bildgeschichten um den Comic-Helden Goks schrieb seine Frau Gilli Hillmayr, die er 1961 geheiratet hatte und die, nur 51-jährig, an Krebs starb.

Wo ein Wille, da ein Weg, der Tüchtige schafft es schon. Diese Floskeln des freien (Kunst-)Marktes glaubte Schönwald nie. Auch wenn er durch die Professur in Aachen ein fixes Einkommen hatte und jetzt über eine anständige Pension verfügt: " Die idyllischen Darstellungen eines Künstlerlebens, die nur aus Erfolgen und Ehrungen bis zum Ehrengrab bestehen, treffen die Wirklichkeit nicht. Es spielen sich Tragödien ab, Dramen, Dramolette. Oder, wie es ein Freund von mir ausdrückte, Taschen-Apokalypsen, die in keiner Biografie berücksichtigt werden." (Andrea Schurian, DER STANDARD - Printausgabe, 7. März 2012) 

Eröffnung am 8. 3., 19.00; bis 13. 5.

  • Rudolf Schönwald: "Die idyllischen Darstellungen eines Künstlerlebens 
treffen die Wirklichkeit nicht."
    foto: standard/andy urban

    Rudolf Schönwald: "Die idyllischen Darstellungen eines Künstlerlebens treffen die Wirklichkeit nicht."

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